Unter anderem der ADFC hatte im Schwabtunnel eine Umweltspur in Richtung Stuttgart-West gefordert. Foto: Sebastian Steegmüller
Trotz Diskussionen um die Sicherheit von Radfahrern wird die Stadt Stuttgart die Umweltspur im Schwabtunnel nicht umsetzen. Ein Stadtrat bezeichnet sie sogar als „Etikettenschwindel“.
Sebastian Steegmüller
24.02.2026 - 17:15 Uhr
Illegale Überholmanöver im Schwabtunnel und das damit getrübte Sicherheitsempfinden von Radfahrern haben in den vergangenen Monaten für kontroverse Diskussionen geführt. Forderungen nach einer Umweltspur, die künftig von Heslach nach Stuttgart-West nur noch von Bussen, Taxen und Radfahrern benutzt werden darf, erteilte die Verwaltung am Dienstagvormittag eine Absage. „Ein Verkehrsversuch ist sowohl rechtlich als auch planerisch schwierig umsetzbar“, sagte Dirk Herrmann, Leiter der städtischen Straßenverkehrsbehörde im Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik. Die Ergebnisse der Modellierung seien aufgrund der negativen Auswirkungen eindeutig. „Man könnte großes Chaos anrichten.“
Verhältnismäßigkeit nicht erfüllt
„Würde man den Schwabtunnel versuchsweise in Richtung West sperren, würde es zur Verlagerung von 5600 Autos in 24 Stunden kommen, das heißt wir würden eine deutliche Mehrbelastung in den umliegenden Straßen erzeugen“, fügte Stephan Oehler, Leiter der Abteilung Verkehrsplanung und Stadtgestaltung, hinzu. Ein Verkehrsversuch nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“ sei rechtlich nicht zulässig. Stattdessen würden die gleichen Voraussetzungen gelten wie bei einer Dauermaßnahme: Er müsse geeignet, erforderlich und angemessen sein. Vor allem letzter Punkt ist in dieser Prüfung der Verhältnismäßigkeit offenbar nicht erfüllt.
Werden bis auf die einseitige Sperrung der 125 Meter langen Röhre keine weiteren Maßnahmen ergriffen, ist laut der Modellierung in der Hasenbergsteige mit einer Zunahme des Verkehrs von 157 Prozent und rund 1650 Autos am Tag zu rechnen, in der etwas ruhigeren Hohenzollernstraße, die an die Hasenbergsteige anknüpft, sogar um mehr als 1000 Prozent. Wird die Nutzung der kürzesten Tunnel-Umfahrung durch eine Einbahnstraßenregelung in der Schickhardtstraße unterbunden, würde sich der Verkehr in angrenzende Wohngebiete verlagern: Beispielsweise in die Wannenstraße, hier würde sich die Zahl der Kraftfahrzeuge auf 650 am Tag dann fast verdreifachen. Sollte der kurze Schleichweg offen bleiben, immer noch verdoppeln. Aber auch in der Böheimstraße, der Silberburgstraße und der Hohenstaufenstraße müssten sich die Anwohner nach Sperrung der Schickhardtstraße auf noch mehr Autos einstellen.
Seit Mitte September gilt Tempo 30 im Schwabtunnel. Foto: Sebastian Steegmüller
Die beiden Verkehrsexperten betonten, dass es nicht nur eine Ausweichroute, sondern viele Umfahrungen gibt. Untersucht wurden Strecken bis in die Filderebene. Neben inakzeptablem Schleichverkehr vor sensiblen Einrichtungen habe man mehr Lärmbelästigung und Luftverschmutzung in den betroffenen Bereichen. Darüber hinaus könne die Mehrbelastung an betroffenen Knotenpunkten wie dem Marienplatz und der Paulinenbrücke mit der jetzigen Signalsteuerung nicht mehr leistungsfähig abgewickelt werden. „Die Erreichbarkeit des Marienhospitals wäre ebenfalls eingeschränkt“, sagt Dirk Herrmann. Deutlich mehr Verkehr vor der eigenen Haustür würde auch zu Klagen von Anwohnern führen, merkte Stephan Oehler an. Außerdem würde man mit dem Verkehrsversuch andere Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen torpedieren. Aus diesen Gründen habe sich die Straßenverkehrsbehörde letztlich gegen ihn entschieden.
Sofortmaßnahmen zeigen Wirkung
Zugleich verwies Herrmann auf die Umsetzung der Sofortmaßnahmen. Seit Mitte September 2025 gilt Tempo 30 im Schwabtunnel, in beiden Richtungen sind auf den Fahrspuren mehrere Piktogramme eines Radfahrers aufgebracht worden und auf der durchgezogenen Linie wurden zahlreiche reflektierende Markierungsnägel eingesetzt. Beim Überfahren der Mitte wird ein Brummton erzeugt. „Drei Maßnahmen, die eine messbare Verbesserung der Verkehrssituation bewirken“, so Herrmann, der im Rahmen einer bereits laufenden Evaluation weitere Stichproben durch die Stadt und Verkehrskontrollen durch die Polizei ankündigt.
Im Sommer 2026 werden diese Ergebnisse im Stuttgarter Rathaus den Stadträten vorgestellt. Ihnen bleibt jedoch jedes Mitsprachrecht verwehrt, die Entscheidungsgewalt liegt hier allein bei der Verkehrsbehörde. Im Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik stieß der Beschluss am Dienstagvormittag sowohl auf Zustimmung als auch Ablehnung. Fraktionen wie die CDU, die Freien Wähler und die AfD begrüßten das Aus der Umweltspur im Schwabtunnel. Cornelius Hummel von der FDP bezeichnete sie sogar als „Etikettenschwindel“. Sie sei eine „Umweltverschmutzungsspur“. Sebastian Karl (Bündnis 90/Die Grünen) betonte, dass der politische Druck schon etwas gebracht habe. Hannes Rockenbauch, Vorsitzender der Fraktion Die Linke SÖS Plus, war „unendlich frustriert“, weil man so Stadtentwicklung nicht betreiben könne. Auch Christoph Ozasek (Puls) bedauerte die Entscheidung: „Jahre der Diskussion gehen an der Verwaltung vorbei. Ich erwarte eine andere Haltung der Verkehrsbehörde.“ Man müsse die schwächsten Verkehrsteilnehmer mehr schützen.