Sportmoderatorin Lena Cassel „Sag mir, dass ich Quatsch über Dortmund rede – nicht, dass mein Outfit scheiße ist“

„Ich habe mich mit dem Fußball einfach immer am wohlsten gefühlt.“ Lena Cassel spielte Fußball, heute ist darüber sprechen ihr Job. Foto: Tropen/Marius Knieling

Früher hat sie Fußball gespielt, jetzt spricht sie drüber: In ihrem Buch „Aufstiegskampf“ beschreibt Lena Cassel ihren steinigen Weg in die Primetime. Ein Gespräch über Aufsteigerkinder, Equal Pay und die Frauen des VfB Stuttgart.

Freizeit und Unterhaltung: Theresa Schäfer (the)

Als Lena Cassel ihr erstes Tor schoss, bekam sie einen anerkennenden Blick und 50 Euro von ihrem Opa. Spätestens da hatte sich die heute 30-Jährige in den Fußball verliebt. Auf dem Rasen gab es immer einen Platz für das Mädchen aus einer rheinländischen Arbeiterfamilie. Die Tochter einer alleinerziehenden Mutter musste schon früh selbst klarkommen. Der Fußball brachte ihr Anerkennung: „Du spielst wie ein Junge“ – das war als Lob gedacht. Im Gummikäfig lernte sie sich zu behaupten.

 

Doch der Frauenfußball zahlte ihr nicht die Rechnungen. Lena Cassel kam zum Sportjournalismus. Bei der „Sportschau“ attestierte man ihr, sie sei „ zu bunt und zu laut“. Inzwischen moderiert sie beim Sportsender DAZN die Bundesliga und bei Amazon Prime die Champions League und hat einen erfolgreichen Fußball-Podcast. Über ihren Aufstieg von der Seitenlinie in die Primetime hat sie nun ein Buch geschrieben: „Aufstiegskampf“.

Frau Cassel, was hat Ihnen der Fußball gegeben?

Ich habe immer nach Zugehörigkeit gesucht. Die Antwort auf die Frage „Wo gehöre ich dazu?“ habe ich auf dem Fußballplatz gefunden. Er ist die große Konstante in meiner Geschichte, er war immer mein Safe Space. Hier habe ich gelernt, wer ich bin. In meiner Frauenmannschaft bin ich mir über meine Sexualität klar geworden, dort habe ich gemerkt, dass ich Frauen liebe und hatte auch den Schutzraum, das auszuleben. Und nicht zuletzt gab mir der Fußball auch Halt und Struktur.

Wie das?

Ein Verein ist etwas sehr Verlässliches. Es gibt ein „jedes Mal“: Jedes Mal steht Dieter hinterm Grill. Jedes Mal sehe ich meine Trainerin und trainiere mit meinem Team. Das gibt Halt, vor allem ganz jungen Menschen, die nach Verlässlichkeit suchen, die ihnen womöglich in ihrer Familie fehlt.

Sie haben als Kind immer bei den Jungs mitgespielt. Heute boomen Mädchenmannschaften.

Das ist eine positive Entwicklung. Ganz viele Mädchen hätten sich früher gar nicht getraut, in einen Fußballverein zu gehen, weil sie nicht auffallen, nicht das einzige Mädchen in einem Team sein wollten. Bei mir auf dem Dorf gab es keine Mädchenmannschaften. Ich habe da auch keinen Unterschied gemacht. Die Kommentare kamen von außen: „Du spielst wie ein Junge!“ Und das sollte dann ein Kompliment sein.

Konnten Sie sich allein unter Jungs behaupten?

Irgendwann gab es keinen Unterschied mehr. Im Gummikäfig, auf dem Bolzplatz waren alle gleich. Ich musste zeigen, dass ich mithalten kann. Wenn du das Tor nicht getroffen hast, hast du eine Schelle kassiert – egal ob Mädchen oder Junge. Damals war das für mich die ultimative Bestätigung: Ich gehöre dazu.

Als Sie später zu Fortuna Köln gewechselt sind, mussten Sie selbst Ihre Ablöse zahlen. Wäre das heute auch noch so?

