Das neue „Tor zur Literatur“ in Marbach. Neubau und Sanierung des Literaturarchivs kosten zusammen 146 Millionen Euro. Foto: Visualisierung Gustav Düsing
Fügt sich in die Landschaft ein, überzeugt mit anti-monumentalem Entwurf: Ein Architekt, der in Stuttgart studiert hat, gewinnt den Wettbewerb fürs Marbacher „Tor zur Literatur“.
Für die allermeisten Kulturmenschen ist Marbach am Neckar ein Sehnsuchtsort. Auf der Schillerhöhe kann man der schnöden Welt wunderbar abhanden kommen, um endlich wieder ganz bei sich zu sein, auf Tuchfühlung gehen mit seinen literarischen Helden und Göttern. Wo die Notizen, Briefe, Manuskripte und mehr als tausend Nachlässe deutschsprachiger Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu Hause sind – es seien nur mal Rainer Maria Rilke, Mascha Kaléko und Franz Kafka genannt –, fühlt man das Ungewöhnliche, ja auch die Absurdität unserer Existenz.
In Marbach werden aber nicht nur Vitrinen mit Friedrich Schillers aparten Kniestrümpfen, Döschen und Westen bewundert, nein, hier wird auch geforscht, gesammelt, archiviert, andauernd gelesen und noch mehr diskutiert. Weil der Platz für all die papiernen und sonstigen Schätze längst nicht mehr ausreicht, muss ein neuer Bau her. Und Architekten, die diesen komplexen Kontext verstehen, durchdringen und der Literatur einen Raum für Ruhe, Konzentration und Inspiration geben.
Stuttgarter Architekten haben in Marbach gebaut
So plant also die Deutsche Schillergesellschaft den Neubau eines Forschungsarchivs mit dem Namen „Tor zur Literatur“. Das Problem oder neudeutsch: die Herausforderung besteht allerdings darin, dass auf dem Campus des Deutschen Literaturarchivs auf der Schillerhöhe andere auch schon mal etwas gebaut haben, und das gar nicht mal so schlecht.
1903 wurde das von den Stuttgarter Architekten Eisenlohr & Weigle geplante Schiller-Nationalmuseum eingeweiht, 1972 das Archivgebäude in grauheimeliger Sichtbeton-Optik, ein Erweiterungsbau kam 1995 hinzu. Schließlich stellte dann noch kein Geringerer als Pritzker-Preisträger David Chipperfield aus London einen antikisierenden Bau mit klarer Geometrie hin, das überaus selbstbewusst in den Hang platzierte Literaturmuseum der Moderne. Für viele Marbach-Pilger ist diese Architektur ein weiterer guter Grund zur oft weiten Anreise.
Eine aus Stuttgart stammende Architektin als Jury-Vorsitzende
In dieser prominenten wie einschüchternden Nachbarschaft etwas zu planen, scheint ein Wagnis zu sein. Doch der ausgelobte und nun entschiedene internationale Architektenwettbewerb für das Forschungsarchiv „Tor zur Literatur“ hat eindrücklich bewiesen, dass es an sehr guten Ideen und mutigen Konzepten nicht mangelt. Die hohe Qualität der Endauswahl steht außer Frage, auch der Variantenreichtum der Entwürfe.
177 Bewerbungen aus ganz Europa wurden von der Jury unter dem Vorsitz der Berliner Architektin (mit Stuttgarter Wurzeln) Regine Leibinger vom Büro Barkow Leibinger gesichtet, davon haben sich dann 20 Bürogemeinschaften mit Architekten und Landschaftsarchitekten zum Realisierungswettbewerb qualifiziert. Die Ausstellung der Arbeiten, die eine Woche lang auch für die Öffentlichkeit zugänglich ist, ist eine feine Sammlung zeitgenössischer architektonischer Trends und Praktiken.
Ein anti-monumentaler Entwurf gewinnt
Der Preisträger und Architekt Gustav Düsing sagte: „Wir sind überrascht, dass wir uns in diesem hochkarätig besetzten Wettbewerb so weit gekommen sind und freuen uns riesig. Wir sind in den Startlöchern und wollen nun bauen.“ Foto: Leonhard Düsing
Den ersten Preis erhalten Gustav Düsing aus Berlin gemeinsam mit Landschaftsarchitektur Mahl Gebhard Konzepte. Ein anti-monumentaler Wurf. Oder mit den Worten Regine Leibingers bei der Pressekonferenz ausgedrückt: „Der landschaftliche Entwurf mit den zwei gegeneinander versetzten Dächern nimmt sich ganz zurück.“ Anders als einige andere Entwürfe spielt sich bei Gustav Düsing und seiner überaus dezenten Setzung im Stadtraum tatsächlich die Hauptsache unter der Erde ab.
