Städtebauforscher Jan Silberberger Warum eine massive bauliche Verdichtung gut für Stuttgart sein kann

Wohnhäuser in Stuttgart: Ist „Qualität durch Dichte“ auch ein Konzept für die Landeshauptstadt? Foto: imago images/Arnulf Hettrich

Mit dem Ruf „Qualität durch Dichte“ schreckt der Stuttgarter Städtebauforscher Jan Silberberger die Fachwelt auf. Wie aber kann Verdichtung zur Lebensqualität beitragen? Silberberger gibt klare Antworten.

Ist die Idee einer Gartenstadt, ist das Ziel möglichst offener Blockstrukturen vielleicht ein Irrweg im Städtebau? Der Städtebauforscher Jan Silberberger plädiert für den gegenläufigen Weg. Sein Vorschlag ist eine massive bauliche Verdichtung – erst sie erlaube die Stadt der kurzen Wege.

 

Herr Silberberger, „Qualität durch Dichte!“ – das ist fast ein wenig zu Ihrem Markenslogan geworden. An immer wieder überraschten Gesichtern ändert dies nichts – oder?

Zuerst einmal ist das nichts, was ich erfunden habe. Der Claim „Qualität durch Dichte“ bezieht sich auf umfangreiche Forschungsarbeiten, die an der ETH Zürich in den vergangenen 10 bis 15 Jahren entstanden. Stellvertretend sind Publikationen wie „Dichte Atmosphäre“ von Eberhard Tröger und Dietmar Eberle oder „Haushälterische Bodennutzung vollziehen“ von Sibylle Wälty. Sie können „Qualität durch Dichte“ aber genauso gut auf die Arbeit der Stadtforscherin Jane Jacobs abstützen. Jacobs wies schon Anfang der 1960er Jahre – mitten in die Suburbanisierungswelle hinein – auf das qualitätsstiftende Potenzial hoher Dichte hin. Aber Sie haben Recht, es gibt immer noch überraschte Gesichter. Das hat mit einem grundlegenden Missverständnis zu tun.

Was meinen Sie damit?

Zunächst müssen wir festhalten, dass Dichte häufig nur als Ausnutzung einzelner Grundstücke verstanden wird. Dieses Dichte-Verständnis mag der Logik mancher Developer oder Investoren genügen – wenn wir aber Aussagen darüber machen wollen, wie bauliche Dichte auf uns wirkt, dann ist das einzelne Grundstück als Bezugsgröße unbrauchbar.

Vor allem räumliche Bezüge sind für Jan Silberberger wichtig Foto: Silberberger

Warum?

Wir spüren die Dichte einer baulichen Umgebung zwischen den Gebäuden. Das heißt: in dem Raum, der durch das Zusammenspiel, die Konstellation von Gebäuden gebildet wird. Rudolf Arnheim hat das in den 1970ern in seinem Buch „The Dynamics of Architectural Form“ herausgearbeitet.

Das heißt – entscheidend für die Wahrnehmung von Dichte sind die öffentlichen Räume?

Auf der Grundlage von Forschungen der klassischen Phänomenologie, Merleau-Ponty zum Beispiel, können wir argumentieren, dass unser Empfinden von Dichte eine Art Gesamteindruck unserer Umgebung ist. Außerdem nehmen wir städtische Räume sequentiell wahr – am besten, indem wir uns zu Fuß durch diese Räume bewegen. Camillo Sitte hat das schon Ende des 19. Jahrhunderts beschrieben, die Situationisten haben es in den 1950er und 1960er Jahren aufgegriffen und auch zeitgenössische neo-phänomenologische Forschungen stützen das. Wir müssen uns also größere zusammenhängende Strukturen anschauen, wenn wir etwas über die Wirkung von Dichte sagen wollen.

Sie meinen, wir sollten weg von der Betrachtung einzelner Grundstücke und hin zur Betrachtung ganzer Quartiere.

Genau. Wenn Sie Menschen fragen, welche gebaute Struktur sie mit Dichte assoziieren, dann landen Sie immer bei den typischen Großsiedlungen aus den 1960er, 1970er Jahren. Wenn Sie in Stuttgart fragen, dann landen Sie im Hallschlag oder Fasanenhof; wenn Sie in Berlin fragen, in Marzahn, in Paris in Boulogne-Billancourt, in Waiblingen auf der Korber Höhe. Das Interessante ist: Diese Großsiedlungen sind auf Quartierebene betrachtet nur etwa halb so dicht wie die Gründerzeitviertel unserer Städte.

