Stadtentwicklung in Stuttgart Abschied vom Traditionsstandort – Thalia/Wittwer verlässt Schlossplatz

Thalia/Wittwer wird nicht mehr lange am Schlossplatz zu finden sein. Foto: IMAGO/Arnulf Hettrich

Nach 60 Jahren gibt Stuttgarts größtes Buchhaus seinen Standort am Schlossplatz auf. Wo Thalia/Wittwer künftig in der Stuttgarter Innenstadt zu finden sein wird.

Stuttgarts Einkaufsmeile verändert grundlegend ihr Gesicht. Über viele Jahrzehnte hat Wittwer zum Schlossplatz gehört wie die Jubiläumssäule. Das Stammhaus des 1867 gegründeten Buchunternehmens ist im Jahr 1967 bezogen worden. 2018 hat sich die Familie Wittwer aus der Branche zurückgezogen und die Firma an einen Handelriesen verkauft. Die Kette Thalia übernahm den Platzhirsch von der Königstraße und führt seitdem das Geschäft mit dem Doppelnamen Thalia/Wittwer weiter.

 

Inzwischen hat die Familie Wittwer das Gebäude am Kleinen Schlossplatz, das in die Jahre gekommen ist, an die Dinkelacker AG verkauft. Die neuen Eigentümer wollen das Haus von Grund auf sanieren und für die Zukunft fit machen. „Uns war klar, dass wir dafür das Gebäude für lange Zeit verlassen müssten“, sagt Rainer Bartle, der Geschäftsführer von Thalia/Wittwer gegenüber unserer Redaktion.

Wittwer-Gebäude verkauft: Dinkelacker plant umfassende Sanierung

Der Auszug soll 2027/2028 erfolgen – und dann aber für immer in einen Neubau, der sich nur wenige Hunderte Meter weiter befindet. Auf dem früheren Signa-Areal an der Ecke Königstraße/Schulstraße, das viele noch immer als „Benko-Loch“ bezeichnen, soll sich die „schöne, neue Welt“ eröffnen, wie Bartle es nennt. Sein Personal ist bereits informiert.

Vor einem dreiviertel Jahr hat die Doblinger Unternehmensgruppe, zu der die Dibag Industriebau AG gehört, das Gelände mitten in Stuttgarts Fußgängerzone erworben. Unter dem Namen „Zwei Hoch Fünf“ wollte die inzwischen insolvente Firma Signa von René Benko nach dem Abriss der Sportarena ein neues Handels- und Bürohaus errichten. Nachdem im Sommer des Jahres 2023 der oberirdische Rückbau abgeschlossen worden war, liegt das Areal bis heute brach.

So soll das neue Gebäude an der Ecke Königstraße/Schulstraße aussehen, in das Thalia/Wittwer im Winter 2027/2028 einziehen will. Foto: Thalia

Doch nun tut sich nach langem Warten etwas. Nachdem die Dibag als neue Eigentümerin die bisherigen Planungen auf ihre Umsetzbarkeit geprüft und verifiziert hat, soll bereits im Oktober der Neubau beginnen. Das neue Projekt trägt den Namen „Patio“.

„Patio bringt Licht und Eleganz in das neu gebaute Areal“

Mit dem „Patio“ wird „ein elegantes Büro- und Geschäftshaus entstehen, das von Transparenz und viel natürlichem Licht geprägt sein wird“, sagt Elisabeth K. Ponader, die Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Dibag Industriebau AG und fährt fort: „Neben den namensgebenden Lichthöfen, den sogenannten Patios im Innern, sind die begrünten Dachterrassen mit Blick über die Stadt ein besonderes Highlight.“

Das brachliegende Areal wird „Benko-Loch“ genannt – und soll nun endlich bebaut werden. Foto: Sellner

Die etwa 7000 Quadratmeter Mietfläche verteilen sich auf zwei Handelsebenen sowie auf weitere Büroetagen. Für den Handel stehen 2300 Quadratmeter zur Verfügung – und hier kommt nun Thalia ins Spiel: Die Buchkette nutzt diese gesamte Fläche. Für Büronutzung sind vom ersten bis zum fünften Obergeschoss 4800 Quadratmeter vorgesehen, „die entsprechend den Wünschen der künftigen Mieter gestaltet werden können“, so Ponader. Dazu kämen diverse Lagerflächen in den Untergeschossen sowie ein Fahrradraum.

