Das Stuttgarter Start-Up Sneaker Repair bereitet getragene oder beschädigte Sneaker professionell auf und macht sie wieder tragbar. Die beiden Gründer, Gabriel Schüle (l.) und Dennis Merkle wollen damit ihren Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leisten. Foto: Max Kovalenko
In Zeiten von Fast Fashion und Wegwerfkultur machen zwei Stuttgarter das Gegenteil: Sie reparieren alte Schuhe. Wie funktioniert das? Ein Besuch beim Start-Up „Sneaker Repair“.
Jacob Jung steht in der WG-Küche von Dennis Merkle im Stuttgarter Osten, in den Händen ein Paar abgetretene Sneaker. „Die sehen zwar nicht so aus, aber die waren mal teuer und ich hänge ein bisschen an denen“, sagt er, fast ein wenig entschuldigend, und blickt hinunter auf die Schuhe – ehemals weiß-beige, inzwischen eher nur noch beige. „Ich weiß nicht, ob man die nochmal hinbekommt.“ Dennis versichert: „Auf jeden Fall.“ Er begutachtet die Schuhe kurz: „Da machen wir einmal eine Grundreinigung, vorne abschleifen, Innenraumreinigung, Ferse ausbessern, einfach einmal alles rundum.“ Jacob ist begeistert.
Auf „Sneaker Repair" ist er durch einen Freund aufmerksam geworden. Statt sich neue Schuhe zu kaufen, wollte er ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft setzen – und seine alten Sneaker wieder tragbar machen. Genau darauf hat sich das Stuttgarter Start-up spezialisiert. „Es werden in Deutschland jedes Jahr 380 Millionen Paar Schuhe weggeworfen. Das sind fünf Paar pro Person - und das ist einfach zu viel“, sagt Dennis (27). Zusammen mit seinem Freund Gabriel Schüle (25) hat er Anfang 2025 „Sneaker Repair“ gegründet. Seitdem haben die beiden mehrere hunderte, wenn nicht sogar tausende Schuhe aufbereitet. „Unser persönlicher Rekord liegt bei 25 Paar pro Tag“, so Schüle. „Wir bieten das für alle Arten von Schuhen an. Wir machen auch Sandalen, Winterstiefel, die volle Bandbreite.“ Ihr Konzept sei in Stuttgart bislang eine Seltenheit, sagen die Gründer, denn klassische Schuhmacher kümmerten sich eher um Anzug- oder Lederschuhe.
„Wir revolutieren quasi aus der Küche heraus die Fashion-Welt“
Gearbeitet wird noch bei Dennis zu Hause, aber das Ziel ist irgendwann eine eigene Ladenfläche mit offener Werkstatt, eine „gläserne Produktion“ sozusagen. „Die Leute sollen immer vorbeikommen und uns bei der Arbeit beobachten können“, sagt der Stuttgarter. So lange muss die WG-Küche herhalten. Im angrenzenden Wintergarten ist das Schuhlager, dort reiht sich in großen Regalen ein Schuhpaar an das andere. Die Reinigungsgeräte stehen auf der Küchenanrichte, die Trocknungsstation neben dem Esstisch auf dem Boden. „Wir revolutieren quasi aus der Küche heraus die Fashion-Welt“, scherzt Dennis und lacht.
Handarbeit: Jeder Schuh wird einzeln behandelt. Foto: Max Kovalenko
„Hier wird auch gekocht, deshalb muss man hier natürlich immer ein bisschen aufpassen wegen der Hygiene. Wir versuchen das immer sehr, sehr sauber zu halten“, sagt Gabriel Schüle. „Das ist vielleicht auch so bisschen eine Berufskrankheit von mir, dass alles immer clean sein muss.“
Dennis hingegen muss über seine eigene „Berufskrankheit" schmunzeln: Er trage mittlerweile fast nur noch Schlappen – selbst zum Einkaufen. „Ich habe keinen Bock, meine eigenen Schuhe sauber zu machen. Den ganzen Tag putze ich schon andere Schuhe, da will ich meine eigenen gar nicht mehr dreckig werden lassen.“ Im Alltag hat der 27-Jährige auch noch eine weitere bezeichnende Beobachtung gemacht: Sobald die beiden Freunde von ihrem Beruf erzählen, blicken ihre Gesprächspartner reflexartig beschämt auf ihre eigenen Schuhe hinab. „Aber wir judgen ja niemanden", betont Dennis.
