Starbucks in Südkorea Werbekampagne wird zum Desaster

Die Proteste gegen die US-Cafékette und Chung Yong-jin, Vorsitzender der Shinsegae Group, die Starbucks in Südkorea vertreibt, sind erheblich. Foto: AFP/Pedro Pardo

In Südkorea ist keine Cafékette so beliebt wie Starbucks. Aktuell aber sorgt das Unternehmen mit einer Kontroverse um Geschichtsvergessenheit für Probleme.

„Ich bitte um Verzeihung“, sagte der Mann im dunklen Anzug und schwarzer Krawatte mit sehr ernster Miene. Vor ihm brach ein Blitzlichtgewitter aus, während er neben diesem Satz auch noch zu einer tiefen Verbeugung ansetzte. Chung Yong-jin dürfte in diesem Moment gewusst haben: Noch so einen Fehler könnte er sich nicht erlauben. „Ich werde nach keinen Ausreden suchen. Alle Verantwortung liegt bei mir. Es war mein Fehler.“ Was war geschehen?

 

Chung Yong-jin ist Vorsitzender der Shinsegae Group, einem Einzelhandels- und Hotelkonzern aus Südkorea, der im ostasiatischen Land schier überall zu finden ist. Dabei begegnet man Shinsegae nicht nur als Tourist, der eine Unterkunft sucht, oder beim Shopping in all den Kaufhäusern, sondern auch beim Kaffeetrinken. Shinsegae betreibt nämlich das Südkoreageschäft der US-amerikanischen Cafékette Starbucks. Und das bereitet dem Manager Chung Yong-jin gerade arge Kopfschmerzen.

Panzer-Kampagne geht nach hinten los Vor einer guten Woche, am 18. Mai, konnten viele Menschen im ostasiatischen Land ihren Augen nicht trauen, als sie an jenem Morgen in einer der rund 2000 Filialen ein Getränk holen wollten. Starbucks warb mit einer „Tank Day“-Kampagne, die Produkte wie Becher mit Design und Sprüchen anpries, die an Panzer und Krieg erinnern. Unter anderem war der Slogan zu lesen: „Stell es auf den Tisch mit einem Tak-Laut!“ – wobei dieser Laut einem Panzer ähneln soll. Aber was vermutlich witzig sein sollte, bringt viele Leute in Südkorea eher in Rage. Der 18. Mai ist der Jahrestag des als „Massaker von Gwangju“ in die Geschichtsbücher eingegangenen Eingriffs der Armee in einen öffentlichen Demokratieprotest im Jahr 1980, als Südkorea noch eine Militärdiktatur war. Bei den Protesten, an denen Zehntausende teilnahmen, starben wohl Hunderte. Heute gilt der Aufstand als Wendepunkt der südkoreanischen Geschichte. Ende der 1980er Jahre wurde aus Südkorea eine Demokratie.

Proteste gegen Starbucks Wie kommt Starbucks darauf, genau an jenem Jahrestag mit Sprüchen und Bildern zu werben, die offenbar unkritisch Erinnerungen an eine Militärintervention wachrufen? Das Land rätselt darüber – oder wütet. Vor Starbucks-Filialen wird seit Tagen protestiert. „Ich bin zutiefst schockiert und außer mir vor Wut über dieses niederträchtige Spiel, das in der rechtsextremen Szene getrieben wird“, sagt etwa die Menschenrechtsaktivistin Claire Ham. „Ich werde diese Kaffeemarke für immer boykottieren.“

Und das scheint zu funktionieren. Ein Vertreter von Shinsegae hat erklärt, dass die Umsätze seit Beginn der Kontroverse stark eingebrochen seien. Der Leiter von Starbucks Korea wurde vergangene Woche entlassen. Das Unternehmen hat eine Aufarbeitung angekündigt, um zu ergründen, wie es genau zu dieser Kampagne kommen konnte. Bisher sei der Vorgang nicht abgeschlossen.

Ethischer Konsum in Südkorea verbreitet Dass Unternehmen die volle Wucht wütender Konsumentinnen spüren, ist in Südkorea aber nicht ganz ungewöhnlich. Eine Idee von ethischem Konsum – dass man Produkte, deren Hersteller aus verschiedenen Gründen kontrovers geworden sind, nicht kaufen solle – ist hier besonders ausgeprägt. Japanische Unternehmen mussten dies etwa immer wieder spüren, wenn es zwischen Japan und Südkorea Unstimmigkeiten in Bezug auf die Kolonial- und Kriegsvergangenheit gab. Koreaner und Koreanerinnen haben wiederholt die Massen mobilisiert, um einen Boykott von Firmen aus Japan zu erwirken.

Demonstranten rufen zur Boykott von Starbucks in Südkorea auf. Foto: AFP/Pedro Pardo

Die aktuelle Sache rund um Starbucks scheint dabei besonders aktuell. Denn vor eineinhalb Jahren erklärte der damals regierende rechtsgerichtete Präsident Yoon Suk-yeol plötzlich das Kriegsrecht. Kurz darauf versammelten sich zahllose Protestierende vor dem von bewaffneten Soldaten verriegelten Parlament, um dagegen zu protestieren. Yoon war kurz davor, Südkorea zurück in eine Militärdiktatur zu überführen.

Eine Werbekampagne wird politisch So hat die Starbucks-Affäre längst politische Ausmaße angenommen. Jung Chung-rae, Vorsitzender der Demokratischen Partei (DP), die einst aus der Demokratiebewegung hervorging und seit Mitte 2025 wieder in Südkorea regiert, hat auf einer Pressekonferenz vor den Anfang Juni anstehenden Lokalwahlen erklärt: „Wie können Szenen mit Panzern, die Menschen unterdrücken und töten, für Kaffeewerbung benutzt werden?“ Die Menschen sollten Starbucks lieber nicht mehr besuchen, so Jung.

Die Bitte um Entschuldigung von Shinsegae-Boss Chung Yong-jin wird dagegen aus der Regierungspartei gelobt. Die Nachrichtenagentur Yonhap zitiert einen Sprecher der DP, demzufolge Chungs Statement „aufrichtig“ gewirkt habe. Wobei die Partei demnach sicherstellen wolle, dass es zu solchen Vorfällen nicht wieder kommen werde. Was wiederum nach einem Versprechen klingt, das in freiheitlichen Strukturen kaum durchsetzbar scheint – außer mit einem Verbot revisionistischer Äußerungen.

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