Der Stuttgarter Kinderchirurg Raphael Staubach im Health Center in Nairobi – sein Wissen will er in afrikanischen Armenvierteln weitergeben. Foto: Raphael Staubach
Der Stuttgarter Kinderchirurg Raphael Staubach engagiert sich in Kenias Slums. Mit dem Verein „Rafiki“ will er die Versorgung von Brandwunden verbessern. Spenden sollen helfen.
Es ist der Klassiker: Der Topf mit dem kochenden Nudelwasser, der ein Stück zu nah am Rand des Herdes steht – die kleine Kinderhand, die nach dem Henkel greift und kräftig zieht. Der Vorfall ereignete sich vor zwei Wochen. Jetzt sitzt der 15 Monate alte Noah (Name geändert) auf dem Schoß des Vaters im Behandlungszimmer Nummer 13 der kinderchirurgischen Abteilung des Klinikums Stuttgart. Die Brandwunde am Oberarm des Kleinkindes leuchtet rot unter dem gleißendem LED-Licht.
Raphael Staubach übernimmt den Verbandswechsel. Er beugt und streckt den kleinen Kinderarm, prüft, ob die Wunde, die er vor zwei Wochen mit Kunsthaut versorgt hatte, sauber heilt oder sich Narben bilden. Bislang ist der Oberarzt mit dem Verlauf zufrieden. „Alles gut“, sagt er und öffnet die kleine Schatztruhe, die jeder Patient am Ende der Visite zu sehen bekommt. Noah greift sich schnell ein Spielzeug, die Eltern lächeln erleichtert.
Verbrennungen gehören zu den häufigsten Unfällen im Kindesalter
Es ist ein ganz normaler Freitagvormittag für Raphael Staubach: 40 Patienten – vom Kleinkind bis zum Teenager – wird er an diesem Sprechstunden-Tag für Verbrennungsmedizin begutachten. Teils, weil sie sich an Tee oder kochendem Wasser verbrüht haben oder aber weil ihre Kleidung Feuer gefangen und ihre Haut versengt hat. Manche der Patienten kommen seit Monaten, manche schon seit Jahren zur Visite. Verbrennungen – egal welchen Grades – sind das Spezialgebiet des 39-jährigen Kinderchirurgen. „Sie gehören zu den häufigsten Unfälle im Kindesalter“, sagt Staubach. Gleichzeitig gibt es nur wenige medizinische Fachbereiche, in denen sich die Lebensqualität so schnell verbessern lässt, wie mit einer umfassenden Behandlung der Haut.
Dieser achtjährige Junge aus Mathare hat sich mit kochendem Wasser verbrüht und konnte viele Jahre seinen Arm nicht bewegen. Eine kleine OP hat das geändert. Foto: Staubach
Noch vor einem knappen halben Jahr saß Staubach knapp 6200 Kilometer entfernt in einem einfachen Medical-Health-Container in Mathare, dem zweitgrößten Slum der kenianischen Hauptstadt Nairobi. In dem Meer von Wellblechhütten inmitten der Großstadt lebt rund eine halbe Million Menschen am Rande des Existenzminimums. In dem kleinen Container, der als Notfallpraxis und Krankenhaus zugleich dient, gibt es keine Medikamentenschränke, keine gleißenden OP-Lampen. Nicht mal einen Monitor, der bei Eingriffen die Vitalzeichen überprüft. Aber Menschen, die seit Stunden auf medizinische Hilfe warten, die gibt es in Hülle und Fülle.
Viel Verbrennungen wegen Starkstrom-Unfällen
Rund 300 Patienten werden dort pro Tag von fünf Ärzten begutachtet und versorgt. In den Slums, so sagt Staubach, gibt es alles, was man in der westlichen Welt in dieser Ausprägung kaum zu sehen bekommt: „HIV, Tuberkulose, infizierte, tropische Wunden – und sehr viele Verbrennungen.“ Die Menschen kochen an offenen Feuerstellen, zapfen Starkstromleitungen an, um ihre Hütte beleuchtet zu bekommen. Verbrennungen und Verbrühungen gehören zum Alltag, sagt Staubach. Gerade bei Kindern.