Förderantrag bei der Stadt Stuttgart gestellt
Die Reaktionen ihres Umfelds auf die Geschäftsidee seien rundweg positiv ausgefallen. „Die unterstützen uns alle“, erzählt Gabriel. „Meine Schwester zum Beispiel hilft uns mit den Steuern, die arbeitet in einer Steuerkanzlei, oder mein Bruder hat für uns ein Buchhaltungssystem programmiert, der hat Technische Informatik studiert.“
Um den Traum vom eigenen Laden zu verwirklichen, haben die beiden Gründer nun einen Förderantrag gestellt. „Ein Freund hat uns auf den Klima-Innovationsfonds der Stadt Stuttgart aufmerksam gemacht", erzählt Dennis. In dem Fördertopf liegen 20 Millionen Euro für Start-ups bereit. „Wir haben uns da beworben und einen Antrag für 130.000 Euro gestellt." Einer der Gründe: „Wir tragen zur Nachhaltigkeit in Stuttgart bei, zur Kreislaufwirtschaft.“ Besonders wichtig sei in diesem Zusammenhang auch die Klimabilanz des Unternehmens. „Wir arbeiten sehr klimaneutral. Wir sparen wahrscheinlich mehr CO2-Emissionen ein, als wir ausstoßen – mit sehr großem Abstand", betont Dennis.
Seit März hätten sie bereits 2,9 Tonnen CO2 eingespart. Die Rechnung dahinter: „Jedes Paar Schuhe kostet in der Herstellung bis zum Endkunden zwischen 10 und 15 Kilogramm CO2-Emissionen, also etwa 12,5 Kilogramm." Jedes Mal, wenn ein Kunde seine alten Schuhe aufarbeiten lasse statt neu zu kaufen, spare man genau diese Menge ein. „Je nachdem, wie groß wir werden, könnten wir mehrere hundert, wenn nicht sogar mehrere tausend Tonnen CO2 im Jahr einsparen." Ob ihr Förderantrag bewilligt wird, erfahren die beiden Freunde voraussichtlich Ende Juni.
An Ideen mangelt es den Gründern nicht
Die Küche bleibt vorerst Werkstatt. Doch das tut dem Erfolg keinen Abbruch: Dennis und Gabriel haben sich bereits einen Namen gemacht, sogar eine Kooperation mit einem Stuttgarter Schuhmacher konnten sie an Land ziehen. Auch zwei Mitarbeiter haben die beiden bereits angestellt. Das Geschäft läuft, denn das Timing könnte kaum besser sein. „Viele Leute können sich durch die wirtschaftliche Lage keinen neuen Schuhe mehr leisten", sagt Gabriel. „Da sind wir eine gute Alternative." Anfragen nehmen die beiden über ihre Website, telefonisch oder auch über Instagram (@sneakerrepair.de) entgegen.
Vorher und Nachher einer Schuhaufbereitung. Von Klebearbeiten bis Malerei: Die beiden Köpfe hinter „Sneaker Repair“ beherrschen verschiedene Techniken. Foto: Max Kovalenko
Dennis hat Erfahrung: Schon Jahre vor der Gründung von „Sneaker Repair" kaufte er Schuhe an, bereitete sie auf und verkaufte sie weiter. Seine Hoffnung: „Irgendwann gehen die Leute lieber auf unsere Website, wenn sie Schuhe suchen, anstatt welche bei Adidas oder Nike zu bestellen." An Ideen mangelt es nicht. Die beiden könnten sich auch vorstellen, das Angebot künftig auf Handtaschen, Caps und mehr auszuweiten. „Aber im Moment sind wir noch voll mit den Schuhen beschäftigt", erzählt Dennis. „Das wollen wir erstmal groß machen."
Das Credo: besser reparieren als wegwerfen
Gab es auch schon Schuhe, die nicht mehr zu retten waren? Darüber müssen Dennis und Gabriel eine Weile nachdenken. „Da gab es mal solche von Balenciaga – die waren schon verschimmelt", erinnert sich der 25-Jährige. Solche Extremfälle bleiben aber die Ausnahme.
„Wir versuchen aus jedem Schuh noch was rauszuholen. Nur bei Totalschäden, wenn der Aufwand acht oder neun Stunden betragen würde, müssen wir manchmal aus Zeitgründen ablehnen." Das Credo bleibe aber: besser reparieren als wegwerfen. „Viele glauben gar nicht, wie viel man aus alten Schuhen noch rausholen kann", erzählt Merkle.
Für manche Kunden wirke es fast wie Magie: völlig kaputte Schuhe kommen zurück wie neu. Auch Jacob Jung hofft auf diese Verwandlung. In ein paar Tagen wird er seine Sneaker wieder abholen können. Ob sie dann wirklich aussehen wie neu? „Ich bin gespannt", sagt er beim Rausgehen.