Spoken Arts Festival Im Brecht-Outfit durchs Wunderland

Schauspieler Thomas Thieme liest in Stuttgart Thomas Mann. Foto: dpa/Candy Welz

Im Mozartsaal ist jetzt das dritte Spoken Arts Festival eröffnet worden. Auf der Gala-Bühne: Iris Berben, Claudia Michelsen und Thomas Thieme.

Wer damals dabei war, wird sich erinnern: Im vergangenen Jahr war es der große Lars Edinger, der beim Spoken Arts Festival das letzte Wort hatte – er und Brecht, dessen nach der deutschen Teilung entstandene „Kinderhymne“ der Schauspieler im ausverkauften Theaterhaus vortrug. Brecht schrieb das Gedicht als Gegenentwurf zu den beiden deutschen Nationalhymnen, vier in ihrer Einfachheit berührende Liedstrophen, in denen unser Land „nicht über und nicht unter andern Völkern“ steht, sondern als friedlicher Partner neben ihnen. „Dass ein gutes Deutschland blühe/Wie ein andres gutes Land“, heißt es darin – und explizit an diese Hoffnung knüpft die dritte Ausgabe des Festivals an, die am Donnerstag im bestens gefüllten Mozartsaal der Liederhalle eröffnet wurde.

 

Radikale Umkehr

In seiner Begrüßung stellte der Festivalleiter Joachim Lang – blaues Hemd, blaue Hose, Brecht-Outfit – die Frage, an der sich die Veranstaltungen der nächsten fünf Tage orientieren: „Dass ein gutes Deutschland blühe – wie sollte das nach dem verlorenen Krieg bloß möglich sein?“ Seine Antwort: Eine radikale Umkehr war nötig, jegliche Form von Nationalismus und Hass musste unterbunden werden, und man musste „Gedanken aussprechen, die man heute nicht mehr zu denken wagt“. Konkreter wurde Lang nicht, aber als der Ausnahmeschauspieler Thomas Thieme mit seinem asthmatischen Bass den Appell „Gegen die Wiederbewaffnung Westdeutschlands“ von Thomas Mann las, glaubte man zu verstehen, was der Festspielchef meinte: Immer mehr Waffen schaffen keinen Frieden! Ein Satz, der eigentlich eine Selbstverständlichkeit ausspricht, aber in Zeiten, in denen „Diplomatie“ ein Schimpfwort ist, wie eine Provokation anmutet.

Ein Merkmal des von der Akademie für gesprochenes Wort veranstalteten Festivals ist neben der stringenten inhaltlichen Ausrichtung – die erste Ausgabe beleuchtete die Weimarer Republik, die zweite die NS-Herrschaft – das hohe Niveau der an verschiedenen Orten stattfindenden Vorträge, Lesungen, Konzerte. Die Gala zum Start der dritten und letzten Spoken-Arts-Runde untermauerte diesen Qualitätsanspruch. Iris Berben, Claudia Michelsen und Hanna Plaß, die wie die ebenfalls mitwirkende Gigi Ullrich von der hiesigen Oper eine betörende Chansonsängerin ist, dazu Thomas Thieme und Kida Khodr Ramadan: ein Starensemble, das jeden Film, jede Inszenierung adeln würde und sich jetzt durch Lieder, Lyrik und Prosa wühlte, die das Nachkriegsdeutschland in allen seinen Ambivalenzen aufleben ließ.

Adorno verachtet den Schlager

Was beispielsweise hat es mit dem Schlager auf sich, der im Wirtschaftswunderland eine einmalige Blüte erlebte? Tucholsky meinte, er sei „echt, weil er so wunderbar falsch ist“, und nachdem Hanna Plaß dieses Zitat gelesen hatte, sang sie die „Capri-Fischer“. Und nachdem Thomas Thieme vorgetragen hatte, weshalb Adorno den Schlager verachtete, stimmte Gigi Ulrich „Ganz Paris träumt von der Liebe“ an – und schon ging es wieder zu den „harten Themen“, zu NS-Aufarbeitung, zu Teilung, zu Wiederaufrüstung, wobei besonders die rezitierende Iris Berben mit ungeheurer Bühnenpräsenz auffiel. Ihr gehörte auch das letzte Wort beziehungsweise Lied: Hildegard Knefs „Für mich soll‘s rote Rosen regnen“ – und dazu Ovationen für alle im Mozartsaal.

Spoken Arts Festival

Termine
Das Festival endet am Dienstag im Theaterhaus, mit „Ich bin ein Berliner – Reden zur Zeit“, unter anderem mit Thomas Thieme. Höhepunkte davor: „Die Ermittlung“ von Peter Weiss, Samstag, Hotel Silber; Schlagerabend mit Hanna Plaß, ebenfalls Samstag, Dürnitz; die „Wundersame Wandlung“, Sonntag, Mozartsaal, mit Albrecht Schuch, Mavie Hörbiger, Wolfram Koch, Peter Kurth, Ricky Watson.

Tickets
unter www.spoken-arts-festival.de

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