Der Arzt Staubach untersucht die vernarbte und von Brandwunden gezeichnete Hand eines Patienten in Mathare. Foto: Raphael Staubach
Staubach erzählt von einem achtjährigen Jungen, der sich beim Spielen nahe der Feuerstelle mit kochendem Wasser verbrüht hatte. Die Hitze hat Haut, Muskeln und Sehnen im Bereich der Achseln so versengt, dass der rechte Arm am Körper klebt, wie der eingezogene Flügel eines Jungvogels. Man könne nichts mit ihm machen, erklärte der Achtjährige dem Arzt. Dort, wo Paul lebt, kann ein solches Urteil schnell für den ganzen Menschen stehen, sagt Staubach. „Wer seine Hände oder seine Beine nicht benutzen kann, kann nicht zur Schule gehen, findet keine Arbeit und ist zur Armut verdammt.“
Erste Reise nach Nairobi ist neun Jahre her
Staubach, der sein Medizinstudium in Frankfurt absolviert hat, arbeitet seit zehn Jahren im Klinikum Stuttgart. Hier, im Zentrum für Schwerbrandverletzte Kinder wurde er von seinem Mentor und Vorgesetzten, dem Verbrennungsmediziner und Kinderchirurgen Steffan Loff, geschult. Er nennt das Schwabenländle seine Heimat und die seiner fünfköpfigen Familie. Auch seine Eltern und der Großteil seiner Geschwister leben in der Nähe. Er wisse um sein Glück, sagt er, während andere nur wenige tausend Kilometer entfernt von Klein auf mit gesellschaftlichen und gesundheitlichen Hürden zu kämpfen haben.
Mit diesem Bewusstsein reiste er vor knapp zehn Jahren zum ersten Mal nach Kenia. Der damals 30-Jährige war Teil der Abordnung der German Doctors, einer Hilfsorganisation mit Sitz in Bonn, die weltweit Ärzte entsendet, um der Bevölkerung in Krisengebieten und unterversorgten Ländern Zugang zu einer grundlegenden medizinischen Versorgung zu ermöglichen.
Verbrennungen führen häufig zu Fehlstellungen
Sechs Wochen hat er in Mathare in einer kleinen Baracke verbracht, die als Health Care Center dient, und dort täglich alles behandelt, wofür es chirurgische Hilfe benötigte: „Man lernt natürlich, mit wenig Hilfsmitteln dazu beizutragen, dass der Patient überlebt oder gesund wird“, sagt Staubach. Aber so manches Mal hätte er doch gern mehr getan: „Bei tief gehenden Verbrennungen ist eine regelmäßige Kontrolle der Wundheilung und einer Narben-Nachsorge wichtig, weil es sonst die Beweglichkeit der Muskeln und Sehnen einschränkt.“
Weil es eine solche Nachsorge aber nicht gab, sah Staubach viele Kinder und Erwachsene mit Fehlstellung an Händen, Armen, Füßen und Beinen. Dabei hätte bei vielen ein kleiner plastischer Eingriff oder eine bestimmte Kompressionstherapie genügt, um den Zustand zu verbessern oder gar zu verhindern, so Staubach. „Dieser Gedanke ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen.“
Staubach will in Slums eine Art Narbennachsorge etablieren
Sogar eine Art telemedizinische Sprechstunde wurde eingeführt, in der die Ärzte von Mathare bei Staubach anrufen können, wenn sie seinen Rat brauchen. In den rund zehn Tagen, die Staubach dann vor Ort ist, nimmt er sich die Patienten mit besonders komplexen Verbrennungen vor. „Wir operieren nicht um jeden Preis“, erklärt Staubach, „nur wenn die Heilungschancen eine wirkliche Verbesserung der Lebensqualität versprechen“.
Vierjährige wegen Verbrennungen monatelang in der Klinik
Es liegen eben doch Welten zwischen seinen beiden Arbeitsplätzen: Das zeigt sich nicht zuletzt beim Besuch der kleinen Lea (Name geändert) in Staubachs Sprechstunde im Olgäle. Weil ihr Kleid an einer Kerze Feuer gefangen hatte, zog sich die Vierjährige schwerste Verbrennungen zu, zwei Dritteln ihres Körpers sind betroffen. Nur die Haut an Kopf und an Teilen ihres Gesäßes blieb heil. Drei Monate verbrachte sie in der Klinik, unzählige Transplantationen musste sie über sich ergehen lassen – „und wir wussten anfangs nicht, ob sie überlebt“, sagt Staubach.
