Ein Stuttgarter Ehepaar organisiert seit Kriegsbeginn in der Ukraine immer neue Hilfstransporte. Weil die Spendenfreude schwindet, muss es kreativ vorgehen – notfalls mit Humor.
Braune Schachteln bestimmen seit vier Jahren und drei Monaten ihr Leben: Kartons, Kartons, Kartons – jeder vollgepackt und mit Inhaltsverzeichnis beschriftet. Seit Ausbruch des Kriegs in der Ukraine betreiben Switlana und Florian Dietz einen Umschlagplatz für Spendenpakete, die sie alle paar Wochen mit ihrem „Obelix“ getauften VW-Crafter gut 1300 Kilometer weit von Stuttgart-Möhringen gleich hinter die Westgrenze des kriegsgeschundenen Landes bringen. Eineinhalb Tage hin, eineinhalb Tage zurück – jeweils begleitet von Freunden und Bekannten, damit beide nicht gleichzeitig fahren müssen.
45 Hilfstransporte machen insgesamt 121 500 Kilometer
Seit Kriegsbeginn dürfen sie die Garagen sämtlicher Nachbarn als Zwischenlager nutzen. Von Babynahrung und Schulsachen über Krücken und feste Schuhe bis hin zu Fußwärmepads, Schlafsäcken und Feldbetten – Alltagshilfen werden in vielerlei Hinsicht gebraucht. 45 Spendentransporte nach Lwiw (Lemberg) sind es bisher gewesen, macht insgesamt 121 500 Kilometer. 3240 Stunden unterwegs, begleitet von Freiwilligen aus dem Freundeskreis. Dazu das Vor- und Nachbereiten mit Einkauf, Zoll- und Steuererklärungen. „Unser Leben hat sich auf links gedreht“, sagt Florian Dietz.
Seine Frau Switlana ist Ukrainerin, seit 1994 in Deutschland zu Hause – weit weg von der gesamten Familie. Der Bruder Stepan etwa lebt in Lwiw, die Mutter ist vor zwei Monaten dort verstorben. Sofort nach dem Anfangsschock über die russische Invasion ist sie damals losgezogen: „Der erste Einkauf war hier in der Apotheke in Möhringen, wo ich mit 1000 Euro in der Hand hineinmarschiert bin, um Verbandsmaterialien einzukaufen“, schildert die 54-Jährige. „Da wurde ich erst einmal mit großen Augen angeschaut, habe aber gleich 30 Prozent auf die gesamte Ware bekommen.“ Das war am 26. Februar 2022, dem zweiten Tag nach Putins Angriff. Professionelle Hilfsorganisationen, die sie sogleich kontaktierte, erschienen ihr nicht flexibel genug.
Statt Schmerzmitteln und Wundauflagen wie am Anfang werden heute eher Elektrogeräte – Solarpanele, Notstromaggregate, Powerstations – sowie viele haltbare Lebensmittel und Hygieneartikel bis hinter die polnisch-ukrainische Grenze transportiert. Dort registriert der ukrainische Zoll penibel, was ins Land kommt, um das Aufblühen von Schwarzmärkten zu verhindern. Dann bringen zwei ukrainische Hilfsorganisationen die Kartons ins Kriegsgebiet – vor allem in die Region Charkiw, wo es in Krankenhäusern, Flüchtlingsunterkünften und Kinderhäusern am Nötigsten mangelt. Im Detail dokumentieren sie, dass all die Hilfsgüter an ihren Bestimmungsorten angekommen sind.
Praktisch jeder Ukrainer kennt tragische Schicksale
In diesen Tagen sind russischer Terror und ukrainisches Leid besonders allgegenwärtig. Tod, Verletzungen oder zumindest Fronteinsätze gibt es in vielen Familien. Praktisch jeder Ukrainer kennt solche Schicksale: Der Sohn eines Cousins sei mit 22 Jahren einberufen worden, schildert Switlana Dietz. Nun ist er infolge einer Verwundung auf einem Auge erblindet und wurde aus der Armee entlassen. Der jüngere Bruder eines guten Freundes sei 2022 freiwillig an die Front gegangen und spurlos verschwunden. „Es gibt ganz viele, die einfach nicht mehr leben.“
Alles in allem wurden rund 905 000 Euro eingesammelt
Hierzulande schrumpft dagegen die Spendenbereitschaft, weil die mediale Aufmerksamkeit für den Krieg verdrängt wird von anderen Schlagzeilen. Rund 380 000 Euro hat die Möhringer „Ukraine Direkthilfe“ im ersten Jahr gesammelt, danach ging das Spendenaufkommen rapide zurück. In diesem Jahr sind seit Januar um die 66 000 Euro eingegangen.
Alles in allem wurden – mit Unterstützung von Freunden aus Garmisch – etwa 905 000 Euro gespendet, die in Form von Hilfsgütern direkt den notleidenden Menschen zugute kamen. Es werden keinerlei Verwaltungskosten abgezogen, nicht einmal Aufwendungen für die Unterbringung auf den Fahrten; allein der Diesel für den privat gekauften „Obelix“ wird aus den Spendengeldern beglichen. Sachspenden werden nur ganz gezielt und sehr bedarfsgerecht mitgenommen, etwa die medizinischen Geräte einer stillgelegten medizinischen Praxis und mitunter gebrauchte Kleidung.
