Aus Rivalen wurden Berufsfreunde: die Stuttgarter Designer Markus Jehs (l.) und Jürgen Laub entwickeln und erarbeiten Projekte gemeinsam. Foto: Peter Hapak/KI/Midjourney/Montage: Ruckaberle
Markus Jehs und Jürgen Laub kreieren in Stuttgart lässig schnörkellose Möbel für international renommierte Firmen. Jetzt sagen sie, warum sie am liebsten nur zu zweit arbeiten.
Wenn Menschen im Foyer einer der berühmtesten Ballettschulen der Welt – in der Stuttgarter John-Cranko-Schule – in einem dieser ausladenden Sessel sitzen, denken sie vermutlich nicht daran, wie viel Mühe, Schweiß und Detailarbeit vonnöten waren, um dieses Möbel herzustellen. Vielleicht aber fühlen sie sich ein bisschen entspannter, wenn sie sich zurücklehnen und merken, der Sessel wippt mit ihnen ein klein bisschen, er gibt aber vor allem richtig gut Halt und Sicherheit, so gut das nun mal möglich ist in einer vielleicht unwirtlichen Situation.
Stabilität, Biegsamkeit und Beweglichkeit, das passt natürlich auch zu Tänzerqualitäten, doch ans Ballett haben die Designer eher nicht gedacht beim Entwurf. Das Möbel heißt jedenfalls „Shrimp“. Und wie bei diesen Krebstieren, die sich durch eine Panzerung auszeichnen, ist auch bei dem Sessel die Schale hart, der Kern, das Sitzpolster, weich. Was die Gestaltungsaffinen unter den Ballettfans wissen: der „Shrimp“ ist knapp drei Kilometer entfernt von zwei Herren entworfen worden, von Markus Jehs, Jahrgang 1965, und von Jürgen Laub, Jahrgang 1964.
Das Studio befindet sich im Stuttgarter Lehenviertel
Ein Hinterhof-Bau im Stuttgarter Lehenviertel ist Sitz von studio jehs+laub. Ein kleines Backsteinhäuschen, das nicht so ganz zu den geradlinig, coolen, durchdacht rationalen Entwürfen zu passen scheint – die Designer sind geistige Erben des Bauhaus-Stils und deren Nachfolger, der Ulmer Hochschule für Gestaltung: Stühle, Sessel, ausladend, gut gearbeitet bis ins Detail, feines Leder, auch mal ein Esstischsessel mit Stoffbezug. Ein Industrieloft hätte man sich als Arbeitsplatz passend vorgestellt.
Die Stuttgarter Designer Markus Jehs (li.) und Jürgen Laub kennen sich seit Studienzeiten. Foto: Peter Hapak
Doch gegen Widersprüche haben Jehs + Laub nichts; im Gegenteil. Und längst kreieren sie nicht nur kantig geradlinige Sofas, 2021 haben sie mit „Jalis“ modular zusammenstellbare Sofas entworfen, die wie mollig große Kissen wirken. Inspiriert dazu wurden sie auf Reisen in den Jemen und nach Libyen bereits in den 1990ern. Sie sahen, wie „Menschen in den arabischen Ländern Kissen auf den Boden werfen und darauf sitzen“, sagt Jürgen Laub. „Natürlich mussten wir diese Idee transformieren, damit sie auch hier angenommen wird.“
Die Stuttgarter Designer arbeiten am liebsten im Duo
Danach gefragt, ob sie sich nach jahrzehntelanger gemeinsamer Arbeit in ihrem Büro nicht doch manchmal auf die Nerven gehen, sagten die beiden (die auch schon mit ihren Familien zusammen in die Ferien gefahren sind) in einem Interview mit unserer Zeitung: Nein, im Gegenteil. Markus Jehs: „Wir ergänzen uns und korrigieren uns gegenseitig, können auch hart im Urteil sein, ohne dass der andere beleidigt ist.“
Jürgen Laub (li.) und Markus Jehs, 1992 in Schwäbisch Gmünd. Foto: jehs+laub
Sie praktizieren das so seit ihrem Studium, wo sie sich zunächst als Konkurrenten wahrnahmen. Ihr Professor an der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd spannte die beiden Industriedesignstudenten für ein Projekt zusammen, und da merkten sie . . . besser geht es gemeinsam als allein. Vor allem, wenn man sich einig ist, dass man nur entwirft, was man selbst gut und wichtig findet.
Bürogründung direkt nach dem Studium
Also machten sie sich 1994, damals in Ulm, selbstständig; lange auf den Erfolg warteten sie nicht. Selbstbewusst packten sie Modelle ein, klopften bei den Besten an, in Mailand während der Internationalen Möbelmesse, wo sich das Who’s who der Branche trifft.
Glück kam hinzu. Auf einem Firmenparkplatz trafen sie zufällig den Patriarchen Umberto Cassina. Auf seine Frage, ob sie Referenzen vorzuweisen hätten, mussten sie passen. „Besser keine Referenzen als mittelmäßige“ habe er geantwortet und gesagt: „Dann macht mal die Kiste auf.“ Das Sofa „Blox“ von Cassina blieb nicht die einzige Zusammenarbeit mit der italienischen Kultmarke.