Umso mehr freut ihn der Besuch des Mädchens, das alle vier Wochen zur Narben-Nachsorge in die Sprechstunde kommt – so auch an diesem Vormittag. Und Staubach ist zufrieden: Er zupft an der heilenden Haut an Rücken, Hals und Bauch. Sie ist von Brandnarben durchzogen, aber dennoch elastisch geblieben. Mit dem Vater wird das weitere Vorgehen besprochen: Es fallen Stichworte wie Kompressionstherapie, Laserbehandlung und Silikonauflagen. „Man wird dem Mädchen sein Leben lang den Unfall ansehen“, sagt Staubach. „Aber die Medizin hält einiges an Möglichkeiten bereit, um die Folgen sowohl gesundheitlich als auch optisch so gering wie möglich zu halten.“
Mit Spenden einen Monitor für Operationen finanzieren
Solche Operationen sind in dem kleinen Health Center in Mathare undenkbar. Nahezu täglich kommt es zu Stromausfällen, Wunden werden häufig lediglich mit einem in Jod getauchten Tuch gereinigt, die sterile Unterlage ist nichts anderes als ein Küchentuch aus Papier. Mit Spenden will Staubach nun einen Monitor finanzieren, damit die Ärzte vor Ort bei Operationen mit Betäubung die Vitalzeichen der Patienten überwachen können. Auch Verbandsmaterial soll regelmäßig nach Nairobi geschafft werden. Dafür will Staubach sorgen.
Um Unterstützer für die Sache aus der Kommunalpolitik und Wirtschaft zu gewinnen, hat Staubach eine Spenden-Gala auf die Beine gestellt, die am 8. November im Nosh-Restaurant in Stuttgart geplant ist. Gleichzeitig soll die Feier auch eine Art Plattform sein, um bestehende Strukturen wie etwa die Initiative Paulinchen e.V., die Eltern von brandverletzten Kindern berät und unterstützt, sowie Vertreter aus Medizin und Unternehmen aus dem Medizinproduktsektor besser zu vernetzen. „Ich brauche diese Kontakte“, sagt Staubach. „Alleine schaffe ich es nicht, das Projekt voranzubringen.“ Medizinische Hilfe – egal ob in Deutschland oder in Afrika – basiere nun mal auf Teamwork.
Im Behandlungszimmer 11 wartet inzwischen schon der kleine Jakob auf Staubach. Im Frühjahr hatte er einen Stromschlag aufgrund einer defekten Lichtanlage erlitten und sank bewusstlos nieder. Von den Brandwunden an seinen kleinen Händen ist fast nichts mehr zu sehen. Es wurde ihm Eigenhaut transplantiert, die Narben wurden mit Laser behandelt, sagt Staubach. Jetzt dürfte es keine Probleme mehr geben. Wie zum Beweis lässt er Jakob seine Finger fest ineinander greifen. „Für unsere westlichen Augen ist es alltägliche Medizin“, sagt Staubach. Nicht so in Mathare: Für diese brandverletzten Kinder wäre ein solcher Ausgang ein Wunder.
Verein als Hilfe zur Selbsthilfe
Gründung Der Verein Rafiki (https://www.rafiki-helpingchildrenwithburns.com) – was auf Suaheli Freund bedeutet – verfolgt das Ziel, Kindern und Jugendlichen mit thermischen Verletzungen die bestmögliche Behandlung zukommen zu lassen, insbesondere in Regionen mit unzureichender medizinischer Versorgung. Der Stuttgarter Kinderchirurg Raphael Staubach hat den Verein 2024 gegründet.
Spenden Der Verein finanziert sich ausschließlich über Spenden. Wer dazu beitragen möchte, kann sich unter folgender Adresse beteiligen: RAFIKI - Helping Children With Burns e.V.; Baden-Württembergische Bank Stuttgart;