Sparpläne in Stuttgart Massive Kürzungen im Ganztag – „Nur noch eine Verwahrung der Kinder“

Im Ganztag geht es auch um Bildungsgerechtigkeit, da sind sich die Heumadener Rektorin Petra Fix, Andreas Romba, Leiter des Ganztags an der Grundschule Heumaden, und Ines Franitza, Leiterin des Ganztags an der Rappachschule, (im Uhrzeigersinn) einig. Foto: privat/Awo/Lichtgut/dpa

Der Sparhaushalt trifft wohl auch den Ganztag an den Grundschulen. Das hätte immense Folgen für Kinder und Eltern, warnen Fachkräfte und schlagen Alarm. Es geht auch um viele Jobs.

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

An diesem Winternachmittag ist die Grundschule Heumaden voller Leben. Viele Kinder haben es eilig, weil es noch einiges zu entdecken gibt. Beim Naturschutzbund Nabu zum Beispiel können Weihnachtsdekorationen gebastelt werden. Der örtliche Sportverein hat in der Turnhalle eine Bewegungslandschaft aufgebaut. Es ist viel los, die Schule hat zum „Tag der offenen Tür im Ganztag“ eingeladen, und viele Eltern sind gekommen.

 

Andreas Romba, der Leiter des Ganztagsbereichs an der Grundschule Heumaden, freut sich über den Zuspruch, doch an die Zukunft denkt er mit Sorgen. Denn die Stadt muss sparen, Gemeinderat und Verwaltung ringen um einen genehmigungsfähigen Haushalt. Die dafür notwendigen Kürzungen werden auch Familien treffen. Beratungs- und Hilfsangebote stehen auf der Kippe, höhere Kita-Gebühren sind im Gespräch. Und der Ganztag an den Grundschulen, den Stuttgart in den vergangenen Jahren aufgebaut hat, und auf dessen Qualität und Umfang Verwaltung und Gemeinderat stolz sind, wird wohl nicht mehr in dieser Form fortgeführt.

So sehen die Sparpläne für den Ganztag aus

In der sogenannten Giftliste hatte die Stadt im November weitere mögliche Kürzungen aufgeführt. Unter dem Stichwort „Optimierung der Standards im Ganztagsbereich“ ist ein Einsparpotenzial von 6,4 Millionen Euro jährlich genannt. Konkret geht es dabei um Personal, rein rechnerisch könnten mehr als 100 Stellen wegfallen. Das bedeutet, dass viele Angebote, die vorher von zwei Fachkräften betreut wurden, künftig nur noch von einer Fachkraft betreut werden.

Mit der „Streichung von Sachmitteln für die Neukonzeption und zentrale Koordination der Modelle Sport, Musik, Natur und Kultur im Ganztag“ könnte lauft Giftliste noch einmal eine Million Euro pro Jahr gespart werden. Das würde Sportvereine und andere Kooperationspartner treffen. Ob für die Angebote, mit denen sie den Ganztag bereichern, künftig noch Geld da ist, ist damit fraglich.

Auch die Früh- und Spätbetreuung stehen zur Disposition. Aktuell können Eltern zum kostenlosen Ganztagsangebot jeweils eine Stunde Betreuung vor Unterrichtsbeginn (in der Regel von 7 bis 8 Uhr) und nach Unterrichtsende (in der Regel von 16 bis 17 Uhr) kostenpflichtig hinzubuchen.

Wohl bereits beschlossen sind die Streichung der Klassenstufenkoordinatoren und Kürzungen bei den Nachqualifizierungs- und Fortbildungsprogrammen.

Der Ganztag hat sich etabliert und ist nachgefragt

Andreas Romba kann das nicht verstehen. Träger des Ganztags in Heumaden ist die Arbeiterwohlfahrt (Awo). Mit 34 Kindern hatte man im Schuljahr 19/20 den Ganztag mit der ersten Klasse gestartet. Mittlerweile nutzen 235 Mädchen und Jungen die Angebote. Sie kämen gerne, und die Eltern seien dankbar, weil sie ihren Nachwuchs in guten Händen wissen, sagt Andreas Romba. Trotz der Coronajahre habe man ein Team mit vielen gut qualifizierten und motivierten Kolleginnen und Kollegen sowie Kooperationspartnern aufgebaut. Jeden Tag seien Kurse aus den Bereichen Sport, Kultur, Natur, Wissen und Kreativität im Programm.

Der Ganztag ist für viele Schulen wichtig“, sagt auch Petra Fix, die Rektorin der Grundschule Heumaden. Die Kinder seien nicht nur betreut, viel mehr gehe es um qualitativ hochwertige, pädagogische Angebote, um die Kinder zu fördern. Dabei spielt für sie auch die Bildungsgerechtigkeit eine wichtige Rolle. Im Rahmen der Ganztagsschule könnten Kinder an Angeboten teilnehmen, die ihnen manches Elternhaus nicht ermöglichen könnte. Zudem würden die pädagogischen Fachkräfte aus dem Ganztag auch im Unterricht oder bei den Hausaufgaben unterstützen.