Wie es sie ja auch in Stuttgart gibt – Stuttgart-West oder Stuttgart-Süd weisen solch dichte Blockrandstrukturen auf.

Ja. Die Baukörper der Großsiedlungen sind zwar höher, oft zehn- bis zwölfgeschossig, stehen aber so weit auseinander, dass sie nicht mal ansatzweise an die Dichte der fünf- bis sechsgeschossigen Blockränder heranreichen. Wer sich die Mühe macht, durch die Areale Hallschlag oder Fasanenhof zu spazieren, dem fällt die mangelnde Dichte sofort auf. Lange Wegstrecken, wenig Annehmlichkeiten, etwas verwaiste öffentliche Räume. Und wenn man Menschen fragt, die in diesen Großsiedlungen wohnen, würden die sicher von ähnlichen Alltagserfahrungen erzählen.

Jan Silberberger ist überzeugt: Dichte Bebauung schafft lebendige Stadträume /Silberberger

Und dennoch schwanken viele Stadtplanungen etwas unentschieden zwischen Gartenvorstadt und urbanisierter Green Culture. Immer fällt eine eher großzügige Räumlichkeit auf. Gegen diese wenden Sie sich. Was stört Sie?

Von Edward Glaeser, einem Stadtökonomen, der an der Harvard-Universität forscht, gibt es diesen berühmten Satz: „The places that look brown are green, and the places that look green are brown“. Glaeser umreißt damit ein zentrales Paradox: Orte, die uns häufig als wenig nachhaltig erscheinen – dichte städtische Viertel mit viel Baumasse und wenig Grünfläche – sind de facto nachhaltig. An diesen Orten produzieren wir pro Kopf die wenigsten Emissionen. Im Gegensatz dazu sind Orte, die auf den ersten Blick nachhaltig erscheinen – eine lockere Bebauung mit großzügigen Grünflächen – de facto meist das Gegenteil.

Das heißt?

Sie schaffen zu wenig Wohnraum, vor allem auch: zu wenig günstigen Wohnraum, verdrängen also Menschen qua Design in das Umland und generieren so Pendelverkehr. Sehen Sie, Städte müssen Menschen zusammenbringen – Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, Ideen, Vorlieben und Abneigungen. Der Zweck von Städten ist, und war es schon immer, Nähe, Verbindungen herzustellen. Das ist das zentrale Qualitätskriterium.

Zusammengefasst: Sie plädieren eindeutig für eine Verdichtung unserer gegenwärtigen Planungen?

Absolut. Die meisten Menschen schätzen unsere Gründerzeitviertel, gerade auch in Bezug auf deren öffentliche Räume. Ich meine hier vor allen Dingen die Straßenräume. Straßen sind mit Abstand die wichtigsten öffentlichen Interaktionsräume. Aber eine Straße wird nur dann zu einem atmosphärisch angenehmen Interaktionsraum, wenn zwei Aspekte zusammenkommen: eine ausreichend hohe Dichte an Nutzer*innen und eine entsprechende bauliche Rahmung. Da gibt es ganz klare Abhängigkeiten und Schwellenwerte.

Das müssen Sie erklären.

Die Stadt der kurzen Wege ist ja gegenwärtig in aller Munde. Was gerne unterschlagen wird ist, dass die kurzen Wege ganz eindeutige, messbare Grundlagen haben. So haben aktuelle Forschungen in den USA und der Schweiz gezeigt, dass ein ausreichendes Angebot an Dienstleistungen, ein Angebot, das Sie dazu provoziert, Ihren Alltag zu Fuß zu organisieren – das bedeutet: Sie finden alle relevanten Dienstleistungen innerhalb eines Radius von 500 Metern – erst ab einer Mindestdichte von 18 000 Menschen pro Quadratkilometer entsteht.

Darunter funktioniert das nicht?

Je höher die Dichte an Nutzer*innen, desto dichter und diverser das Angebot an Services. Diesen Zusammenhang können Sie im Übrigen auch schon feministischen Stadtforschungen in den 1980er Jahren entnehmen, das ist nicht neu. Leider erreichen Planungen, die Sie vorhin treffend als „urbanisierte Green Culture“ bezeichnen, oft nicht einmal diesen minimalen Schwellenwert.

