Sparkurs in Fellbach IBA-Intendant Andreas Hofer ist vom Fellbach-Ausstieg nicht schockiert

IBA’27-Intendant Andreas Hofer wirkt stets entspannt. „110 Hektar Ideen“ hat Fellbach zwar, wie es auf dem Projektgelände heißt (rechts), aber derzeit steht dafür kein Geld zur Verfügung. Foto: Lichtgut/privat

Die Stadt Fellbach hat aus finanziellen Gründen das Engagement für die Internationale Bauausstellung eingefroren. Der IBA’27-Intendant Andreas Hofer zeigt sich nur bedingt erschüttert.

Mit 110 Hektar Fläche, was etwa 140 Fußballfeldern entspricht, kann Fellbach (Rem-Murr-Kreis) das in seinen Ausmaßen größte Projekt aller Kommunen zur Internationalen Bauausstellung 2027 vorweisen. Eigentlich. Doch angesichts der anhaltenden Ebbe in der Stadtkasse und der im Zuge der Haushaltskonsolidierung erforderlichen Sparpakete hat der Gemeinderat kürzlich den Vorschlag der Rathausspitze gebilligt, das Engagement für „Agriculture meets Manufacturing“ (so der Titel des Fellbacher Projekts) nahezu auf Null herunterzufahren und die Fellbacher Beteiligung an der Internationalen Bauausstellung Stadtregion Stuttgart 2027 ruhen zu lassen. Wie schockiert ist IBA’27-Intendant Andreas Hofer über diesen Fellbacher Schritt? Sein Vortrag zur Qualität der Bauausstellung in der Volkshochschule Unteres Remstal in Waiblingen am Freitag, 6. März, ist ein guter Anlass, ihn danach zu befragen.

 

Herr Hofer, was haben Sie denn gedacht, als sie erstmals davon gehört haben, dass die IBA unterm Kappelberg auf Eis gelegt wird? Vielleicht: „Das darf doch nicht wahr sein?“

Also, wenn Sie mich jetzt fragen, „bin ich aus allen Wolken gefallen, ist das ein fürchterlicher Schock für die IBA?“: Wir sind natürlich auch bei anderen Orten mit derartigen Überlegungen konfrontiert. Damit habe ich auch gerechnet, ich habe Großprojekt-Erfahrung. Wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen so stark verändern, wie sie das in den letzten drei, vier Jahren getan haben, da wird dann ein Projekt vielleicht nach hinten geschoben, man erhofft sich Sicherheit. Und die wirtschaftlichen Bedingungen sind natürlich wirklich sehr herausfordernd, gerade im Bereich Gewerbeflächenentwicklung. Damit müssen wir als 10-Jahres-Projekt rechnen, dass man auch in schwierige Gewässer rein navigiert. Das ist uns an verschiedenen Stellen passiert. Ich kann das Gegenteil dann auch nicht erzwingen oder sagen, wir haben einen Vertrag unterschrieben, ihr müsst da jetzt Millionen investieren und bauen. So funktioniert die IBA nicht.

Alles paletti also, oder doch schon ein wenig Verärgerung?

Ich nehme zur Kenntnis, dass es diesen Beschluss gibt, und will den auch nicht wegreden. In den Gesprächen haben uns die Oberbürgermeisterin Zull, Baubürgermeisterin Soltys und die Kämmerin mitgeteilt, dass ihnen dieses Zeichen wichtig ist. Wir sehen natürlich auch die aktuellen Entwicklungen, die wahnsinnigen Probleme mit den Budgets. Aber es geht hier ja aktuell nicht um investives Geld, sondern um zwei, drei Leute aus dem Stadtplanungsamt, die sich seit Jahren intensiv über die Zukunft der Gewerbegebiete Gedanken gemacht haben. Ehrlich gesagt, für mich war es deshalb schon auch ein bisschen eine symbolische Aktion, zu sagen, da investieren wir im Moment keine weiteren Ressourcen. Aber wenn es hilft, einen genehmigungsfähigen Haushalt hinzukriegen. . .

Mit 110 Hektar bildet Fellbach mit „Agriculture meets Manufacturing“, übersetzt also Landwirtschaft trifft Gewerbe, die größte Fläche der Bauausstellung. Dieser Superlativ fehlt nun im Portfolio der IBA – oder ist das Fellbacher Projekt gar nicht beerdigt?

