Sport im Klinikum Stuttgart Krebskranke Kinder: Bloß nicht im Bett bleiben!
Wenn Kinder an Krebs erkranken, ist es mit Toben vorbei. Dabei ist Sport während der Therapie wichtig: Wie die Stuttgarter Kinderklinik ihre kleinen Patienten trainiert.
Wenn Kinder an Krebs erkranken, ist es mit Toben vorbei. Dabei ist Sport während der Therapie wichtig: Wie die Stuttgarter Kinderklinik ihre kleinen Patienten trainiert.
Der rote Ball fliegt ins Tor. Und Josha (Name geändert) jubelt – etwas zu ungestüm: Prompt fängt es am Infusionsständer an zu piepen. „Ups“, sagt Josha und grinst die Krankenpflegerin an, die kommen muss, um die Medikamentenzufuhr des Achtjährigen wieder zu sichern. Die Geräte reagieren recht empfindlich auf rasche Bewegungen, erklärt sie. Es wird vielleicht noch öfter piepen. Josha zuckt mit den Schultern: Und wenn schon. Er will jetzt weiter Hockey im Krankenhausflur spielen.
Das lange Rumsitzen in der Tagesklinik der Kinderonkologie am Klinikum Stuttgart behagt dem Jungen nicht. Josha ist seit zwei Jahren in Behandlung. Weil sich die Tumorzellen in seinem linken Oberschenkelknochen eingenistet hatten, ist er häufig operiert worden. Das hat Spuren hinterlassen: Josha hinkt leicht. Das hindert den Jungen nicht daran, in Bewegung zu bleiben: Wenn es ihm gut geht, geht er raus, erzählt er. „Hockeyspielen auf der Straße zusammen mit Freunden.“ Das mache er am liebsten.
In der kinderonkologischen Tagesklinik des Klinikums Stuttgart ist es der Sportwissenschaftler Dominik Gaser, der gemeinsam mit der Physiotherapeutin Dorothee Rippmann Josha während seiner Therapie auf die Beine bringt. Und nicht nur ihn: Seit Juni beginnt Gaser jeden Morgen um neun Uhr seine Runde auf der Kinderkrebsstation – seinen Schrankkoffer auf Rollen stets im Schlepptau. Darin sind lauter Dinge untergebracht, die Spaß machen: Boards zum Balancieren, Hockeyschläger, Fußbälle, Ministepper, Boxhandschuhe, Tischtennisschläger, Spielewürfel, um Tierbewegungen nachzustellen. „Es geht darum, den Kindern erst einmal Anreize zu geben“, sagt Gaser. Das Spiel, die Bewegung entwickele sich daraus schnell von selbst.
Trotz Krebs Sport zu treiben – das ist für Kinder besonders wichtig, heißt es in der Kinderkrebsforschung: Eine Krebserkrankung kann den motorischen Entwicklungsprozess der betroffenen Kinder stark bremsen, warnt etwa Joachim Wiskemann, Leiter der Arbeitsgruppe Onkologische Sport- und Bewegungstherapie am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg. „Wenn Kinder dabei wichtige Entwicklungsphasen verpassen, lässt sich das leider nur schwer nachholen.“
Untersuchungen zeigen, dass krebskranke Kinder in der Regel 20 bis 60 Prozent weniger Muskelkraft besitzen als gesunde. Das liegt zum einen häufig an den räumlich begrenzten Möglichkeiten eines Krankenhauses. Aber auch die Therapie an sich wirkt wie eine körperliche Vollbremsung: „Nebenwirkungen der Medikamente, wie Übelkeit oder anhaltende Müdigkeit, verschlimmern das inaktive Verhalten“, sagt Wiskemann. Gleichzeitig verstärkt die körperliche Schonung diese therapiebedingten Symptome. Ein Teufelskreis entsteht.
Umso wichtiger ist es, auf Kinderkrebsstationen gezielt Bewegungstherapien zu fördern. „Ich bin überzeugt, dass Kinder, die während der Therapie in Bewegung bleiben, ein besseres Behandlungsergebnis haben als Kinder, die keine entsprechenden Angebote wahrnehmen können“, sagt Wiskemann. Das will der Krebsforscher zusammen mit Kollegen aus ganz Europa mittels einer Studie wissenschaftlich untersuchen: Erste Erkenntnisse der Studie namens FORTEe werden bald vorliegen. Die internationale Untersuchung mit 400 teilnehmenden Kindern aus acht verschiedenen Standorten aus ganz Europa läuft bis Ende des Jahres 2025.
