Laura, Eileen und Yves Bräutigam (von links) wollen die atmosphärischen Räumlichkeiten für stilvolle Hochzeiten, Geburtstage und anderes mehr vermieten. Foto: Werner Kuhnle
Im Wasserkraftwerk an der Straße nach Ludwigsburg sollen Hochzeiten, Fotoshootings und Kochsessions möglich sein. Und es gibt weitere Pläne für das atemberaubende Anwesen.
Christian Kempf
27.10.2025 - 17:00 Uhr
Das Wasserkraftwerk am Neckar zählt zu den markantesten Gebäuden auf Marbacher Gemarkung – und war doch die meiste Zeit seines Bestehens verwaist. Die Maschinen wurden 1938 abgestellt, nicht einmal 40 Jahre nach der Inbetriebnahme. Erst im Jahr 2007 kehrte wieder Leben in das architektonische Schmuckstück ein, als der Murrer Unternehmer Ulf Bräutigam das Zepter übernahm, das Kleinod kernsanierte und in ein atemberaubendes Wohnhaus umgestaltete. Nach seinem Tod im vorigen Jahr war die Zukunft des Anwesens zunächst ungewiss. Doch nun steht fest, dass seine Kinder große Pläne für den Klinkersteinbau haben. Sie wollen dort eine Eventlocation etablieren.
Eileen, Laura und Yves Bräutigam haben lange überlegt, was sie mit dem Erbe auf Tuchfühlung zum Biergarten Bootshaus anstellen sollen. Ihr Vater sei recht unerwartet aus dem Leben geschieden, und sie seien nicht auf eine solche Situation vorbereitet gewesen, sagen die Geschwister. „Wir haben uns natürlich auch darüber Gedanken gemacht, uns davon zu trennen. Das Ganze ist sehr aufwändig zu erhalten und keine Wohnung, die man einfach vermieten kann“, erklärt Yves Bräutigam. Ein wunder Punkt seien beispielsweise die Energiekosten. Die Räumlichkeiten inklusive des mehrere Meter hohen Hauptsaals würden derzeit noch mit Öl beheizt, was ins Geld gehe.
Die Geschwister Bräutigam wollen ihr Eigentum weiterentwickeln. Foto: Werner Kuhnle Der Hauptsaal besticht durch seine hohe Decke und eine ungewöhnlichen Mischung aus Moderne und Industriedenkmal. Foto: Werner Kuhnle
„Auf der anderen Seite war es auch eine emotionale Betrachtung“, betont der 38-Jährige. Er und seine Schwestern hätten ein gutes Verhältnis zum Vater gepflegt, zudem selbst viel Zeit in den Umbau des Gebäudes gesteckt. Unter Abwägung allen Für und Wider sei man zu dem Schluss gekommen, die Fäden in der Hand behalten und das Kraftwerk für Veranstaltungen öffnen zu wollen.
Die Geschwister können sich ein breites Portfolio vorstellen. Geplant sind Hochzeiten, runde Geburtstage, Kindergeburtstage, aber auch Seminare, Fotoshootings und Filmdrehs. Kochkurse seien ebenfalls denkbar, sagt Laura Bräutigam. „Für Musikvideos hatten wir auch schon Anfragen“, ergänzt ihre Schwester Eileen. „Eine standesamtliche Trauung könnte man hier auch super machen“, ist Yves Bräutigam überzeugt. Mitgliederversammlungen von Vereinen oder Weihnachtsfeiern könnten ebenfalls in dem Kraftwerk über die Bühne gehen.
Veranstaltungen mit Stil
Letztendlich gehe es um eine ausgewogene Mischung, auch mit Blick auf die Nachbarn. „Wir wollen hier nicht jeden Tag Halligalli bis 2 Uhr morgens“, betont der Pleidelsheimer. „Alles soll in einem stilvollen Rahmen ablaufen, wenn auch nicht hochgestochen“, erklärt Yves Bräutigam. Ziel sei, im Frühjahr 2026 loszulegen. Erst müsse man aber von den Behörden alle Genehmigungen in der Tasche haben, um dann die Gewerke zum Umbau zu vergeben. Dann könne man einen belastbaren Zeitplan erstellen.
