Am Marienplatz kann man etwas in einem der zahlreichen Cafés konsumieren – man muss es aber nicht. Laut Christina Simon-Philipp ist der Marienplatz ein Dritter Ort – und zählt zu den belebtesten Plätzen in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Stefanie Bacher Foto:
Orte wie der Marienplatz oder die Stadtbibliothek in Stuttgart werden in Zeiten von Einsamkeit und Spaltung wichtiger denn je. Warum, erklärt die Expertin Christina Simon-Philipp.
Frau Simon-Philipp was versteht man unter sogenannten Dritten Orten?
Der Begriff wurde vom amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg geprägt. Dritte Orte sind Räume, die weder unser Zuhause noch unsere Arbeitsplätze oder Schulen sind. Dabei geht es um mehr als nur um schöne Orte oder Plätze. Es sind öffentliche oder halböffentliche Orte, an denen man sich niederschwellig und kostenlos treffen, aufhalten und kommunizieren kann – ohne Konsumzwang. In Stuttgart sind die Stadtbibliothek am Mailänder Platz oder der Treffpunkt Rotebühlplatz, in dem sich unter anderem die VHS befindet, gute Beispiele. Auch das Stadtpalais oder das Haus der Katholischen Kirche in der Innenstadt zählen dazu.
Sie sprechen von „niederschwellig" und „ohne Konsumzwang". Warum ist das wichtig?
Diese Orte sollen die Gesellschaft zusammenbringen und zusammenhalten. Sie bieten Raum für Gemeinschaft und soziale Kontakte im Quartier. Gerade angesichts zunehmender Einsamkeit – interessanterweise betrifft das nicht nur ältere, sondern besonders auch junge Menschen – brauchen wir solche Räume dringend. Man muss sich dort nicht rechtfertigen, nichts kaufen. Man kann einfach sein, lesen, arbeiten oder sich mit anderen austauschen.
Was macht beispielsweise den Bismarckplatz zu einem besonderen Ort?
Der Bismarckplatz ist ein gutes Beispiel dafür, wie durch eine kleine Maßnahme – die temporäre Straßensperrung als Verkehrsversuch – ein sozialer Ort entstehen kann. Dort hat sich eine richtige kleine Community entwickelt, sehr zwanglos. Es gibt die Eisdiele, aber man kann sich auch einfach hinsetzen, ohne etwas zu konsumieren. Die Nachbarschaft kümmert sich sogar um Bäume, es hängen dort Gießkannen, mit denen man die die Pflanzen, die temporär dort stehen, wässern kann. Das ist wirklich nachbarschaftlich getragen. Bald wird der Platz als klimaangepasster öffentlicher Raum umgestaltet – beste Voraussetzungen für einen Dritten Ort.
Christina Simon-Philip ist Professorin für Städtebau und Stadtplanung an der Hochschule für Technik Stuttgart. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Können solche Orte gezielt geschaffen werden, oder entstehen sie eher zufällig?
Beides ist möglich. Die Stadt kann solche Orte bewusst planen, wie etwa die Stadtbibliothek. Oft entstehen sie aber auch durch urbane Interventionen oder bewohnergetragene Initiativen – also eher temporär. Wir haben an unserer Hochschule mal einen Parkplatz mit einem sogenannten Parklet bebaut. Da entwickelte sich spontan, auch in Kooperation mit einem studentischen Verein, ein sozialer Ort, an dem Studierende lernten und sich trafen. Als wir es abbauen mussten, gab es große Proteste. Erfolgreiche Projekte entstehen meist kollaborativ, also gemeinsam mit der Bevölkerung.
Wie unterscheidet sich der Bismarckplatz vom Schlossplatz?
Der Bismarckplatz hat eher eine Quartiersbedeutung, während der Schlossplatz eine übergeordnete, stadtweite Funktion hat und vor allem auch Touristen anzieht. Dritte Orte sind typischerweise Orte, zu denen man regelmäßig geht, wo man sich niederschwellig mit Nachbarn trifft. Der Schlossplatz ist wichtig, aber eher kein klassischer Dritter Ort in diesem Sinne.
Der Marienplatz galt anfangs als umstritten, ist heute aber sehr belebt. Was ist dort gelungen?
Vor dem Umbau war der Marienplatz ein bisschen ein Unort, teilweise sogar ein Angstort. Heute ist er einer der belebtesten Plätze der Stadt in einem gemischt genutzten Quartier. Man hat den Verkehr stark reduziert, es gibt vielfältige Angebote – vom Edeka über Cafés bis zur beliebten Pizzeria und Eisdiele. Der Platz ist gut erreichbar, liegt an einem kleinen Verkehrsknotenpunkt des ÖPNV, er hat eine Gestaltung, die verschiedene Aktivitäten ermöglicht: Kinder können dort Fahrradfahren üben, Menschen sich in der Sonne treffen, und die besonnten Wände laden selbst im Winter zum Verweilen ein. Diese Mischung aus Angeboten für unterschiedliche Menschen – Bewohner, Arbeitende, Schüler – hat funktioniert. Bewohner anderer Stadtteile wünschen sich mittlerweile ‚so etwas wie den Marienplatz‘ – nicht von der Gestaltung her, sondern als sozialen Ort, wo sich das Quartier trifft. Allerdings würde man den Marienplatz heute sicher anders planen, nämlich mit viel mehr Bäumen und Schatten.
