Sparkassenchef Matthias Neth „Wir brauchen mehr Leistungshunger in diesem Land“

Baden-Württemberg trifft die Rezession derzeit härter als den Bundesdurchschnitt, sagt Matthias Neth. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Rezession kommt mit Verzögerung auch bei den Sparkassen an. Der neue Präsident des Sparkassenverbandes Baden-Württemberg, Matthias Neth, sieht die Politik in der Pflicht, in gesellschaftspolitisch schwierigen Zeiten Impulse zu setzen.

Seit Mai ist Matthias Neth neuer Präsident des Sparkassenverbandes in Baden-Württemberg. Der 45-Jährige fordert angesichts der derzeit angespannten wirtschaftlichen Lage Wachtsumspakete für die Wirtschaft. Aber auch die Bürger und Bürgerinnen sieht er in der Pflicht.

 

Herr Neth, Sie waren mehr als ein Jahrzehnt Landrat des Hohenlohekreises. Nun sind Sie Sparkassenverbandspräsident in Baden-Württemberg. Wie war der Seitenwechsel für Sie?

In beiden Funktionen gilt für mich: Ich bin ein überzeugter Verfechter des kommunalen Gestaltungsrahmens. Die Tätigkeit als Landrat habe ich mit voller Kraft, Freude und Überzeugung ausgeübt. Auch meine neue Aufgabe ist eine ganz besondere Gestaltungsaufgabe. Die Sparkassen-Finanzgruppe ist der Finanzpartner Nummer eins für den Mittelstand und die Menschen im Land. Wir übernehmen Verantwortung, damit Unternehmen investieren und Privatleute sich den Traum vom Eigenheim erfüllen können. Als oberster Repräsentant der Gruppe wirke ich nach innen wie nach außen. In Gesprächen mit Politik und Verwaltung ist es mein Ziel, Impulse auch in Richtung Bund und Europa zu geben, zum Beispiel damit überbordende Bürokratie abgebaut wird.

Bei Ihrer ersten Bilanzpressekonferenz im Juli haben Sie vorsichtig Impulse der Politik in der aktuell wirtschaftlich angespannten Situation angemahnt – was wünschen Sie sich?

Wir stellen fest, dass viele Unternehmen mit angezogener Handbremse unterwegs sind. Die Wirtschaft läuft in eine Rezession hinein. Die Investitionszurückhaltung ist greifbar. Es herrscht Unsicherheit. Daher brauchen wir gerade jetzt eine verlässliche und planbare Politik, die auf Wachstum ausgerichtet ist. Gesellschaft und Wirtschaft müssen wissen, wo der Energiepreis hingeht und was unsere Energieversorgung der Zukunft ist. Es gilt, die Wirtschaft von überbordender Bürokratie zu entlasten. Den Rahmen muss die Politik vorgeben.

Auch für viele Bürgerinnen und Bürger ist die aktuelle Lage schwierig.

Als Gesellschaft müssen wir uns aber auch die Frage stellen: Wo soll die Wertschöpfung in Baden-Württemberg und Deutschland zukünftig stattfinden? Denn als Gesellschaft haben wir hohe Ansprüche: Wir wollen ein sozialer Staat sein, wollen Innovationen, eine funktionierende Infrastruktur und wir wollen zur gleichen Zeit den Klimawandel und den demografischen wandel bewältigen. Das Ganze kostet Geld, das erwirtschaftet werden muss.

Was meinen Sie damit konkret?

Ich bin überzeugt, dass wir mehr Leistungshunger in Deutschland brauchen. Bei allem Verständnis für den individuellen Wunsch zum Beispiel nach einer Vier-Tage-Woche und dass der ein oder die andere sagt, ich komme auch mit weniger zurecht – wir müssen uns die Frage stellen, wie wir den Wohlstand in diesem Land bewahren können. Die Demografie bewirkt, dass immer weniger Menschen einer regulären Erwerbstätigkeit nachgehen werden. Es gibt schlicht zu wenig Arbeitskräfte, die die vorhandene Arbeit erledigen. Wir brauchen etwa Anreize, damit Menschen, die das können und wollen, länger arbeiten. Bei der durchschnittlichen Jahresarbeitszeit der Erwerbstätigen liegt Deutschland deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. In manchen anderen europäischen Staaten wird eher die Sechs-Tage-Woche diskutiert als die Vier-Tage-Woche. Im Durchschnitt müssen wieder mehr Wochenstunden gearbeitet werden.

Derzeit streichen etliche Unternehmen in Baden-Württemberg Stellen wegen der schwierigen Lage. Es gibt Insolvenzen von namhaften Firmen. Wie wirkt sich dies alles bei den Sparkassen aus?

Die Statistiken zeigen tatsächlich einen Anstieg der Unternehmensinsolvenzen, auch in Baden-Württemberg. Momentan hat sich die Qualität in den Kreditbüchern der Sparkassen dadurch allerdings nicht verschlechtert. Wir müssen sehr sorgsam darauf achten, wie sich das mit der Zeit entwickelt. Die Sparkassen-Gruppe in Baden-Württemberg ist sehr gut kapitalisiert und enorm leistungsstark. Unsere Institute schauen sehr genau hin bei der Kreditvergabe und kennen ihre Kunden gut. Insofern wären wir auch für eine etwaige weitere Verschlechterung der Konjunktur gut vorbereitet. Was es jetzt braucht, sind neue Wachstumsimpulse für die Wirtschaft. Das Ziel muss es sein, schnell aus der Rezession herauszukommen.

Was erwarten Sie noch von der Europäischen Zentralbank und ihrem Kurs, die Leitzinsen wieder zu senken?

