Sparprogramm des Laser-Konzerns Trumpf eifert den Deichbauern nach – und blickt mit Sorge in die Zukunft

Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller blickt mit Sorge auf die aktuelle Wirtschaftslage. Foto: Jürgen Bach

Selbst die Chipsparte schwächelt: Nach dem vorherigen Rekordjahr gehen Gewinn und Umsatz bei Trumpf zurück. Es muss weiter gespart werden, und die Chefin gibt sich in eigener Sache zugeknöpft.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Matthias Schmidt (mas)

Wenn im tiefschwäbischen Ditzingen norddeutsche Sprachkunde betrieben wird, muss das einen wichtigen Grund haben. Der gebürtige Hamburger Oliver Maassen, Personalvorstand bei Trumpf, kann ihn erklären. „Ein Koyer ist im Norddeutschen ein Deichbauer – also derjenige, der den Deich hochzieht, bevor die Sturmflut kommt.“ Und Koyer heißt bei Trumpf das Sparprogramm, mit dem angesichts ausbleibender Aufträge der Gewinn einigermaßen gesichert werden soll.

 

Bei der Bilanzpressekonferenz des Ditzinger Maschinenbau- und Laserspezialisten wird die Dimension des Kostenprogramms deutlich: 176 Millionen Euro wurden im vergangenen Jahr eingespart, unter anderem durch den Verzicht auf Dienstreisen und externe Berater. Im laufenden Geschäftsjahr werden Kürzungen von 250 Millionen Euro angepeilt. Einen wesentlichen Beitrag dazu erbringen die Beschäftigten, die nach den Maßgaben der Konjunkturklausel im Metalltarifvertrag erst Arbeitszeitkonten abbauen und dann Kürzungen von zehn Prozent bei Arbeitszeit und Gehalt hinnehmen müssen. Im Gegenzug erhalten sie eine Beschäftigungsgarantie bis Ende 2025.

Der Gewinn von Trumpf geht um 18,6 Prozent zurück

Bis Mitte 2025 könnten bis zu 2750 der rund 6300 Mitarbeiter am Stammsitz von der Regelung betroffen sein. Weitere Maßnahmen aber seien, so Maassen, auf Grundlage der momentanen Geschäftsprognose nicht zu befürchten. „Wie in vorherigen Krisen streben wir keinen Stellenabbau an“, sagt der Personalvorstand. Auch Kurzarbeit sei nicht geplant – mit Ausnahme allerdings des sächsischen Standorts Neukirch, wo Blechbearbeitungsmaschinen produziert werden.

Ein Laser von Trumpf zum Schneiden von Metall im Einsatz. Foto: dpa/Fabian Sommer

Im Geschäftsjahr 2023/24, in dem Trumpf einen Gewinnrückgang um 18,6 Prozent auf 501 Millionen Euro vor Steuern verzeichnen muss, ist der Personalbestand sogar gestiegen. Neu eingestellt wurde vor allem in den Wachstumsfeldern EUV-Laser und Elektronik. Auch die Ausgaben für Forschung und Entwicklung wurden noch einmal gesteigert und wuchsen auf 530 Millionen Euro. Die Trumpf-Vorstandschefin Nicola Leibinger-Kammüller spricht bei der Entwicklungskostenquote von 10,6 Prozent von einem „weit über Branchendurchschnitt befindlichen Niveau“. Die Anzahl der Mitarbeiter in diesem Bereich stieg um fast neun Prozent. „Wir müssen die Wende aus eigener Kraft bewerkstelligen“, sagt die Chefin, „denn wir glauben an unsere Produkte, unsere Technologien und vor allem an unsere Mitarbeiter“.

Kennzahlen der Trumpf-Gruppe Foto: Trumpf/Kruljac

Die Investitionszurückhaltung „auf allen Kontinenten“ (Leibinger-Kammüller) allerdings macht den Ausblick zur Geduldsprobe. Fürs laufende Geschäftsjahr erwartet Trumpf, dass bestenfalls so viele Aufträge hereinkommen wie im vergangenen. Zum verhaltenen Ausblick gehört, dass selbst die Boombranche der Vorjahre deutlich eingebremst wurde: die Produktion von Computerchips. Trumpf ist davon doppelt betroffen. Das Unternehmen liefert zum einen die Lasertechnologie für Standardware, die beispielsweise in Autos oder Smartphones verbaut werden, seit kurzem aber mit Einfuhrbeschränkungen in China belegt werden. Trumpf hat zudem ein Monopol auf extrem ultraviolette Laser (EUV), die zur Herstellung von Hochleistungschips im Bereich Künstliche Intelligenz gebraucht werden.

Nach der überwundenen Halbleiterkrise der Corona-Jahre aber gibt es Überkapazitäten am Markt – unter anderem, weil der KI-Hype momentan abflacht. Der Umsatz mit EUV ging um knapp drei Prozent zurück. Beim niederländischen Chipanlagen-Fabrikanten ASML brach das Auftragsvolumen zuletzt so heftig ein, dass die Aktien an der Börse um 20 Prozent nachgaben.

Die Chefin Nicola Leibinger-Kammüller bleibt bis auf Weiteres an Bord

„Die Welt ist unser Markt“, sagt Nicola Leibinger-Kammüller, und dennoch seien es nicht nur die weltpolitischen Spannungen, die ihr Sorge machten. Hinzu käme die heimische Regulierungsfreude. Sie nennt das Beispiel, dass man in Europa derzeit mit gefälschten Maschinenzertifikaten bei Anlagen aus dem Ausland kämpfe, „während wir in der EU nachweisen sollen, dass unsere Lieferketten im Sinne der Menschenrechte funktionieren“. Das sei „eine völlige Asymmetrie der Realitäten, deren Beseitigung die Aufgabe der Politik wäre“, meint sie.

Ihre kritische Stimme wird die Politik übrigens bis auf Weiteres ertragen müssen. Obwohl Leibinger-Kammüller vor mehr als einem Jahr angedeutet hat, dass sie – anders als einst ihr Vater – nicht bis ins Alter von 75 Jahren an der Spitze des Unternehmens stehen will, behält sie ihren persönlichen Zeitplan für sich. Auf entsprechende Fragen aber lässt sie durchblicken: In schwierigen Zeiten wie diesen bleibt die Kapitänin an Bord.

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