„Ich freue mich tierisch auf die neuen Flächen“ – Thalia/Wittwer-Chef Bartle ist optimistisch

Rainer Bartle, Geschäftsführer von Thalia/Wittwer, freut sich „tierisch“ auf die neuen Flächen, wie er sagt. Zwar sei die Quadratmeterzahl etwas kleiner als bisher, doch verteilte sich das Geschäft nicht mehr so verwinkelt wie bisher auf mehrerer Stockwerke. Dass sich der neue Hugendubel, der diese Woche ebenfalls an der Königstraße eröffnet, nicht weit entfernt von seinem künftigen Arbeitsplatz befindet, stört ihn nicht.

Die Buch-Geschäfte laufen nach seinen Worten wieder besser, zumal es verstärkt gelungen sei, junge Leserinnen und Leser als neue Kunden zu gewinnen. Die Pläne für den Umzug hätten bereits begonnen, „als wir noch gar nicht wussten, dass Hugendubel wieder auf die Königstraße zieht“.

Mit der Eröffnung des neuen Stuttgarter Flagship-Stores will Thalia „einen neuen Anziehungspunkt für Buchliebhabende und Kulturinteressierte in Stuttgart in einer absoluten Toplage schaffen“, erklärt Vertriebsdirektor Michael Wetzel. Zugleich werde man für die Kundschaft und das Personal einen „nahtlosen Übergang von der bisherigen auf die neue Fläche“ sicherstellen.

Neuer Thalia-Flagship-Store in Stuttgart soll im Winter 2027/2028 eröffnen

Eröffnet werden soll die neue Buchhandlung im Winter 2027/28 mit dem gewohnten Vollsortiment. Ein besonderer Fokus werde auf einer großen Kinderabteilung liegen, ergänzt durch ein umfangreiches Sortiment an Spielen und Spielwaren. „Auch für jugendliche Leserinnen und Leser werden die Bereiche English Books sowie Young & New Adult zum beliebten Anlaufpunkt werden“, sagt Wetzel. Das integrierte Café solle zum Verweilen einladen, auch dank der dazugehörigen Außenterrasse.

Zugleich ist eine zentrale Eventfläche geplant, die künftig als neues Zentrum für literarische Veranstaltungen und kulturelle Events in Stuttgart dienen soll. Thalia will dort „ein breites Spektrum an Lesungen, Podiumsdiskussionen und thematischen Aktionen anbieten.“ Elias D’Angelo, Vorstandsmitglied der Dinkelacker AG, sagt als Sprecher der Eigentümer des Wittwer-Hauses auf der Königstraße 30/32: „Das traditionsreiche Gebäude hat über viele Jahrzehnte einen prägenden Platz im Herzen Stuttgarts eingenommen. Doch umfassende Untersuchungen haben ergeben, dass das Gebäude erhebliche bauliche und energetische Defizite aufweist und den Anforderungen an zeitgemäße Nutzungen nicht mehr gerecht wird.“

Zukunftsvision für Stuttgarts Herz: Neue Perspektiven gesucht

Es sei daher an der Zeit, die Zukunft dieses besonderen Ortes neu zu denken und zu gestalten, erklärt D’Angelos. Gemeinsam mit der Stadt Stuttgart wollen die neuen Eigentümer nun „nach einer optimalen und auf diesen Ort ausgerichteten Entwicklungsperspektive“ suchen.

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