Was kann ein Ort wie der Hangelplatz bei der Waldschule leisten?
Das ist ein tolles Beispiel! Dort trainieren Bodybuilder, Schulkinder hangeln herum, Eltern sitzen auf den Stufen – ein sehr gelungenes Miteinander verschiedener Nutzergruppen. Solche Sportangebote im öffentlichen Raum, die mehrfach und von unterschiedlichen Altersgruppen nutzbar sind, können wichtige Dritte Orte schaffen. Der ganze Bereich um die Waldau wurde ja durch einen Rahmenplan aufgewertet, und ich finde das Ergebnis sehr gelungen.
Was ist mit der Paulinenbrücke, wo sich viele Obdachlose aufhalten?
Den Ort würde ich nicht als Dritten Ort bezeichnen. Es ist ein öffentlicher Raum, der von einer bestimmten Zielgruppe in Beschlag genommen wird. Dritte Orte sollen aber für alle offen und einladend sein, man sollte sich dort wohlfühlen und sicher fühlen können. Während die Initiative „Stadtlücken" den Raum dort bespielt hat, hätte ich das anders bewertet – damals war es tatsächlich ein Dritter Ort. Die Kirche St. Maria nebenan mit ihrem Vorbereich und Harrys Bude, einem Foodsharing Faiteiler, ist eher ein Beispiel für einen Dritten Ort.
Sie kuratieren den Deutschen Städtebaupreis. Dieses Jahr steht der Sonderpreis unter dem Motto „Räume des Zusammenhalts – Städtebau der verbindet“. Warum?
Im Städtebau sprechen wir aktuell sehr viel über ökologische Herausforderungen – CO2-Neutralität, Klimaanpassung. Das ist wichtig, keine Frage. Aber Städtebau trägt auch große Verantwortung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Mit dem Sonderpreis 2027 wollen wir Projekte auszeichnen, die einen bedeutenden städtebaulichen Beitrag zur demokratischen Kultur, sozialen Vielfalt und gemeinschaftlichen Lebensqualität leisten.
Was sind die Herausforderungen?
Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Wir beobachten zunehmende soziale Ungleichheit, demografische Veränderungen, Migration, die Folgen des Klimawandels. Diese Entwicklungen werden im unmittelbaren Lebensumfeld der Menschen konkret erfahrbar – im Quartier, im öffentlichen Raum, in der Nachbarschaft. Städtebau kann als gestaltende und stabilisierende Kraft einen aktiven Beitrag zur demokratischen und sozialen Zukunftsfähigkeit unserer Städte leisten.
Bewirbt sich auch Stuttgart mit Projekten?
Ich hoffe sehr, dass die Stadt Stuttgart Projekte einreicht. Der Bismarckplatz wäre sicher ein tolles Beispiel, wenn er fertig umgebaut wäre. Stuttgart war auch in den letzten Jahren regelmäßig mit Projekten dabei. Die Bewerbungsfrist läuft, und ich bin gespannt, was eingereicht wird.
Was ist Ihr Resümee zu Dritten Orten?
Dritte Orte sind keine nette Dreingabe urbaner Planung, sondern unverzichtbar für lebendige, sozial integrierte Städte. Sie entstehen am besten dort, wo Stadtplanung und Bürgerbeteiligung zusammenwirken und wo die Bedürfnisse der Menschen vor Ort ernst genommen werden. In Zeiten, in denen gesellschaftlicher Zusammenhalt keine Selbstverständlichkeit mehr ist, kommt ihnen eine zentrale Bedeutung zu.
Zur Person
Christina Simon-Philipp wurde 1967 in Kassel geboren und hat ihr Studium der Architektur und Stadtplanung an der Universität Stuttgart und der ETH Zürich absolviert. Sie ist Architektin und Stadtplanerin, Professorin für Städtebau und Stadtplanung an der Hochschule für Technik Stuttgart, Fakultät Architektur und Gestaltung sowie Studiendekanin Master-Studiengang Stadtplanung. Sie forscht über Städtebau, Stadtentwicklung, öffentlichen Raum, Wohnungsbau sowie Planungs- und Baukultur. Forschungsschwerpunkte sind der Wohnungsbau der 1950er bis 1970er Jahre, Zentrenentwicklung, öffentlicher Raum und soziale Prozesse sowie nachhaltige Quartierentwicklung unter besonderer Betrachtung der Mobilität und des Klimaschutzes. Im Mittelpunkt stehen Projekte im Schnittpunkt zwischen Forschung und Praxis unter Anwendung eines breiten Methodenportfolios. Freiberuflich nimmt sie in Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen in interdisziplinären Teams an städtebaulichen Wettbewerben teil. Sie ist als Fachpreisrichterin und Gestaltungsbeirätin tätig sowie in der städtebaulichen Planung, Beratung und Begleitung von Stadtentwicklungsprozessen.