Die jüngsten Zinssenkungen der EZB haben beispielsweise bei der Immobilienfinanzierung keine großen Auswirkungen gehabt, weil der Markt diese Zinssenkungen schon erwartet und eingepreist hatte. Ob eine weitere Zinssenkung den Immobilienmarkt und das Baugeschehen belebt, darf bezweifelt werden. Das Entscheidende ist ja nicht der Zins. Insgesamt ist der Eigentumserwerb derzeit schlicht zu teuer. Die Herstellungspreise für Immobilien und die Baunebenkosten sind zu hoch, günstiges Bauland ist rar.

Und ist für viele damit nicht mehr bezahlbar.

Das hat auch eine soziale Dimension: Wenn junge Familien heutzutage kein Eigentum mehr erwerben können, ist das dramatisch, weil dieses irgendwann als Teil der Altersvorsorge fehlt. Wir haben hierzu klare Vorschläge an die Politik gemacht, etwa, dass man bei einer selbst genutzten Immobilie die Darlehenszinsen wie in den 1990er Jahren steuerlich geltend machen kann. Der Ersterwerb könnte zudem von der Grunderwerbsteuer befreit werden. Wir fordern eine weitere Entschlackung des Baurechts und der Auflagen, um das Bauen wieder billiger zu machen. Bei älteren Gebäuden stellt die energetische Sanierung einen riesigen Kostenblock dar. Auch hier brauchen Hauskäufer Verlässlichkeit und Planbarkeit in Bezug auf Förderprogramme.

Ist Baden-Württemberg besonders beeinträchtigt?

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Baden-Württemberg trifft es aktuell etwas stärker als den Bundesdurchschnitt. Unser Bundesland war jahrelang ein großer Profiteur der Globalisierung und des Freihandels. Mittlerweile gibt es zunehmend mehr Zölle und Handelsbeschränkungen. Das Geschäftsmodell funktioniert nun weniger gut. Trotzdem ist Baden-Württemberg, was seine Innovationsfähigkeit angeht, grundsätzlich in der Lage, wieder ein starkes Wirtschaftswachstum hervorzubringen.

Welche Note würden Sie der aktuellen Bundesregierung geben?

Es wäre fehl am Platz, hier mit Schulnoten zu arbeiten. Wir brauchen dringend Impulse für Wirtschaft und Gesellschaft. Die Multikrisen, die wir derzeit in der Welt haben, wie der Krieg in Europa und die Energieknappheit, dürfen nicht die Sicht auf Zukunftsthemen verstellen. Wir müssen sie angehen, allen voran die Digitalisierung sowie Investitionen in die Infrastruktur und in neue Technologien.

Kann der schon beginnende Bundestagswahlkampf ein Bremsklotz sein?

Jeder, der in der Politik Verantwortung trägt, muss sich gewahr sein, dass wir diese Impulse schnell brauchen. Wenn wir nicht aufpassen, verliert Deutschland nicht nur den Anschluss an andere Volkswirtschaften, sondern auch unser jahrelang erfolgreiches Geschäftsmodell würde sich ändern: der Welt hochinnovative, erstklassige Produkte anzubieten.

Noch ein Blick auf die Kryptowährung: Ulrich Reuter, Präsident des deutschen Sparkassen- und Giroverbands, sieht Bitcoins als „Spekulationsobjekt für Einzelanleger“. Teilen Sie seine Meinung?

Als Sparkassen-Finanzgruppe stellen wir unserer Kundschaft für alle Bedarfe ein breites Spektrum an passgenauen Finanzdienstleistungen zur Verfügung. Kryptowährungen wie Bitcoin gehören nicht dazu, auch wegen vieler offener regulatorischer Fragestellungen. Wir bieten aber selbstverständlich digitale Finanzdienstleistungen an, wo wir ganz vorne dabei sind. Nehmen Sie zum Beispiel die European Payments Initiative EPI mit dem Produkt Wero [Anm. d. Red.: Damit sollen Privatkunden in wenigen Sekunden Geld verschicken können - per Handynummer oder E-Mail-Adresse.]. Hier geben wir erstmals eine gemeinsame europäische Antwort im digitalen Zahlungsverkehr. Wir sind hier gemeinsam mit anderen deutschen und europäischen Banken führend.

Ist damit das Ende des Bargelds eingeläutet?

Wir bekennen uns klar dazu, dass es weiterhin Bargeld gibt. Für viele Menschen ist Bargeld ein Symbol für Sicherheit. Da bleiben wir felsenfest bei unserer Position.

Vom Landrat zum Sparkassenverbandspräsidenten

Karriere
Matthias Neth wurde am 04. September 1979 in Stuttgart geboren. Der zweifache Vater studierte Rechtswissenschaften an der Universität Tübingen, und arbeitete unter anderem im Innen- und im Staatsministerium Stuttgart. Von 2013 bis 2024 war der 45-Jährige Landrat des Hohenlohekreises. Seit Mai 2024 ist er Präsident des Sparkassenverbands Baden-Württemberg.

Sparkassen
In Baden-Württemberg gibt es 50 Sparkassen. Diese verzeichneten im ersten Halbjahr 2024 eine positive Geschäftsentwicklung. Die Bilanzsumme stieg laut eigenen Aussagen auf 244,3 Milliarden Euro. Knapp die Hälfte der Kundschaft sind Privatkunden, die andere Hälfte sind Unternehmenskunden. Für fast die Hälfte aller Kunden in Baden-Württemberg, sowohl im privaten als auch im Unternehmensbereich, ist die Sparkasse laut Matthias Neth die Haus- und Hauptbank.

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