Bis dahin müssten vor allem sanitäre Anlagen installiert werden, was im nördlichen Anbau angedacht ist. Auch Geländer sollen zur Sicherheit der Gäste an verschiedenen Stellen angebracht werden, zum Beispiel vor dem prächtigen Teich im Außenbereich zum Neckar hin.
Nahezu überall in dem Kraftwerk gibt es Überbleibsel aus der reichhaltigen Historie zu entdecken. Foto: Werner Kuhnle
An den Marbacher Gemeinderäten dürfte das Projekt nicht scheitern. Eine Bauvoranfrage für die rund 350 Quadratmeter große Veranstaltungsfläche mit maximal 150 Besuchern hat der Ausschuss für Umwelt und Technik im Grundsatz positiv beschieden.
Leise Bedenken wurden nur laut, ob die 19 angedachten Autostellplätze in der Realität reichen – auch wenn die baurechtlichen Vorgaben damit erfüllt sind. Ein Thema, das auch die Bräutigams im Blick haben. Sie haben deshalb in ihrem Konzept einen Shuttleservice zum Marbacher Bahnhof und zum Park-and-Ride-Platz in der Nähe der Autobahn bei Mundelsheim vorgesehen.
Zurück zur Energiegewinnung
Die Bräutigam-Geschwister wollen das frühere Kraftwerk jedoch nicht nur wieder mit Leben füllen. Es soll auch seine ursprüngliche Bestimmung zurückerlangen: die Energiegewinnung.
Einst wurde aus der Kraft eines ehemals an dieser Stelle durchfließenden Neckararms Strom generiert. Künftig könnte die Wärme des Flusses angezapft werden, um damit Häuser in Marbach zu heizen. „Man könnte unterhalb der großen Halle, wo früher die Turbinen waren, Wärmepumpen reinstellen und von dort Leitungen zum Neckar legen, um dem Wasser mit den Wärmepumpen die Wärme zu entziehen“, erklärt Yves Bräutigam.
Die Wärme würde man anschließend hoch nach Marbach schicken, wo sie in das ohnehin vorhandene Netz der Stadt eingespeist werden könnte. Umgekehrt würde in den Neckar kühleres Nass fließen und damit die klimabedingte Aufheizung des Flusses etwas gebremst.
Den zum Betrieb benötigten Strom könnte man teilweise über noch zu errichtende PV-Anlagen selbst produzieren und den Rest CO2-neutral zukaufen. Das Ganze würde sich auch nicht mit der Eventlocation beißen, sondern ließe sich damit problemlos vereinbaren.
Das Konzept mit der Fernwärme sei dem Gemeinderat bereits präsentiert und mit den Stadtwerken Ludwigsburg besprochen worden. „Beide Parteien sehen das Vorhaben positiv. Und eine erste Prüfung hat ergeben, dass zunächst technisch keine Steine im Weg liegen“, sagt Bräutigam. Im Detail müsse nun über mögliche Betreiber, Kosten und vieles Weitere gesprochen werden. „Aber die Vorstellung wäre schon schön, dass man aus einem Kraftwerk wieder ein Kraftwerk macht. Zudem wäre es nachhaltig“, betont er.
Wasserkraftwerk ohne Wasser
Abgeschnitten Das alte Wasserkraftwerk in Marbach ging 1899 in Betrieb und lieferte seinen Strom zunächst ausschließlich nach Stuttgart. Allerdings wurde es bereits 1938 wieder stillgelegt. Mit dem Bau der Umgehungsstraße nach Ludwigsburg wurde der Neckar in sein heutiges Korsett gepresst. Das Gebäude war von der Wasserzufuhr abgeschnitten.
Umfunktioniert Das Anwesen war lange verwaist, ehe es 2007 von dem Murrer Unternehmer Ulf Bräutigam gekauft und nach und nach in ein Wohnhaus mit Schlafzimmer und Küche umgestaltet wurde. Der Geschäftsmann lebte dort bis zu seinem plötzlichen Tod im vorigen Jahr.