Der Stuttgarter Autozulieferer Mahle steckt tief in der Krise. Ljiljana Culjak, Boris Schwürz und Jennifer Thieskes (von links) vom Betriebsrat fürchten um das Wohl der Mitarbeiter. Foto: dpa/Marijan Murat
Beim Stuttgarter Autozulieferer Mahle sollen weitere 1000 Stellen abgebaut werden. Die Arbeitnehmervertreter sind sauer – und machen eine klare Ansage in Richtung Chefetage.
Der Betriebsrat des Stuttgarter Autozulieferers Mahle sieht die Belegschaft nach der Ankündigung eines neuen Sparprogramms massiv unter Druck. „Bei uns häufen sich die Überlastungsanzeigen“, sagt Jennifer Thieskes bei einem Pressegespräch am Mittwoch in der Geschäftsstelle der Gewerkschaft IG Metall. Die Betriebsratsvorsitzende der Mahle GmbH verweist auf eine lange Reihe von Sparmaßnahmen, in deren Folge die Mitarbeiter „verängstigt und verunsichert“ seien.
In den vergangenen sechs Jahren seien in der Zentrale in Stuttgart in zwei Wellen bereits 600 Stellen abgebaut worden, beklagt Thieskes. Es habe lange Phasen der Kurzarbeit gegeben, mit dem Abbau von 100 000 Überstunden sei zusätzlich Geld eingespart worden. Man sehe aber nicht, dass diese Bemühungen „zu den richtigen Investitionen führen“.
Wir sind zu sehr mit uns selbst beschäftigt, klagt der Mahle-Betriebsrat
Die BR-Vorsitzende bezweifelt zudem die Effizienz der Restrukturierungsmaßnahmen. „Durch die ständige Umorganisation haben sich viele Prozesse verschlechtert“, sagt sie, der Arbeitsaufwand hätte sich „teilweise verzehnfacht“. Führungskräfte müssten „wahnsinnig viele Reportings“ erstellen, würden aber durch starre Vorgaben in der Eigeninitiative beschränkt. Und nun stehe für 2500 Beschäftigte „schon wieder das nächste Paket vor der Tür“.
Mahle-Vorstandschef Arnd Franz stößt auf Widerspruch. Foto: dpa
Wie sehr dies die Belegschaft umtreibt, habe sich daran gezeigt, dass 4000 Mitarbeitende an der Betriebsversammlung am vergangenen Freitag teilgenommen hätten. Der Mahle-Vorstandsvorsitzende Arnd Franz hatte zuvor angekündigt, man müsse jährliche Kosten von 150 Millionen Euro zusätzlich einsparen, um auf die schwierige Lage in der Autoindustrie zu reagieren. Den vollen Spareffekt brauche man schon 2026, weshalb „keine Zeit für lange Verhandlungen“ sei, sagte Franz im Interview unserer Zeitung .
Sein Ziel ist der Abbau von rund 1000 Stellen, rund die Hälfte davon in Deutschland und großteils in Stuttgart, unter anderem im Vertrieb und in der Entwicklung. Dies solle „möglichst über Abfindungs- und Vorruhestandsprogramme geschehen“. Franz kündigte außerdem an, laufende Entgelte senken zu wollen. Dazu wären Gespräche mit dem Tarifpartner nötig. „Bis heute hat uns niemand angesprochen“, sagt der Gewerkschaftssekretär Detlef Schwoon von der IG Metall. Deren Stuttgarter Geschäftsführer Antonio Potenza beschreibt die Lage so: „Wir sind gesprächsbereit, aber werden die Konfrontation nicht scheuen.“
In den Verwaltungs- und Ingenieursbereichen ist die Gewerkschaft üblicherweise nicht so stark verankert wie in der Produktion. Schwoon sagt aber, dies ändere sich gerade. Wer die Gewinne auf Kosten der Beschäftigten steigern wolle, um bessere Bewertungen von den Ratingagenturen zu bekommen, mobilisiere die Mitarbeiter. „So wie die Geschäftsführung sich verhält, ist Herr Franz gerade der beste Werber für die IG Metall“, meint Schwoon.
„Mitarbeiterbeiträge können keinen Standort retten, das können nur die richtigen Zukunftsprodukte“, sagt Ljiljana Culjak, die dem Betriebsrat von Mahle Thermal and Fluid Systems vorsitzt. Auch der Konzernbetriebsratschef Boris Schwürz beklagt, es würden einerseits Investitionen in neue Produkte eingestellt („Auch ein Kolbenhersteller weiß, dass die Zukunft in der Elektromobilität liegt“), und andererseits bewährtes Geschäft unnötigerweise belastet.
Abschied vom Mahle-Standort Fellbach
Als Beispiel nennt Schwürz den Standort Fellbach, wo Mahle Formel-1-Technik herstellt. Um die Pacht für das Gelände zu sparen, würde die profitable, 165 Mitarbeiter starke Einheit in der bisherigen Form aufgelöst und auf die Standorte Rottweil und Markgröningen aufgeteilt. Schwürz zeichnet aber auch ein größeres Bild: Die Autohersteller zeigten keine Hemmungen, Zulieferteile aus China einzukaufen, wenn sie günstiger sind. Von einer „Spätzle-Connection“ der hiesigen Konzerne und Mahle könne keine Rede mehr sein. Gleichzeitig sei die Politik nicht in der Lage, die jahrelange Debatte um Förderung der E-Mobilität und flexible Regeln für Verbrenner mit einer klaren Linie zu beenden. Die Politik, befürchtet seine Kollegin Culjak, habe die Brisanz der Lage immer noch nicht erkannt. Und dabei schaut sie auch aufs Stuttgarter Rathaus: „Ich würde mir persönlich wünschen, dass sich der Gemeinderat die Zeit für ein Gespräch mit uns nimmt.“