Spektakulärer Bau aus Stuttgart Kühne Idee – Stuttgarter Architekten bauen ein Haus aus 28 851 Glasziegeln

Wulf Architekten aus Stuttgart haben auf einer Brachfläche in Reutlingen ein Haus aus Biberschwanzglasziegeln und Fachwerk gebaut. Foto: Brigida González

Stuttgarter Wulf Architekten haben in Reutlingen ein Haus entworfen, das komplett von Glasziegeln umhüllt ist. Das gefiel nicht allen. Zu Besuch im lichten Bau aus Holz und Glas.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Eine Fata Morgana ist keine Sinnestäuschung, sondern ein physikalisches Phänomen. Wie eine Luftspiegelung kommt einem auch vor, was die Wulf Architekten in der Reutlinger Altstadt gebaut haben. Ihr Gebäude ist aber aus der Ferne wie aus der Nähe etwas äußerst Habhaftes. Ein Haus aus schimmerndem Glas.

 

Genauer formuliert: Es geht um 28.851 gläserne Biberschwanzziegel – und um eine kühne Idee. Denn wie kommt überhaupt ein Architekt dazu, etwas bauen zu wollen, das gleichzeitig an- und abwesend zu sein scheint? Und wie lässig muss dieser Mann sein, seinen Plan ausgerechnet Stadtchefinnen und Chefs in einer Stadt wie Reutlingen vorzuschlagen, die so sehr für das praktisch Handfeste steht, fürs schwäbische Schaffen?

Stuttgarter Architekten gewannen Wettbewerb

Noch gar nicht geredet vom Timing – einer Zeit, in der es (klamme Kassen, Baukrise, steigende Materialkosten, immer weniger Architekturwettbewerbe) schon schwer genug ist, überhaupt etwas gebaut zu bekommen? Genau deshalb.

Wulf Architekten, ein großes Stuttgarter Büro mit Niederlassung auch in Berlin und Basel, haben sich beim Entwurf über das Image der Stadt Gedanken gemacht.„Reutlingen gilt als Kaufmannsstadt, in der Geld und das Nutzbringende immer wichtiger als Kultur ist“, sagt der Architekt und Geschäftsführende Gesellschafter Tobias Wulf. Mit der ein bisschen frechen Widerlegung dieses Images hat sein Büro den 2017 ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen. „Lange aber war es unsicher, ob das Projekt wirklich realisiert wird.“

Der Stuttgarter Architekt Tobias Wulf hat mit seinem Büro Wulf Architekten den Wettbewerb für den Neubau in Reutlingen gewonnen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Mächtige Fürsprecher für die Idee aus Stuttgart

Gebaut wurde mitten in der Altstadt in der Oberamteistraße 34, weil die Idee so poetisch wie plausibel ist und in der damaligen Baubürgermeisterin Ulrike Hotz und dem Oberbürgermeister Thomas Keck mächtige Fürsprecher fand. Am Ende hat auch Geld geholfen, um den Baubeschluss zu bewilligen – 3,3 Millionen Euro kamen als Fördergelder zusammen für den 7,2 Millionen teuren Bau eines leeren Hauses, das keinem Nutzen unterworfen ist. Obwohl das auch nur die halbe Wahrheit ist.

Denn eine Funktion hat dieses aus gläsernen Biberschwanzziegeln gebaute Museum Historische Oberamteistraße schon. Es soll an etwas erinnern, das nicht mehr da ist, das Steinerne Haus nämlich. Ein Gebäude aus dem Mittelalter, das 1972 abgerissen wurde. Der Bau bildet die Kubatur des Steinernen Hauses nach. Und stützt seine Nachbarn.

Das Haus hat die selbe Form wie der Vorgängerbau

Es ist das Eckhaus einer der ältesten zusammenhängenden Fachwerkhäuserzeilen Süddeutschlands gewesen. Nach dem Abriss geriet die Häuserzeile in Bewegung, stand aus Sicherheitsgründen jahrelang leer. „Inzwischen beträgt der Neigungswinkel der Bestandsgebäude ca. sechs Grad – das ist mehr als beim Turm von Pisa!“, ist auf der Bauzauntafel zu lesen, die mit Infos zum Sanierungsprojekt aufwartet.

„Der Neubau soll den Verlust der Historie darstellen können, das Verlorene aber städtebaulich konturieren. Wir dachten an verschwommene Konturen, an etwas, das da und nicht da ist“, sagt Tobias Wulf an einem diesigen Vormittag.

Traditionelles Material, von Stuttgarter Architekten neu interpretiert

So kamen sie auf die Idee mit den Glasziegeln. In der Nachkriegszeit noch viel im Gebrauch, um Licht in Dachgeschosse zu bringen, heute kaum mehr nachgefragt. Aber: in Frankreich werden sie noch auf Bestellung gefertigt. „Und die Form selbst hat etwas Traditionelles, Versöhnendes“, sagt Tobias Wulf. Die Gegner des Projekts, Vertreter der CDU vor allem, hat es vom Schmollen nicht abgehalten, der rauschenden Eröffnungsfeier blieben sie fern.

Jeder Glasziegel lässt sich einzeln austauschen. Je nach Lichtverhältnissen ist das Holztragwerk hinter der Glashülle mehr oder weniger sichtbar. Foto: Brigida González

Jetzt aber rein: An einem Baustellenbretterzaun entlang geht es ins Dunkel der benachbarten Baustelle, denn aktuell werden die seit dem Abriss des Steinernen Hauses einsturzgefährdeten Altbauten saniert. Dann öffnet er eine Tür – und man steht mitten in einer gläsernen Wolke. Ein weißgrau schimmernder Palast.