Gibt es denn aktuell überhaupt gebaute Beispiele für Ihre Position?

Es gibt ein paar Versuche in der Schweiz, in der Agglomeration von Zürich. Das Richti-Areal, das Hunziker Areal, das Glasi Quartier. Aber das sind eher Arealbebauungen, mit vier bis sieben Hektar Fläche, keine ganzen Viertel.

Und hier in Stuttgart?

Es gibt dieses „Rosenberg Quartier“, am Berliner Platz. Auch das sind aber nur knapp zehn Häuser, sieben- bis achtgeschossig, die dicht beieinander stehen und eine Art Blockrand bilden. Die Fassaden dieser Gebäude beziehen sich auf die Straße, Teile der Erdgeschosse sind kommerziell genutzt. Das ist nicht schlecht. Wenn wir in dieser Weise großflächiger bauen würden, dann könnten wir auch heute ähnlich angenehme Straßenräume erzeugen wie wir das mit unseren Planungen von vor 120 Jahren geschafft haben.

In einer Podiumsrunde haben Sie sich wiederholt kritisch zu aktuellen Planungen geäußert. Was ist Ihre Sorge? Auch hier zu wenig Dichte?

Häufig wird behauptet, dass die Qualität unserer Gründerzeitviertel ein Ergebnis von deren „Gewachsenheit“ sei. Wir vergessen gerne, dass diese Quartiere extrem spekulationsgetrieben waren, in Rekordzeit hochgezogen und, sprichwörtlich, in einem Zug am Reißbrett geplant worden sind. Mit unseren heutigen technologischen Möglichkeiten könnten wir Quartiere entwerfen, die mindestens genauso gut sind. Wir müssten dazu aber deutlich höhere Quartierdichten möglich machen.

Wie verhält sich die hohe bauliche Dichte, die Sie einfordern, zur Idee der Schwammstadt, ein Konzept, das auf möglichst viel unversiegelte Fläche setzt, um möglichst viel des anfallenden Regen- beziehungsweise Oberflächenwassers vor Ort aufzunehmen und speichern zu können?

Ich sehe da keinen Widerspruch. Wir können sehr dicht und gleichzeitig sehr klimaresilient bauen. Das ist keine Entweder/Oder-Frage. Wir können Regenwasser auf Dächern sammeln, wir können Parkplätze entsiegeln, wir können Rigolen einsetzen, wir können mehr Bäume pflanzen. Da gibt es viel technisches Wissen, auf das wir zurückgreifen können.

Noch einmal zur Dichte: Vor zehn bis 15 Jahren war Nachverdichtung ein zentrales Thema. Inzwischen sehen wir, dass Initiativen wie etwa zum Dachausbau verhallen, Hinterhöfe nicht mehr als hip gelten und also eben diese Hinterhöfe bleiben und vieles mehr. Ist Verdichtung nicht vielleicht nur eine Blase?

Das ist ein interessanter Punkt, der ein weiteres zentrales Missverständnis in Bezug auf Dichte berührt. Die Nachverdichtungsmaßnahmen, die Sie ansprechen, sind zum Einen nicht drastisch genug und werden, zum Anderen, an den falschen Stellen geplant. Über einen Dachausbau oder die Bebauung eines Hinterhofs erhöhen Sie die Dichte eines Grundstücks vielleicht um 20 Prozent. Wenn Sie das in bereits hoch-dichten Gründerzeitvierteln machen, die sowieso schon deutlich über dem oben angesprochenen Schwellenwert liegen, dann machen Sie mehr kaputt als Sie gewinnen.

Hinterhöfe sieht Silberberger nicht als Baufläche, sondern als aufzuwertenden öffentlichen Raum Foto: Silberbeger

Warum?

Der Hinterhof stellt oft eine zentrale Qualität in Blockrandbebauungen dar, der Dachausbau generiert oft nur sehr teuren Wohnraum. Von solchen Nachverdichtungen würde ich absehen. Wenn wir die Nachverdichtung unserer Siedlungslandschaft dagegen logisch durchdenken, landen wir vielmehr an Orten, die wir durch Nachverdichtung über die Schwelle zum fußläufigen Quartier heben können. Das würde jedoch eine drastische Erhöhung der Dichte erfordern – wir sprechen da nicht von 20 Prozent, sondern von 80, vielleicht gar 100 Prozent. Sie verdoppeln den Bestand. Dann verbauen Sie zwar Ausblicke, aber Sie können gezielt jene Qualitäten generieren, die dort gegenwärtig schmerzlich vermisst werden.