Das Thema ist keineswegs beerdigt, sondern auf nationaler und internationaler Ebene, nicht zuletzt dank diesem Projekt, auf die Agenda gekommen. Es beschäftigen sich im Moment sehr viele Programme mit dem Gewerbegebiet der Zukunft – was heißt das baurechtlich, was heißt das beim Lärm, kann man da vielleicht doch wohnen? Mitarbeiterwohnen ist ein großes Thema geworden für verschiedene Betriebe. Ich glaube, das Thema wird uns die nächsten 10, 15 Jahre extrem beschäftigen. Und für uns als IBA gilt vielleicht die Erkenntnis: Wir waren allenfalls ein bisschen zu progressiv, haben ein Thema lanciert, das jetzt so langsam in die Diskussion einsickert, auch in der Politik übrigens. Und die bisherigen Erkenntnisse aus dem Fellbacher Projekt gibt es ja.

Worum geht es in dem Fellbacher Projekt überhaupt?

Also, es ist nicht wie ein Immobilienprojekt, nach dem Motto: Ich habe ein Grundstück, ich bin eine Genossenschaft, ich will etwas bauen. Das Gewerbegebiet ist eine attraktive Lage direkt an der Grenze zu Stuttgart, und man hat in meinen Augen sehr vorbildlich erkannt: Wir müssen uns auf die Veränderung solcher Gebiete vorbereiten. Wir haben viel über Wohnungsbau gesprochen die letzten Jahrzehnte in Deutschland, aber solche Gewerbegebiete sind ein bisschen unterbelichtet. Das sind riesige Flächen am Rand unserer Kommunen, wo viel Potenzial ist und auch etwas passiert.

Andreas Hofer, hier mit Mikrofon, am 15. Mai 2025 als Moderator bei der Busrundfahrt mit interessierten Teilnehmern zu diversen IBA-Projekten in Stuttgart und der Region. Foto: Christoph Schmidt/Lichtgut

Doch der Elan wurde ausgebremst, es gab Verzögerungen und Hindernisse?

Ja, es kam Ukraine, es gab Baukosten- und Zinssteigerungen, und natürlich im speziellen Fellbacher Fall diese Geschichte mit der vom Land geplanten Lea, der Landeserstaufnahmeeinrichtung für vielleicht zweieinhalbtausend Flüchtlinge hier in diesem Gebiet – ich will das jetzt gar nicht beurteilen, aber dies hat schon zu einer Blockade geführt. Die ganze Welt wird schwierig um uns herum, und jetzt kommt noch diese Lea: Da haben die Fellbacher gesagt, jetzt warten wir besser mal, wie sich die Welt entwickelt. Das alles zusammen ist eine Geschichte, die wir schon etwa seit drei Jahren erleben.

Ist Fellbach bisher die einzige Stadt oder sind auch andere Kommunen diesen Schritt gegangen und haben entschieden, dass sie für ein oder zwei Jahre kein Geld für die IBA ausgeben?

Bei wenigen anderen Städten ist es ähnlich. Einige haben im Moment Vermarktungsprobleme für Projekte, die sie vorbereitet haben. Als ich hier vor sieben Jahren begonnen habe, hat man gesagt, es wird hier jedes Grundstück sofort aus den Händen gerissen, der Bedarf für Gewerbefläche und für Wohnungen ist riesig. Und da sind wir heute in einer komplett anderen Situation.

Ein Fellbacher Projekt, das aber nicht zum Gewerbegebiet gehört, ist der Neubau an der Eppingerstraße in Bahnhofsnähe.

Das ist ein sehr vorbildliches und engagiertes und architektonisch besonderes Projekt mit einem Wettbewerb, den das Siedlungswerk mit uns durchgeführt hat. Da findet in den nächsten Wochen die Grundsteinlegung statt. Das Siedlungswerk wird 2027 mit diesem Gebäude fertig sein, so ist die Planung. Wir werden dort auch Räume zur Verfügung haben und Besichtigungen anbieten, wo wir über dieses Projekt, aber auch über den gesamten Fellbacher Kontext informieren können. Es wird ein Besuchsort sein, wie wir das im Moment nennen. Aber Fellbach wird jetzt nicht mehr einer der großen Ausstellungsorte sein, wo du das Kassenhäuschen beim S-Bahnhof hast, und von morgens 9 Uhr bis abends 20 Uhr ist das große Programm. Aber natürlich werden wir auch Führungen durchs ganze Gebiet anbieten.