„Je nach Licht und Wetter entstehen unterschiedliche Stimmungen, die Schattenspiele sehen immer anders aus“, sagt Tobias Wulf. Am Besuchstag hat der Raum etwas Sanftruhiges. Das Glas umhüllt das mächtige Fachwerkkonstrukt (das Holz der 20 mal 20 Zentimeter messenden Balken stammt aus der Gegend), die Holzbaufirma aus der Region lobt der Architekt in höchsten Tönen.

6 Zahlen zum Bau

  • Hüllfläche: 830 Quadratmeter
  • Gesamthöhe: 21,30 Meter
  • Gesamtgewicht des Glases: etwa 63,26 Tonnen
  • 115 Kubikmeter Weißtanne wurden verbaut mit einem Gesamtgewicht von 52 Tonnen
  • Das hölzerne Tragwerk besteht aus 267 Knotenpunkten.
  • Der Stahl im Holztragwerk wiegt rund 4 Tonnen
Die Tapetentür wiegt 500 Kilo. Sie führt in das von den Stuttgarter Wulf Architekten entworfene Haus mit der gläsernen Hülle. Foto: Brigida González

Jeder der 28.851 in einer französischen Manufaktur gebrannten Ziegel kann einzeln ausgetauscht werden. Die Architekten haben eigens Eichenholz-Abstandshalter entworfen, die auf einer Holzlatte sitzen – alles geschraubt und wieder auseinanderbaubar, einschmelzbar. Aber wer würde das wollen.

Wenn man nah an der Hülle steht, sieht man die drei Zentimeter Luft zwischen den Schindelschichten, sie sind in Kronendeckung mit Abstand verlegt und daher luftdurchlässig. Dank einer besonderen Beschichtung hält das Glas Hitze ab, verhindert das Vermoosen und ist besonders bruchsicher; jedenfalls wäre sehr viel rohe Gewalt vonnöten, um es zu zerschlagen.

Das Schwerste ist, das Schwere leicht wirken zu lassen, nicht nur im Tanz, auch in der Architektur. „Die Haustechnik zu integrieren war die größte Herausforderung“, sagt Tobias Wulf, während er die Treppe hinaufgeht. Die Architekten hatten auch die Bauleitung. „Das ist eine gigantische Bauaufgabe, ein Geschenk“, sagt Tobias Wulf. So konnte an Details getüftelt, konnten dezente Lösungen gefunden werden, um Technik zu verstecken.

Das Glashaus stützt die Nachbarbauten

Schmale Edelstahlrohre, eng am Holzgebälk entlanggeführt etwa. Leuchten wurden entworfen, schnörkellose schwarze Stahlgeländer angefertigt. Länger gearbeitet wurde auch an einer Fluchttür, die möglichst nicht auffällt. Es ist eine 500 Kilo schwere Tapetentür geworden – kaum sichtbar. Außen verraten nur die zwei Treppenstufen, dass es dort einen Eingang geben könnte.

Vom Glashaus aus wird man nach der Sanierung die denkmalgeschützten Altbauten betreten können. Die werden ebenfalls Museumsstücke und sollen von den städtebaulichen Entwicklungen und von der Bau- und Wohnkultur der vergangenen 700 Jahre erzählen, auch an einstige Bewohner erinnern – vom mittelalterlichen Bürger bis zum sogenannten Gastarbeiter in der Nachkriegszeit.

Lehmbau-Projekt der Stuttgarter Universität

Damit alle Geschosse barrierefrei erreichbar sind, findet sich ein hinter einer Holzwand diskret eingebauter Aufzug – mit Glasdach für freie Sicht aufs Gebälk, innen schick schwarz mit Videowand, damit einem bei der kurzen Fahrt nicht langweilig wird. Die breiten hölzernen Sitztreppen hinunter ins untere Geschoss sind beheizbar. Dort, wo sich Reste des historischen Kappenkellers von 1317 befinden, hat das Büro gemeinsam mit Studierenden der Stuttgarter Universität einen Stampflehmboden hergestellt.

Ein Gefühl von Unternehmungslust stellt sich angesichts der Offenheit des Raumes ein. Ein Möglichkeitsraum, der vom einfach Sitzen und die Stimmung spüren bis zum Vortrag oder Konzert konkretes Vergnügen bereiten wird. Vorerst gab es ein rauschendes Eröffnungsfest mit vielen Schockverliebten – ausgebuchte Führungen auch.

Und schon die erste Auszeichnung fürs Stuttgarter Büro

Bereits eine Woche nach Fertigstellung erhielt das Haus eine Auszeichnung, wurde für den „Detail Construction Award“ nominiert. Man muss nicht hellsehen können, um vorauszusagen, dass dieses neue gläserne Herz der Stadt zu allerhand weiterer Ehre und einem langen Leben gereichen wird.

Info

Anschauen
Das Interesse an dem Haus in der Oberamteistraße 34 ist enorm, die Stadt Reutlingen bietet zusätzliche Führungen an. Am 28. Februar, 14. und 28. März, jeweils 10 bis 13 Uhr, ist „Offene Glastür im Neubau der Oberamteistr. 34“ - Offener Besichtigungstermin für alle: Eintritt frei, ohne Anmeldung.

Führungen
Am 3. März um 17 Uhr und 31. März um 16 Uhr finden die nächsten noch nicht ausverkauften Führungen zur Architektur des Neubaus mit historischen Kern im Untergeschoss statt. Weitere Termine, Anmeldung, Infos: https://www.reutlingen.de/historischemuseen/neubauoberamteistraße34

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