Stammzellenspende am Klinikum Stuttgart „Danke, dass Sie mir das Leben gerettet haben“

Die Stammzellen eines Spenders werden für die Transplantation vorbereitet. Foto: Gottfried Stoppel

Alle zwölf Minuten erkrankt ein Bundesbürger an Blutkrebs. Oft überleben diese ihre Leukämie nur mittels einer Stammzellspende: Eine Spenderin und eine Empfängerin am Klinikum Stuttgart erzählen von ihren Erfahrungen.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Als Edith aus ihrem frohen Leben katapultiert worden ist, war sie gerade in Feierlaune: Der Kaufvertrag der neuen Wohnung war unterschrieben. Zusammen mit ihrem Freund hatte die 35-Jährige aus Stuttgart schon den Umbau und die Renovierung geplant. Dann kam der Anruf ihres Hausarztes: „Meine Blutwerte waren so schlecht, ich solle sofort ins Krankenhaus gehen.“

 

Wenige Stunden bestätigte eine Entnahme von Knochenmarkgewebe, was die Ärzte eigentlich schon ausgeschlossen hatten: Edith war an einer akuten Form der Leukämie erkrankt. „Ich hatte mich nur ein bisschen schlapp gefühlt, dachte an eine verschleppte Grippe, an zu viel Stress – aber nicht an Krebs“, sagt Edith. Als ihr die Ärzte dann die Diagnose stellten, war sie geschockt: „Es war, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen werden.“

Jedes Jahr erkranken 13 000 Bundesbürger an Blutkrebs

Edith gehört zu den rund 13 000 Menschen, die pro Jahr an einer Form der Leukämie erkranken. Bei ihnen verändern sich die blutbildenden Zellen im Knochenmark und werden zu Tumorzellen. Im Blut zirkulierten dann entweder zu viele oder zu wenige oder missgebildete weiße Blutkörperchen, erklärt Gerald Illerhaus, Ärztlicher Direktor, Klinik für Hämatologie, Onkologie, Stammzelltransplantation und Palliativmedizin am Klinikum Stuttgart. „Je nach Blutbild wird unter den verschiedenen Formen der Erkrankung unterschieden.“ Sie kann akut oder chronisch verlaufen und verschiedene Altersgruppen betreffen.

Wer wie Edith an einer akuten Form von Blutkrebs erkrankt, muss sofort behandelt werden – erst mithilfe einer Chemotherapie, oft kommt eine Stammzelltransplantation hinzu. Dafür wird dem Patienten eine hoch dosierte Chemotherapie gegeben, die die erkrankten Zellen sowie die körpereigene Blutbildung im Knochenmark zerstört. Dann erfolgt die Transplantation gesunder Stammzellen eines anderen Menschen. Diese bauen ein neues blutbildendes System auf und bekämpfen die restlichen Krebszellen.

Geschwister kommen als Spender nicht immer in Frage

Auch für Edith musste ein genetischer Zwilling her. „Meine Hoffnungen ruhten erst auf meiner Schwester“, erzählt Edith. Unter Geschwistern ist die Wahrscheinlichkeit identischer Gewebemerkmale vergleichsweise hoch. Der überwiegende Teil der Stammzellspenden stammt aber von nicht verwandten Personen, sagt Illerhaus, der das Stuttgart Cancer Center – Tumorzentrum Eva Mayr-Stihl am Klinikum Stuttgart sowie dort das Onkologische Zentrum leitet.

Im Klinikum werden seit Jahren Stammzelltransplantationen durchgeführt: „Sie gehören bei uns zur Routine“, sagt Illerhaus. Das sei wichtig: So kann es passieren, dass die mittels Transplantat übertragenen Immunzellen den Körper des Empfängers als fremd erkennen und angreifen. Diese Immunreaktion richtet sich meist gegen Haut, Leber und Darm und kann teils lebensbedrohlich werden. „Bei solchen Reaktionen muss unverzüglich gegengesteuert werden“, so Illerhaus. Daher sollten solche Transplantationen von einem erfahrenen Team vorgenommen und überwacht werden.

In Stuttgart gibt es drei Kliniken, die Stammzellen transplantieren

In Deutschland sind es rund hundert Kliniken, die solche Stammzelltransplantationen durchführen. In Stuttgart selbst gehören neben dem Klinikum Stuttgart auch das Diakonie-Klinikum und das Zentrum für Stammzell- und Knochenmarktransplantation am Robert-Bosch-Krankenhaus dazu. Karin etwa, die 59-Jährige aus dem Raum Kirchheim/Teck, konnte ihrer an Leukämie erkrankten Schwester Stammzellen spenden. „Es war ganz einfach“, sagt Karin. Ihr Blut wurde untersucht, es folgte eine körperliche Untersuchung, um etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Autoimmun- oder Suchterkrankungen auszuschließen.

Ein paar Tage musste sie sich täglich zwei Spritzen mit Wachstumsfaktoren verabreichen, um die Stammzellen im Knochenmark anzureichern und ins Blut zu schwemmen. Dann lag sie für einige Stunden im Krankenhaus – „ich hatte einen Schlauch im Arm links und einen im rechten Arm“, während eine Maschine die Stammzellen aus ihrem Blut wusch. Nebenwirkungen oder Schmerzen verspürte Karin nicht. „Im Vergleich dazu, was meine Schwester durchstehen musste, war meine Prozedur ein Spaziergang.“

Ganz einfach – wie Blutspenden

Das Zentrale Knochenmark-Register (ZKRD) in Ulm führt neun Millionen deutsche Spenderdateien, davon sind sieben Millionen über die Deutsche Knochenmark Spenderdatei (DKMS) registriert. Allerdings scheiden rund 135 000 Registrierte in diesem Jahr altersbedingt aus der Datei aus. Neue mögliche Stammzellspender werden daher dringend benötigt, so die DKMS.

Erst nach zwei Jahren lernen sich Spender und Empfänger kennen

Auch für Edith wurde ein Spender im ZKRD gesucht. Ihre Schwester fiel als Spenderin aus. Stattdessen erhielt Edith kurz darauf die Stammzellen eines jungen Mannes transplantiert. Wer genau ihr Lebensretter ist, weiß sie nicht. Erst nach zwei Jahren erhalten Empfänger und Spender die jeweiligen Kontaktdaten. Eine Mail konnte Edith aber ihm schon schreiben: „Danke, dass Sie mir das Leben gerettet haben“, stand darin.

So einfach ist es, ein potenzieller Spender zu werden

Registrierung
Bei der DKMS kann sich jeder gesunde Mensch im Alter von 17 bis 55 Jahren als potenzieller Stammzellspender registrieren. Alles, was dafür zunächst notwendig ist, ist ein Abstrich der Wangenschleimhaut – ein entsprechendes Registrierungs-Set wird potenziellen Spendern per Post geschickt: www.dkms.de

Entnahme
Nur bei zehn Prozent aller Stammzellenspenden handelt es sich um Knochenmarkentnahmen, die einen operativen Eingriff beim Spender notwendig machen. In 90 Prozent der Fälle werden die Stammzellen durch ein ambulantes Verfahren gewonnen, bei dem die erforderliche Menge an Stammzellen aus dem Blut herausgefiltert werden. Die Wahrscheinlichkeit, als registrierter Spender tatsächlich Stammzellen zu spenden, liegt ungefähr bei einem Prozent

Ausnahme
Bestimmte Erkrankungen gelten als Ausschlusskriterien für eine Spende, da mit ihnen das Risiko für mögliche Komplikationen bei der Spende steigt. Dazu zählen etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebserkrankungen, Autoimmunerkrankungen oder etwa Drogensucht.

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