Die Gruppe Puls im Stuttgart Gemeinderat hat zwar nur drei von 60 Mandaten, in Sachen Interimsoper setzt sie nun aber als erste ein Ausrufezeichen, indem sie den ehemaligen Favoriten, das Paketpostamt in Stuttgart-Nord an der Ehmannstraße, wieder ins Gespräch bringt. Auch die Fraktionsgemeinschaft Die Linke/SÖS hatte unlängst einen Alternativvorschlag fürs Projekt gefordert, sie setzt aber weiterhin auf den Wagenhallen-Standort, möchte allerdings die dort vorgesehene Ersatzoper nicht temporär, sondern dauerhaft bespielen.
Für Puls ist „abwarten angesichts der neuesten Entwicklungen zur Opernsanierung keine Option“. Wegen dem um vier Jahre nach hinten verschobenem Baubeginn am Nordbahnhof – Ende 2028 heißt es jetzt – sei erst in einigen Jahren mit einer verlässlichen Kostenprognose zu rechnen. „Unter diesen Umständen sieht sich Puls außerstande, die bisherigen Beschlüsse weiterhin als seriös und verantwortungsvoll zu betrachten“, heißt es in einer Mitteilung, in der auf das heute noch genutzte Paketpostamt verwiesen wird, das im Jahr 2017 von Land, Stadt und der Intendanz als beste Lösung bewertet worden sei.
Kosten für Paketpostamt explodierten
Das galt allerdings nur ein Jahr lang. Ein externes Gutachten veranschlagte die Kosten für den Umbau und die Ausstattung der Halle auf 116 Millionen Euro und damit mehr als doppelt so hoch wie bisher. Das Finanzministerium hatte die Kosten für das Interim auf rund 55 Millionen Euro geschätzt, aber stets darauf hingewiesen, dass diese Zahl nicht belastbar sei. Ein sogenanntes Worst-Case-Szenario der Gutachter kam sogar auf 139 Millionen Euro. Selbst diese Schätzung ist längst obsolet. Außerdem muss der Post ein Alternativstandort zur Verfügung gestellt werden.
Für Puls ist das kein Grund, die „damals gesammelten Erkenntnisse und Planungsunterlagen“ jetzt nicht für eine erneute Bewertung dieses Standorts zeitnah zu nutzen. Das Projekt bei den Wagenhallen wird mittlerweile auch schon auf rund 330 Millionen Euro geschätzt. Allerdings könnten 60 Prozent der Gebäudemasse nach der Rückkehr in den dann sanierten Littmann-Bau (im Jahr 2042) weitergenutzt werden. Der Modulbau für Bühnenturm und Zuschauerbereich soll abgebaut und verkauft werden.
Signal für zirkuläres Bauen
Die Gruppe im Gemeinderat meint, die Umnutzung bestehender Bausubstanz, wie es beim Paketpostamt der Fall wäre, verursache auch deutlich weniger CO₂-Emissionen als ein kompletter Neubau. Damit könnte Stuttgart ein starkes Signal für zirkuläres Bauen und nachhaltige Stadtplanung senden. Sie hat nun die Verwaltung aufgefordert, den Vorschlag zu prüfen.
Thorsten Puttenat (Die Stadtisten), kulturpolitischer Sprecher von Puls, meint: „Die Haushalte in Stadt und Land werden enger.“ Man wisse zudem nicht, wie die nächste Landesregierung zur Opernsanierung stehe. Für Puls-Stadtrat Christoph Ozasek (Klimaliste) wäre die Umnutzung der Logistikhallen zu einem Ort der Kulturproduktion im Kontext der IBA’27 ein wichtiger Impuls zur Neucodierung und Transformation von Industriearchitektur. Das Paketpostamt könnte ein „identitätsstiftendes Leuchtturmprojekt der Bauwende mit kultureller Strahlkraft sein.”