Kurz später sprach der dänische Traditionshersteller Fritz Hansen das Duo an, es folgten Thonet, und in den USA dann Knoll International und Herman Miller. Das ist, als hätte man mit Ferrari und Alpha Romeo begonnen und dann seien auch noch BMW und Mercedes hinzugekommen. Höher hinauf geht es nicht. Tatsächlich haben Jehs+Laub auch einmal ein Showroomkonzept für Mercedes-Benz entworfen.
Hauptsächlich aber arbeiten sie an Produkten, die in Wohnzimmern und Büros zum Einsatz kommen. Sessel, Stühle, Tische, Leuchten, Sideboards, Garderoben, eine Uhr und sogar eine Wärmflasche haben sie im Portfolio. Einmal zog es sie hinauf in den Norden, wo sie einen Wettbewerb gewannen und einen Raum aus Eis für ein Eishotel in Schweden kreierten.
Ein Bildband versammelt die Projekte der Stuttgarter Designer
Ihrem Credo weniger ist mehr, ihren hohen Anspruch an Funktionalität und Langlebigkeit, das zeigen die Produkte, konnten sie sich weitgehend treu bleiben. Darüber ist auch in dem Bildband zu lesen, das jüngst erschienen ist und ihre Arbeit porträtiert. Zudem gibt es da Einblicke in den Entwicklungsprozess.
Man sieht die Designer beim Probesitzen auf Prototypen, beim Modellbau, im Gespräch mit Kunden und in freundschaftlich wirkenden Porträtsessions mal in Sydney, mal in New York, mal auf dem Bänkchen vor dem Stuttgarter Studio. Über die Jahrzehnte hinweg, das zeigen ebenfalls die Fotos, wird deutlich, wie die Mode sich verändert. Die Sessel, Tische und Stühle mögen für die Ewigkeit gedacht sein – hinsichtlich der Frisuren, Mäntel und Hosenschnitte gehen die Designer aber mit der Zeit.
Designer entwerfen Stücke für die Kunden
Dank der Lektüre weiß man nun auch, dass natürlich so eine Couch, ein stapelbarer Stuhl, ein ausladender Lounge-Sessel nicht ausschließlich im gemeinsamen Ideen-Pingpong im Stuttgarter Hinterhof entsteht. Designer haben künstlerische Ansprüche, das ja; aber sie entwerfen nicht für sich, sondern für einen Kunden.
Und deren Anregungen sind zuweilen offenbar auch hilfreich. „Dann kommen die Ingenieure und geben Anregungen, bei denen man zuerst befürchtet, dass sie den Entwurf verwässern“, gibt Markus Jehs zu, „aber dann denkt man darüber nach und merkt, dass diese Einflüsse von außen am Ende das Produkt besser machen.“
Warum aber versammeln sie nun ihre Arbeiten in einem sorgfältig aufbereiteten, mit vielen Bildern und prägnanten kurzen Texten angereicherten Bildband? „Wir wurden des Öfteren in den vergangenen Jahren darauf angesprochen, warum es kein Buch über uns gibt“, sagt Markus Jehs. „Nachdem wir dann festgestellt haben, dass wir schon 30 Jahre zusammenarbeiten, nahmen wir dies zum Anlass, eines zu machen. So ein Buch ist ein tolles Mittel, um unsere gemeinsame Arbeit und Haltung zur Gestaltung sichtbar zu machen. Es zeigt, wie wir denken und arbeiten und was uns antreibt und gibt Einblicke in unsere Projekte und unseren gestalterischen Weg.“
Das klingt ziemlich bescheiden und lässt sich nur mit dem Hang zum typisch schwäbischen Understatement erklären. Tatsächlich ist aber so eine Dokumentation einer drei Jahrzehnte währenden freundschaftlichen Arbeitsbeziehung keine Selbstverständlichkeit, wenn man bedenkt, wie viele selbstständige Industrie- und Produktdesignerstudios gerade in diesen wirtschaftlich unangenehmen Zeiten ums Überleben kämpfen. Dazu kommt noch, dass Stuttgart nicht Mailand ist. Die Stadt kann sich glücklich schätzen, dass Jehs+Laub ihren Heimatgefilden treu geblieben sind.
Es ist daher auch kein Abschiedsschmöker. Denn auch wenn der Markt doch eigentlich längst gesättigt sein sollte und es so viele Wohnmöbel gibt, sehen die beiden weiterhin Bedarf: „Auch wir haben diese Gefühl der Übersättigung, sobald wir auf eine Messe gehen oder uns einen Katalog anschauen. Doch wenn wir für uns selbst einen Stuhl aussuchen wollen, finden wir nicht den, den wir gerne hätten“, sagt Jürgen Laub.
Ans Aufhören, so sagt auch Markus Jehs, denken sie keineswegs: „Momentan bereiten wir viele neue Objekt- und Wohnmöbel vor, die im Laufe des nächsten Jahres an verschiedenen Orten vorgestellt werden. Auch nach 30 Jahren arbeiten wir mit großer Begeisterung weiter, weil uns die gemeinsame Neugier, der tägliche Austausch und die Begeisterung für Gestaltung antreiben.“
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