„Aktion Deutschland hilft“ sieht übliches Spendenphänomen
Nachlassende Spendenfreude zeigt sich auch bei den Großen wie der „Aktion Deutschland hilft“: Zwar sei der Spendenaufruf „Nothilfe Ukraine“ mit weit mehr als 300 Millionen Euro der erfolgreichste seiner Geschichte, doch sei ein konstanter Rückgang zu verzeichnen gewesen, heißt es von dem Bündnis aus gut 20 Hilfsorganisationen. Während im ersten Kriegsjahr 253 Millionen Euro eingingen, waren es im Vorjahr nur noch knapp 14,8 Millionen Euro.
Es ist ein krisenunabhängiges Spendenphänomen: „Unmittelbar nach einer Katastrophe ist die Solidarität am größten, während sich danach ein Gewöhnungseffekt einstellt.“ Spendenbereitschaft werde ganz erheblich von der öffentlichen Aufmerksamkeit und medialer Berichterstattung beeinflusst, sagt der Sprecher des Bündnisses. So lasse sich auch beobachten, dass Konfliktherde wie Gaza humanitäre Krisen in anderen Regionen aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängen können. „Bei der Ukraine ist dieser Effekt allerdings eher gering, da die Menschen auch durch andere Faktoren wie der geografischen Nähe, stärkerer emotionaler Bindung und der anhaltend regelmäßigen Berichterstattung eine ausgeprägte Verbundenheit mit den Menschen in der Ukraine empfinden und das Thema dadurch weiterhin sehr präsent ist.“
Zufriedenstellendes Spendenergebnis trotz des Rückgangs
Immer wieder gebe es kurzzeitige Anstiege, zuletzt rund um den Jahrestag des russischen Angriffskriegs am 24. Februar. 2026 seien bis Ende Mai mehr als acht Millionen Euro für die „Nothilfe Ukraine“ eingegangen – gemessen an der langen Zeitspanne seit Kriegsbeginn sei dies „ein außergewöhnlich gutes Ergebnis“.
Ähnliches stellt „Ärzte ohne Grenzen“ fest: „Für die Ukraine gab es nach einer sehr großen Spendenbereitschaft im Jahr 2022 einen kontinuierlichen Rückgang der Anfragen.“
Um Geber zu motivieren, lässt sich das von einem Förderverein und Freunden unterstützte Ehepaar Dietz einiges einfallen: Glühweinstände, Ostermärkte, Sonderaktionen wie den Verkauf einer speziellen Briefmarke. Für den 8. Juni planen sie einen zweiten Kabarettabend im Stuttgarter Hospitalhof: „Humor mit Herz“.
Humoriger Abend für den guten Zweck
Sind Witze angebracht, wenn von Cherson bis Kiew Bomben explodieren? „Wenn man nicht mal mehr lachen kann, ist Ende“, sagt Switlana Dietz. „Wo soll sonst noch Optimismus herkommen?“ Auch in der Ukraine seien Humorsendungen im Fernsehen sehr beliebt – ähnlich wie Tanzveranstaltungen für die Jugend. „Lachen gibt Kraft, um neue Dinge anzukurbeln“, sagt Florian Dietz, von Beruf Rechtsanwalt. Sonst drohe die Depression.
Wie lange denn kann die Ukraine diesen Krieg noch durchhalten? „Oh je, diese Frage stelle ich mir schon seit vier Jahren tagtäglich“, erwidert seine Frau. Auch wenn es immer schwerer falle, bleibe sie dennoch optimistisch – in der Hoffnung, „dass es für meine Heimat irgendwie noch gut ausgeht“. Dazu müsse aber auch der Druck auf Russland dermaßen erhöht werden, „dass dort die Wirtschaft zusammenbricht“.
Solange gespendet wird, wollen sie durchhalten
Der nächste Transport soll wenige Tage nach der Benefizgala losgehen. Solange gespendet wird, wollen sie durchhalten. „Zum Glück sind die Menschen, die uns schon am Anfang unterstützt haben, größtenteils noch dabei.“ Hin und wieder vernehmen sie Überdruss in ihrem Umfeld: „Lass mich in Ruhe damit – ich kann es nicht mehr hören“, heißt es dann. „Wir zwei können es auch nicht mehr hören“, sagt die 54-Jährige. „Aber wir können nicht einfach sagen: Dann hören wir halt auf.“
Spendenabend „Humor mit Herz“ am 8. Juni
Benefizabend
Am 8. Juni (Beginn 19 Uhr) veranstalten Switlana und Florian Dietz sowie ihre Mitstreiter im Stuttgarter Hospitalhof zum zweiten Mal einen Spendenabend „Humor mit Herz“. Der gesamte Erlös kommt der „Ukraine Direkthilfe“ zugute.
Tickets
Geplant ist ein Kabarettprogramm mit Werner Kocwara und Ernst Mantel, die ihrerseits auf Gagen verzichten. Tickets gibt es über Easyticket oder die Website des Fördervereins Old Tablers 82 (www.ot82.de).