Epochale Schau bei Paris Meisterwerk mit Seltenheitswert
In Chantilly bei Paris präsentiert eine der spektakulärsten Ausstellungen dieses Jahres das ikonische Stundenbuch des Herzogs von Berry.
In Chantilly bei Paris präsentiert eine der spektakulärsten Ausstellungen dieses Jahres das ikonische Stundenbuch des Herzogs von Berry.
Der bullige Typ im leuchtend blauen, goldbestickten Gewand, das ist er, der Duc de Berry. Auf dem Januarblatt seines legendären Stundenbuchs, den „Très Riches Heures“, hat sich der Spross des französischen Königshauses als Gastgeber eines Neujahrsempfangs porträtieren lassen, umgeben von wimmelnden Militärs, Geistlichen und Getreuen. Wenn man ganz genau hinschaut, kann man sogar die Falten um seine Augen entdecken. Immerhin war der große Kunstmäzen bereits über siebzig, als die Brüder Limburg ihm mit feinstem Pinsel, zuweilen bestehend aus nur einem einzigen Eichhörnchenhaar, in dieser Luxusausgabe eines Stundenbuchs um 1410 ein Denkmal setzten. Im Musée Condé in Chantilly ist dieses berühmteste Meisterwerk der mittelalterlichen Buchmalerei nun den Sommer über in einer spektakulären Ausstellung zu sehen.
Spektakulär, weil die „Très Riches Heures“ – die ihren Namen dem reichlichen Gebrauch von teuren Lapislazulifarben und Blattgold verdanken – im Original sonst nie und in dieser Form vermutlich nie wieder gezeigt werden. Einmalig auch, weil die Seiten zu Restaurierungszwecken aus dem Einband gelöst wurden und nun, frisch aufpoliert, einzeln zu betrachten sind – ein Zustand, in dem das Werk seit dem 15. Jahrhundert, seit es erstmals gebunden wurde, nicht mehr zu sehen war. Sensationell nicht zuletzt, weil erstmals mit den „Très Riches Heures“ auch die anderen fünf Stundenbücher präsentiert werden, die im Auftrag des Herzogs entstanden. Insgesamt besaß er achtzehn – ein so frommer wie gieriger Sammler von Kunstwerken, Brevieren, Psaltern, Reliquien, Juwelen und Schlössern, der von allem nie genug kriegen konnte.
Seine Hofmaler, die aus Nimwegen stammenden niederländischen Brüder Paul, Johan und Herman von Limburg, waren das Beste, was auf dem Gebiet der Miniaturmalerei damals zu haben war. „Wie Kometen“ erschienen sie „auf dem sternenübersäten Himmel der Internationalen Gotik“, schreibt der Direktor des Musée Condé, Mathieu Deldicque, im Begleitband zur Ausstellung. Und zugleich wiesen sie mit ihrer Kunst weit voraus in die Renaissance, die im frühen 15. Jahrhundert außerhalb von Italien eigentlich noch gar nicht angekommen war.
So verblüfft an den „Très Riches Heures“ die perfekt perspektivische Darstellung der herzoglichen Schlösser und Ländereien ebenso wie die farbenfrohe, lebenspralle und humorvolle Darstellung von Alltagsszenen, höfischen Gesellschaften, agrarischer Arbeit, Wind und Wetter. Auf dem Februarblatt mit seiner winterlichen Landschaft hebt ein Bauernpaar vor dem wärmenden Kaminfeuer ungeniert die Röcke, während eine feine Dame schamhaft den Blick von dem abwendet, was darunter textilfrei zum Vorschein kommt. Draußen treibt einer seinen Esel auf ein Dörfchen im Hintergrund zu und kondensiert der Atem in der kalten Luft zu Wölkchen.
Im September (das Blatt wird einem späteren Künstler zugeschrieben) bückt sich eine Frau bei der Weinlese und enthüllt dabei ihr Hinterteil in weißer Unterhose, Marke Liebestöter. Im August springen unter den Augen einer vornehmen Jagdgesellschaft ein paar Nackedeis in den Fluss. Der Dezember bietet mit den Türmen des Château de Vincennes über den Baumwipfeln eine Hochhauskulisse, fast als wär’s der Central Park in New York. Überwölbt sind alle Kalenderbilder von monochromen blauen Lünetten mit den Sternzeichen des jeweiligen Monats und einem Sonnenwagen in der Mitte.
Jean de Berry starb 1416, ebenso wie das noch junge Brüder-Trio, allesamt dahingerafft von der Pest, wie die Wissenschaft mutmaßt. Finanzstarke Mäzene in der Nachfolge des Herzogs ließen das Werk siebzig Jahre später von herausragenden Künstlern komplettieren, sodass es am Ende 131 ganzseitige Illuminationen umfasste.
Jahrhundertelang war es danach jedoch verschollen, bis es Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem Kunstmarkt wieder auftauchte und vom Duc d’Aumale, Henri d’Orléans, einem Sohn des Bürgerkönigs Louis-Philippe und schwerreichen Kunstsammler, erworben wurde. Testamentarisch verfügte der Herzog, dass das kostbare Manuskript das Schloss Chantilly, wo er residierte, nicht mehr verlassen durfte, ebenso wie die anderen Schätze seiner Sammlung. Und so kommt es, dass diese epochale Ausstellung nicht in Paris, sondern 40 Kilometer weiter nördlich in dem 11000-Einwohner-Städtchen stattfindet, im prachtvollen Schloss mit seinem weitläufigen Park und dem (als Ausstellungsgebäude leider etwas beengten) Jeu de Paume.
Vor den „Très Riches Heures“ stehend, begreift man sofort, warum diese extrem lichtempfindliche Handschrift so eifersüchtig gehütet wird, fragil und zart wie sie wirkt. Der Ruhm dieser mehr als 600 Jahre alten Blätter basiert denn auch nahezu gänzlich auf Reproduktionen und Faksimiles. Auch jetzt ist wieder ein neuer, modernste Technologien nutzender Faksimiledruck in Vorbereitung, für den mehrere europäische Verlage sich zusammengetan haben. Der historischen Vorlage soll er näher kommen denn je. Aber eine Bahnfahrt nach Chantilly inklusive Übernachtung und Drei-Gänge-Menu kostet wesentlich weniger – und man bekommt dafür das Original!
Stundenbücher
Die Bezeichnung leitet sich aus den zu bestimmten Tageszeiten vorgeschriebenen Gebeten ab. Die so genannten Stundenbücher waren für den privaten Gebrauch vorgesehen. In besonders kunstvoller Ausführung dienten sie nicht nur der Andacht, sondern auch als Statussymbol.
Faksimile
Ende des Jahres soll eine neue, auf modernster Digitaltechnik basierende Edition der „Très Riches Heures“ erscheinen. Seit der letzten Ausgabe vor dreißig Jahren hat die Druckkunst enorme Fortschritte gemacht: Hellere Pigmente, neue Goldtöne und die erstmalige Verwendung von Pergamentpapier sollen die Reproduktion so nah wie möglich an den Originalcodex heranführen. Für das neue Faksimile arbeiten zwei der führenden Spezialisten auf diesem Verlagsgebiet, die Gruppo Panini Cultura und die Universal Art Group, zusammen.
Ausstellung
Bis zum 7. Oktober im Château de Chantilly, Salle Jeu de Paume. Täglich – außer dienstags – von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Begleitband zur Ausstellung ist im Belser Verlag, Stuttgart, erschienen, 384 Seiten, 69 Euro. Unter dem Link www.les-tres-riches-heures.chateaudechantilly.fr kann man das gesamte Buch durchblättern.