Es heißt ja öfter, dass bei der IBA’27 bis zum Ausstellungsjahr kaum etwas fertig wird, stimmt das?

Das stimmt nicht. Gerade die Eppingerstraße ist ein tolles Projekt, das dann zu sehen sein wird. Und es sind tatsächlich sogar verblüffend viele Projekte, die im Jahr 2027 in vielen Orten der ganzen Region fertig gebaut zu sehen sein werden – Einzelgebäude bis hin zu ganz großen Quartieren.

Im Zusammenhang mit irgendwann mal fertiger Gebäude fällt mir der Fellbacher Schwabenlandtower ein. Der wäre doch ein tolles IBA-Projekt, hat uns jedenfalls der neue Investor Joachim Ebner vor ein paar Wochen erzählt, und das habe er Ihnen, Herr Hofer, auch schon mitgeteilt. Wie stehen die Chancen?

Also, der Tower steht ja jetzt seit Jahren da und wir kennen alle die Geschichte. Es wäre natürlich toll, wenn die ein gutes Ende finden würde. Es haben sich verschiedene Leute die Zähne ausgebissen an diesem Ding. Herr Ebner hat mir das Projekt mal vorgestellt und ich habe gesagt, ich wünsche ihm viel Glück und alles Gute. Und ich fände es natürlich wirklich schön für Fellbach, weil das ist ein, ja Schandmal wäre das falsche Wort, aber es ist natürlich schon eine Wunde, die dort seit Jahren klafft, und auch eine wahnsinnige Investition. Abgesehen davon, dass es um Tausende von Tonnen CO2 geht – und nur die beiden Falken und ihre Babys dort auf der Spitze des Turms, das sind auf Dauer zu wenige Bewohner.

Um welche Rems-Murr-Projekte geht es denn noch in Ihrem Vortrag in Waiblingen?

Die Leute sind neugierig, wollen natürlich wissen, was passiert in meinem Umfeld, was passiert in meiner Kommune? Und im Rems-Murr-Kreis sind wir sehr viel unterwegs, haben auch sehr schöne und gute Partnerschaften und Projekte, die meiner Einschätzung nach für die Entwicklung der Region ganz zentral sind. Also wenn ich an die Hangweide in Kernen denke, wo es jetzt auch nicht immer reibungslos zuging die letzten Jahre, aber im Moment ganz vieles in Bauvorbereitung ist und noch dieses Jahr begonnen wird. Die ersten Wohnungen werden in diesen Tagen bezogen.

Auch Waiblingen ist bei der IBA’27 vertreten?

Ja, mit dem Projekt auf der Korber Höhe hat Waiblingen ein bisschen von Leinfelden-Echterdingen gelernt. In Leinfelden-Echterdingen gibt es auch ein großes Wohngebiet aus den 60er, 70er, 80er-Jahren mit älter werdender Bevölkerung, mit keinen barrierefreien kleinen Wohnungen. Die Stadt hat sich dann entschieden, am Siedlungsrand ein Neubaugebiet auszuschreiben, das Pflege, Barrierefreiheit, kleinere Wohnungen, Bezahlbarkeit thematisiert. Und Waiblingen hat im Prinzip dieses Konzept übernommen und mit uns zusammen für die Korber Höhe einen ähnlichen Wettbewerb ausgelobt. Diese Gebäude werden 2027 nicht fertig sein, aber es war ein ziemlich vorbildliches Verfahren, und die Welt hört ja glücklicherweise nach der IBA auch nicht auf.

Schweizer Architekt als IBA’27-Chef

Der Intendant
Andreas Hofer, geboren 1962 in Luzern in der Schweiz, hat an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich Architektur studiert. Im Jahr 2018 übernahm er als Intendant die künstlerisch-inhaltliche Leitung der Internationalen Bauausstellung Stadtregion Stuttgart 2027. Er gilt, wie es bei der Ernennung hieß, als „ein ausgewiesener Experte für neuartige Planungsstrategien und partizipative Prozesse insbesondere im Wohnungs- und Siedlungsbau“.

Der Vortrag
Der Abend in der Volkshochschule Unteres Remstal, Bürgermühlenweg 4 in Waiblingen, beginnt am Freitag, 6. März, um 19.30 Uhr. Andreas Hofer spricht zum Thema „Wohn- und Lebenstrends: die IBA’27 in der Region“.

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