Ich befürchte es. Gerade in den Verbands- oder Regionalligen gibt es immer noch zahlreiche Spielerinnen, die keinen Amateurvertrag haben. Die sind nicht abgesichert, die müssen selbst für ihr Equipment aufkommen. In der Spitze, in der ersten Liga und gerade bei den Nationalspielerinnen haben wir einen riesigen Sprung gemacht: Die können davon leben, da werden inzwischen auch sehr hohe Ablösesummen gezahlt. Aber darunter sind die Bedingungen immer noch nicht so wie bei den Männern.

Sie haben ziemlich erfolgreich gespielt, mussten aber trotzdem bei Rewe an der Kasse sitzen, um Ihr Leben und Ihr Studium zu finanzieren. Ein Mann müsste das nicht.

Ein Mann, der auf dem Niveau spielt, auf dem ich gespielt habe, verdient schon mindestens einen vierstelligen Betrag. Der muss sich keine Sorgen machen, wie er seinen Lebensunterhalt bestreitet.

Sie haben irgendwann aufgehört, weil Sie keine Perspektive gesehen haben. Wir hart war das?

Das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Der Fußball hatte für ganz lange Zeit meine Woche bestimmt. Und plötzlich musste ich mir die Frage stellen: Wie fülle ich eigentlich die Tage? Da ist eine Routine weggebrochen, die wichtig für mich war. Ich hätte gerne weitergespielt, aber Aufwand und Ertrag standen in keinem Verhältnis mehr. Und ich hatte kein finanzielles Netz, das mich hätte auffangen können. Ich musste Geld verdienen. Dafür habe ich meinen Traum beerdigt.

Wie kann man diese finanzielle Benachteiligung im Frauenfußball beenden?

Wir führen diese Debatte vom falschen Ende her. Wir müssen an der Basis die Strukturen schaffen, damit mehr Mädchen Fußball spielen. Vereine müssen Mädchenmannschaften haben. Die müssen Trainer und Trainerinnen haben, die Ausstattung muss da sein, ein guter Platz, aufgepumpte Bälle. Wenn wir diese Infrastruktur haben, werden viel mehr Mädchen in die Vereine strömen. Daraus erwachsen dann noch viel bessere Spielerinnen und so wird sich der Fußball der Frauen noch weiter professionalisieren. Wir reden immer über „Equal Pay“, aber das kann es nur geben, wenn’s auch an der Basis stimmt.

Sehen Sie da Entwicklungen?

Vorsichtige. Wir haben beim DFB seit 2024 mit Nia Künzer zum ersten Mal überhaupt eine Sportdirektorin für den Frauenfußball. Vorher gab es diese Position nicht. Da haben fünf mittelalte Männer darüber entschieden, welche Gelder in den Frauenfußball fließen. Aber der DFB muss jetzt dringend diese Strukturen ausbauen – Nia Künzer allein reicht da nicht.

Der Stuttgarter Gemeinderat hat kürzlich dagegen gestimmt, dass die Stadt sich um die Austragung von Spielen der Frauenfußball-EM 2029 bewirbt. Wie sehr wundert Sie eine solche Entscheidung?

Ich halte das für eine vergebene Chance. Die Erzählung „Niemand interessiert sich für Frauenfußball“ stimmt nicht. Wir haben doch durch tolle Turniere gemerkt, dass sich sehr wohl viele Menschen für den Frauenfußball begeistern. Da strömen ganz andere Zielgruppen in die Stadien, weil der Fußball der Frauen noch so durchlässig und offen ist.

Der VfB Stuttgart versucht gerade mit seiner Frauenmannschaft einen Durchmarsch durch die Ligen. Dafür hat er seinen Kader mit sehr erfahrenen, auch älteren Spielerinnen aufgerüstet. Fehlt Ihnen da die Fußballromantik?

Ich halte es für eine richtige und wichtige Entwicklung, dass die Traditionsvereine in Frauenmannschaften investieren. Dadurch bekommt man auch eine attraktivere Bundesliga der Frauen, in der nicht der VfL Wolfsburg und der FC Bayern München die Meisterschaft unter sich ausmachen. Und nicht zuletzt wird der Frauenfußball so auch interessanter für potenzielle Werbepartner.

Ihre Anfänge im Sportjournalismus haben Sie bei der „Sportschau“ gemacht. Dort wurde Ihnen gesagt, Sie seien „zu laut und zu bunt für vor der Kamera“. Was macht so ein Spruch mit einem?