Die Marbacher Anwohner in der Weimarstraße werden das womöglich auch zu schätzen wissen. Ihnen bleibt nach der Baustelle ein Blick in die arkadischen Auen des Neckartals erhalten – oder zumindest die freie Blickachse zum Schiller-Denkmal.
Begrünte und begehbare Dächer
Während die geschwungenen, begrünten Dächer einladend für jede und jeden sind, man von dem leichten Bau, wie es die Münchner Landschaftsarchitektin Andrea Gebhard beschreibt, „wie in der Literatur hineingezogen wird“, war die Leiterin des DLA, Sandra Richter von der „Lässigkeit des Entwurfs“ angetan, „die Idee: wir klappen die Erde auf wie ein Buch.“
Dass ausgerechnet Gustav Düsing, der unter anderem in Stuttgart studiert hat, den ersten Preis bei diesem prestigeträchtigen Projekt geholt hat, ist keine so große Überraschung. Schon beim vielfach ausgezeichneten Studierendenhaus in Braunschweig hat der 42-jährige Architekt gezeigt, dass er die Zeichen der Zeit gut interpretieren und für seine Art der Architektur deuten kann. So ein Verzicht kann auch ein Gewinn sein.
Transparente Räume sowie filigrane Strukturen bei reduziertem Materialeinsatz – wie in Braunschweig (DAM-Preis 2024) will Düsing auch in Schillers Geburtsstadt nun Bildung und Kultur architektonisch möglichst niederschwellig vermitteln. Signature-Bauten und Musentempel sind nicht so sein Ding.
Das Aushubmaterial wird wieder verwendet
Den zweiten Preis erhalten Karamuk Kuo Architekten aus Zürich, Drittplatzierte sind AFF Architekten aus Berlin. Die Eröffnung des Neubaus ist für das Jahr 2032 geplant, pünktlich vor der dann anstehenden Landesgartenschau im Jahr 2033 in Benningen und Marbach. Das gigantische Aushubmaterial soll nach Plänen von Gustav Düsing bis dahin gelagert werden, damit man es für die Umgestaltung der Freiflächen wiederverwenden kann.
Die Projekte Neubau und Sanierung werden mit insgesamt 146 Millionen Euro zu gleichen Teilen von Bund und Land gefördert. Was in diesen Zeiten gähnender Haushaltskassen fast schon unwirklich schön klingt, der Welt enthoben und doch mittendrin. Typisch Marbach.
Info
Wettbewerb Die Wettbewerbsaufgabe bestand im Entwurf des Neubaus eines Forschungsarchivs „Tor zur Literatur“ auf der Schillerhöhe in Marbach am Neckar, deutlich über 180 Büros haben sich beworben. Sechs Architekturbüros wurden für die Teilnahme vorab ausgewählt, weitere 14 Büros, darunter zwei aus Stuttgart (Yonder – Architektur und Design sowie Birk Heilmeyer und Frenzel Architekten) haben sich zusätzlich für die Teilnahme qualifiziert.
Sieger Gustav Düsing Architekt, Berlin mit Landschaftsarchitektur mahl gebhard konzepte, München erhalten den ersten Preis des Planungswettbewerbs. Der zweite Preis geht an Karamuk Kuo Architekten / Studio Vulkan Landschaftsarchitektur, beide Zürich. Auf den dritten Platz schafften es AFF Architekten / TOPOTEK, beide Berlin.
Anerkennungen Die Jury vergab zwei Anerkennungen. Eine ging an BRUTHER, Paris / Catherine Mosbach Landschaftsarchitektin, Paris. Die andere Anerkennung geht an FAKT – Kern Tessarz Tratz Architekten, Berlin in ARGE mit Studio Muoto SARL, Paris / Bureau B+B urbanism and landscape architecture, Amsterdam.
Ausstellung Die 20 Wettbewerbsbeiträge sind bis zum 21. März 2026 jeweils Mo-Fr 9-17 Uhr, Sa 10-16 Uhr im Tagungsbereich des Deutschen Literatur Archivs (DLA) in Marbach ausgestellt. Am Samstag 14.3.2026 um 10 Uhr findet im DLA Marbach ein Bürgerdialog statt, bei dem Bürgerinnen und Bürger Fragen zum Wettbewerb stellen können.