Aktuell setzen Städte auf den Superblock als Straßensperrung 3.0. Auch hier scheint mir persönlich die Frage der notwendigen Zahl an Bewohnerinnen und Bewohnern zu wenig beachtet. Provoziert man nicht eher Verödung, wenn die notwendige Masse an Bewegungen innerhalb gesperrter Zonen gar nicht stattfinden kann, weil vor Ort schlicht nicht genügend Menschen leben?

Das Konzept des Superblocks ist eng mit baulicher Dichte verknüpft. Es stammt ursprünglich aus Barcelona, genauer gesagt: aus dem Stadtteil Eixample, einer dramatisch dichten Stadterweiterung, die im 19. Jahrhundert – genau wie unsere Gründerzeitviertel – in einem Zug, als Ganzes, geplant wurde. Eixample hat heute über 35 000 Bewohner*innen pro Quadratkilometer, das ist einer der am dichtesten besiedelten – und gleichzeitig beliebtesten – Orte Europas …

… fast doppelt so dicht wie Stuttgart-Süd oder West …

Ein dortiger Superblock umfasst etwa 400 mal 400 Meter. Der Ansatz des Superblocks besteht darin, innenliegende Straßen für den Kfz-Verkehr zu sperren und den öffentlichen Verkehr an den Außenkanten zu optimieren. Die Straßen, die wegfallen können, Sie dann entsiegeln und mit Bäumen bepflanzen. In Vierteln, die so dicht sind wie Eixample, hat das fast nur Vorteile. Der einzige Nachteil könnte sein, dass das Mehr an Ruhe und das Mehr an Grün die Preise der anliegenden Wohnungen so steigen lässt, dass es zu Verdrängungen kommt. Man müsste das sozio-ökonomisch untersuchen, was aber, soweit ich weiß, noch nicht gezielt gemacht wurde.

Noch einmal: Welche Dichte braucht ein Superblock?

Eixample ist so dicht, dass Sie Ihren Alltag dort problemlos zu Fuß bestreiten können, was die überwiegende Mehrheit auch macht. Das heißt, die Geschäfte in den Erdgeschoßflächen werden zu Fuß besucht. Wenn Sie den Superblock in dünner bebauten Gebieten einführen – in Stuttgart-West funktioniert das noch, aber schon in Cannstatt wird es problematisch – dann generieren Sie durchaus auch gravierende negative Effekte.

Welche?

Sobald Läden – das Café, die Bäckerei, die Apotheke – nicht nur zu Fuß, sondern auch mit dem Auto angesteuert werden – und das ist gerade in dünner bebauten Gebieten der Fall – dann streichen Sie diesen Läden durch den Wegfall der Parkplätze automatisch einen Teil ihrer Kunden. Sie produzieren dann genau jene Verödung, die Sie ansprechen. Die Forscherin Sibylle Wälty hat einmal für Zürich berechnet, dass Sie jeden wegfallenden Parkplatz mit einem Faktor von sieben bis acht zusätzlichen Anwohner*innen ausgleichen müssten. Wenn Sie also 200 Parkplätze streichen, müssten Sie Wohnraum für zusätzliche 1500 Anwohner*innen schaffen, um die Kundenbasis für die betroffenen Geschäfte zu erhalten.

Welche Rolle kann bei all dem noch das Thema Nachhaltigkeit spielen?

Wir können sehr dicht und gleichzeitig sehr grün bauen. Das ist keine Entweder/Oder-Frage. Die Frage ist: Wann fangen wir endlich damit an?

Jan Silberberger – Zur Person

Ausbildung
 1975 in Stuttgart geboren, beendete Jan Silberberger sein Studium in Architektur und Stadtplanung an der Universität Stuttgart nach dem Vordiplom, um in Hamburg Kunst zu studieren. Danach ging er zurück in die Architektur. Er promovierte mit einer Studie über Entscheidungsfindung in Jurys von Architekturwettbewerben.

Beruf
 Nach Forschungen an der ETH Zürich zu Stadtentwicklung sowie Entwurfs- und Planungsprozessen arbeitet er seit 2022 als Senior Consultant für das Planungs- und Beratungsunternehmen Drees & Sommer. Silberberger wohnt in Stuttgart.

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