„Viele Schulen haben vieles über die Jahre aufgebaut, was nun zu zerbrechen droht. Wir würden es schade finden, wenn von der ursprünglichen Stuttgarter Qualitätsoffensive im Ganztag nur wenig übrig bleiben würde“, sagt Petra Fix. Am Ende werde es womöglich nur noch eine bloße Betreuung, eine Verwahrung der Kinder sein.

„Das hat Auswirkungen auf unsere Gesellschaft“

Ines Franitza von der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (Eva), die Leiterin des Ganztags an der Rappachschule in Weilimdorf, sieht das genauso. „Schule ist ein Lebensraum für Kinder. Dieser bietet ihnen Struktur und Sicherheit. Bildung ist nicht nur Vermittlung von Wissen, sondern passiert ganzheitlich“, sagt sie. Stuttgart habe das verstanden gehabt und mit seinem Ganztagskonzept hohe qualitative Standards an die Schulen gebracht. Die nun im Raum stehende Streichung von Betreuungsangeboten und Absenkung von Standards sei ein großer Rückschritt. „Wir nehmen den Kindern die Möglichkeit, sich in ihrer Ganzheitlichkeit zu entwickeln und zu bilden, und das hat Auswirkungen auf unsere Gesellschaft“, warnt Ines Franitza.

Brandbrief des Gesamtelternbeirats Stuttgart

Der Gesamtelternbeirat (GEB) der Stuttgarter Schulen ist empört über den Sparhaushalt. Die geplanten massiven Kürzungen im Bildungsbereich seien ein Armutszeugnis für eine angeblich kinderfreundliche Stadt. Nicht nur würden dringend notwendige Baumaßnahmen gestrichen, obwohl viele Schulen bereits jetzt nur noch mit Notlösungen operierten und der Unterrichtsbetrieb bereits gefährdet sei. Nun werde auch noch am Gantztagskonzept der Grundschulen gesägt, das Stuttgart noch unlängst stolz und überregional präsentiert habe, heißt es in einem Brandbrief an Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne), die Stuttgarter Verwaltungsspitze und die Mitglieder des Gemeinderats.

Für die kommende Woche sind in Stuttgart mehrere Protestaktionen gegen die Sparpläne der Stadt in den Bereichen Jugendhilfe und Bildung geplant. Foto: Lichtgut

Auch die freien Träger der Kinder- und Jugendhilfe haben einen solchen formuliert. „Der vorgeschlagene Kahlschlag im Ganztag der Grundschule – dem Ort, an dem alle Kinder der Stadt erreicht werden – würde jungen Menschen wichtige Bildungschancen nehmen und er wäre, ob der zu erwartenden hohen gesellschaftlichen Folgekosten, zukunftsvergessen“, heißt es dort.

Ebenso kritisiert die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Verdi die geplanten Kürzungen in der Ganztagesbetreuung, der Jugendhilfe und bei dem Personal der Landeshauptstadt. Der Sparkurs gefährde nicht nur die soziale Infrastruktur, sondern treffe Kinder, Familien und Beschäftigte gleichermaßen, heißt es in einer Pressemitteilung.

Hintergrund

Rechtsanspruch
Die geplanten Kürzungen im Ganztag an den Stuttgarter Grundschulen kämen zu einem schlechten Zeitpunkt. Vom kommenden Schuljahr an, haben Eltern ein Recht auf eine ganztägige Betreuung ihres Grundschulkinds. Dieser Anspruch wird stufenweise umgesetzt, beginnend mit der Klassenstufe 1.

Protestaktionen
Die SPD Stuttgart hat unter der Überschrift „Stoppt den Kahlschlag an unseren Kindern und Jugendlichen“ eine Petition auf der Online-Plattform Change.org veröffentlicht und bereits mehr als 4350 Unterschriften gesammelt. Der Personalrat des Jugendamts plant für Montag, 8. Dezember, eine Protestaktion. Im Mittelpunkt steht die Botschaft „Der Ganztag ist kein Anhängsel, kein Luxus, kein Angebot für nebenher!“ Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ruft am Mittwoch, 10. Dezember, zu einer weiteren Aktion auf. Diese richtet sich gegen die Kürzungen im gesamten städtischen Haushalt. Beschäftigte und Unterstützende sollen in schwarzer Kleidung erscheinen, um deutlich zu machen, dass die geplanten Einsparungen den Fachkräftemangel erhöhen und zentrale Säulen der sozialen Daseinsvorsorge bedrohen.

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