Im Klinikum Stuttgart braucht es keine Studie, um zu sehen, wie begierig die Kinder auf der onkologischen Station auf das Erscheinen von Dominik Gaser reagieren. „Oh Sport, Sport“, ruft Merle (Name geändert) aus dem Zimmer. Die knapp Vierjährige legt das Handy zur Seite und läuft an der Hand ihres Vaters auf den Krankenhausflur hinaus. Den Infusionsständer mit der Chemotherapie hat sie im Schlepptau. Dominik Gaser lacht sie an: „Hey, Merle, machen wir heute zusammen einen Parcours?“ Und ob das Mädchen Lust hat. Sie rutscht und klettert über die Spielpolster, klettert durch einen Reifen und balanciert auf knubbeligen Halbkugeln.
Seit einer Woche ist seine Tochter auf Station, erzählt der Vater. Die Chemo setze ihr extrem zu. Merle mag seit Tagen nichts essen, ständig ist ihr übel. Dazu kommt der ganze Untersuchungsmarathon, den man zusammen bewältigen muss und die vielen Wartezeiten. „Da ist man über jede Abwechslung froh“, sagt der Vater. Und nicht nur das: Als Merle müde nach einem weiteren Durchgang im Parcours in die Arme ihres Papas sinkt, sagt sie nur: „Ich habe Hunger!“
Wie viel besser es den Kindern nach Sport geht, erlebt Dominik Gaser jeden Tag – nicht nur körperlich. Der dreijährige Johann (Name geändert) etwa, der aufgrund des verabreichten Morphins ganz aufgedreht ist, kommt für ein paar Minuten zur Ruhe, weil er sich beim Klettern über die Spielpolster konzentrieren muss. Oder der Teenager einige Räume weiter, der sich auf sein Krafttraining freut – weil er trotz Krankheit etwas machen kann, was für Jugendliche in seinem Alter ganz normal ist.
„Ich versuche, die Kinder und Jugendlichen immer auf ihrem Fitness-Level abzuholen, wo sie gerade stehen“, sagt Dominik Gaser. Das könne aufgrund der Therapien täglich wechseln. Manche, die am Tag zuvor noch kaum in der Lage waren, den Arm zu heben, weil die Medikamente sehr stark wirken, können schon am nächsten Morgen wieder eine halbe Stunde um den Boxsack tänzeln. Aber auch umgekehrt ist das der Fall. Da gilt es kreativ und vor allem für sämtliche Situationen gewappnet zu sein, sagt Gaser.
Trotz der sichtbaren Erfolge der Sporttherapie sind sie für Kinder noch längst keine Leistung, die von den Krankenkassen gestellt wird. Zwar schließen immer mehr Kassen mit einzelnen Kliniken sogenannte Versorgungsverträge ab, um die Vergütung solcher Angebote zu sichern. „Allerdings ist dies leider nicht flächendeckend so“, kritisiert der Heidelberger Forscher Wiskemann. Es sei unverständlich, warum man nicht allen 2000 Kindern, die jedes Jahr hierzulande neu an Krebs erkranken, ein Bewegungsangebot bieten könne. Kinder haben gemäß den Leitlinien der Weltgesundheitsorganisation WHO ein Recht auf Bewegung. „Und dies darf ihnen auch nicht verwehrt werden.“
Im Klinikum Stuttgart beispielsweise wird die Stelle des Sportwissenschaftlers Gaser für die kinderonkologische Station von Förderkreisen und Spendern finanziert – allen voran der Förderkreis krebskranke Kinder Stuttgart. Gaser selbst ist zudem Mitglied des bundesweiten Netzwerks ActiveOnkoKids, gegründet von Sportwissenschaftlern, Medizinern und Pädagogen. Das von der Deutschen Krebshilfe finanzierte Projekt will Sport bei krebskranken Kindern und Jugendlichen bundesweit etablieren – sowohl während als auch nach einer Tumorerkrankung.
„Für Eltern, die es durch die Krankheit gewohnt sind, dass ihr Kind geschont werden muss, ist es häufig besonders schwierig zu wissen, wie oft und wie intensiv sich ihr Kind belasten darf“, sagt Wiskemann. Es gelte daher auch, den Familien Tipps und Anregungen zum gemeinsamen Spiel zu geben. „Die Kinder sollen ja auch im häuslich Umfeld wieder so aktiv wie möglich sein.“ Auch, um das Risiko möglicher Folgeerkrankungen wie Herz-Kreislaufleiden, Übergewicht oder Diabetes zu verringern. „Darüber hinaus berichten Studien unisono, dass die Bewegung vor allen Dingen den Patienten und auch deren Familien das positive Gefühl vermittelt, selbst etwas zum Behandlungserfolg beitragen zu können“, sagt Wiskemann.
Der Vater von Josha beobachtet gelassen, seinen durch die Flure tobenden Sohn. Angst, er könne sich beim Hockeyspiel verausgaben, habe er nicht. „Uns als Familie war es wichtig, trotz Joshas Erkrankung so viel Normalität wie möglich beizubehalten“, sagt er. Dazu gehöre viel Bewegung im Alltag. Dass dies nun auch während der Therapie im Krankenhaus möglich ist, sei eine große Bereicherung, sagt der Vater. „Josha geht es sichtlich besser.“