Mit Anfang 20 habe ich diesen Satz persönlich genommen und ihn gar nicht strukturell betrachtet. Dabei ist er ein Abziehbild: Charaktereigenschaften, die bei Männern genau richtig sind, findet man bei Frauen zu viel. Ich wollte meine Geschichte erzählen, weil ich zeigen will: Man darf laut und bunt sein und trotzdem zur besten Sendezeit über Fußball reden. Nur so kriegen wir Frauen in die Bereiche, in denen sie unterrepräsentiert sind. Damit wir irgendwann nicht mehr zwei, drei sind, sondern ganz, ganz viele.

Sie sind in Ihrer Familie die Erste mit Abitur und Studium. Aufsteiger stehen oft unter Druck, sich beweisen zu müssen, es besonders gut zu machen. War es so auch bei Ihnen?

Ich glaube schon, dass ich lauter, selbstbewusster, mutiger und auch getriebener sein musste, als ich eigentlich bin. Einfach nur um gesehen zu werden. Das ist eine typische Krankheit von Aufsteigerkindern: Dass man immer noch ein bisschen mehr machen muss und nicht einfach nur sein darf.

Sie schreiben auch über die Alkoholkrankheit und den Tod Ihres Vaters. Haben Sie mit sich gerungen, ob das mit ins Buch soll?

Das war eine der ersten Geschichten, die ich aufgeschrieben habe. Ich wusste: Wenn ich dieses Buch schreibe, muss alles von mir drin sein. Der frühe Tod meines Vaters hat mich Demut vor dem Leben gelehrt. Es kann schnell vorbei sein, deshalb sollte man etwas mit seinem Leben machen. Und zwar mit vollem Herzblut und hundertprozentiger Authentizität.

Auf Instagram haben Sie kürzlich ein paar von den negativen Reaktionen und Posts veröffentlicht, die Sie über die Jahre bekommen haben. Wir sehr lassen Sie so etwas an sich heran?

Ich lese nicht alles – und vor allem nicht nach einer Show, wenn ich alleine in einem Hotelzimmer sitze und besonders verletzlich bin. Jeder, der in der Öffentlichkeit steht, bekommt negative Kommentare. Es gibt jedoch einen kleinen, aber feinen Unterschied: In den Kommentaren, die Frauen kriegen, geht es oft ums Geschlecht, zum Beispiel um unser Aussehen. Ich habe nichts gegen Kritik: Aber sag mir, dass ich Quatsch über Borussia Dortmund geredet habe, sag mir nicht, dass mein Outfit scheiße und meine Stimme pipsig ist.

Foto: Tropen

Sie sind queer. In Ihrem Buch schreiben Sie, als Sie jung waren, war die einzige bekannte lesbische Frau Hella von Sinnen. Haben queere junge Frauen heute mehr „Role Models“?

Ich glaube schon, dass es heute mehr Vorbilder gibt, an denen sich junge lesbische Frauen orientieren können. Es gibt lesbische Dating-Plattformen, lesbisch sein wird inzwischen auch in Filmen thematisiert. Und auch in der Frauen-Nationalmannschaft gibt es offen lesbische Spielerinnen, die als Vorbilder dienen. Vor allem, weil sie auch zeigen, dass queer sein nicht nur schrill und schräg sein muss. Wir brauchen ganz unterschiedliche „Role Models“, die Mädchen und jungen Frauen helfen, zu ihrer Sexualität zu stehen.

Lena Cassel: Aufstiegskampf. Tropen. 217 Seiten, 18 Euro.

Zur Person
Lena Cassel ist 1994 in Köln geboren. Erst stürmte sie für den SV Allner-Bödingen, dann holte sie Fortuna Köln. Weil sie mit dem Fußball kein Geld verdiente, ging sie zur „Sportschau“, wo ihr bescheinigt wurde, sie sei „zu bunt und zu laut“ für vor der Kamera. Bei „HerthaTV“, dem Vereins-Kanal von Hertha BSC, sah man das anders. Inzwischen präsentiert Cassel für Prime Video die Highlightshow der Champions League, moderiert für DAZN die Bundesliga und betreibt zusammen mit Maik Nöcker den Fußball-Podcast „Fußball MML Daily“. Sie lebt in Berlin.

Lena Cassel live
Die Moderatorin geht auf Lesereise. Im Mai ist Lena Cassel in mehreren Städten live zu sehen. Mehr Infos

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