Stefan Grosch spricht über Zulieferer-Krise Bosch-Personalchef rechnet mit Verschärfung des Sparprogramms

Mit der Fertigung von Brennstoffzellenantrieben wie hier in Feuerbach will Bosch wegfallende Beschäftigung in der Diesel- und Benzinertechnologie ersetzen. Foto: Bosch

Der Stuttgarter Bosch-Konzern streicht mehrere Tausend Arbeitsplätze, weil es an Aufträgen fehlt. Im Interview signalisiert der Personalchef Stefan Grosch, dass diese massiven Einsparungen nicht ausreichen werden.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau : Klaus Köster (kö)

Alle deutschen Autohersteller haben in den vergangenen Wochen Gewinnwarnungen herausgegeben. Die wirtschaftliche Lage der Branche hat auch auf Bosch massive Auswirkungen.

 

Herr Grosch, Bosch hat in den vergangenen Monaten Stellenstreichungen in verschiedenen Bereichen angekündigt, die insgesamt mehrere Tausend Arbeitsplätze betreffen. Ist ein Ende der Streichungen absehbar?

Wir haben mit den Arbeitnehmervertretern eine Reihe von Vereinbarungen getroffen, darunter im vergangenen Jahr eine Zukunftsvereinbarung als Basis. Darüber hinaus haben wir sozialverträgliche Anpassungen an einigen Standorten in den vergangenen Monaten vereinbart. Diese werden nun in enger Zusammenarbeit mit den Betriebsräten umgesetzt. Wichtig ist, dass diese Kooperation auch in Zukunft funktioniert.

Stefan Grosch ist bei Bosch als Geschäftsführer für das Thema Personal verantwortlich. Foto: Martin Stollberg

Wie sehen Sie die nähere Zukunft?

Die Wirtschaft entwickelt sich schwächer als erwartet. Technologien wie das automatisierte Fahren und Wasserstofflösungen verzögern sich. Zudem wird der Wettbewerb für die deutsche Industrie, insbesondere aus China, intensiver. Der Gegenwind ist nochmals deutlich stärker geworden.

Welche Schlüsse zieht Bosch daraus mit Blick auf die Beschäftigung?

Wir stellen sicher, dass wir wettbewerbsfähig sind und in die Zukunft investieren können. Sollten dafür zusätzliche Restrukturierungsmaßnahmen notwendig werden, werden wir diese im engen Austausch mit den Arbeitnehmervertretern vereinbaren und umsetzen.

Falls sich die Entwicklung der vergangenen Monate fortsetzt: Reichen die beschlossenen Einsparungen und Strukturveränderungen aus?

Wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen so schwierig bleiben wie jetzt – und davon müssen wir derzeit ausgehen – werden wir um weitere Anpassungsmaßnahmen nicht herumkommen.

Wie stabil ist die bis 2027 vereinbarte Jobsicherung in der Bosch-Kfz-Sparte?

Wir stehen zu unseren Zusagen und dem Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen an deutschen Mobility-Standorten bis Ende 2027. Allerdings bedeutet das nicht, dass es keine Strukturanpassungen geben kann. Diese werden wir, wie bisher auch, sozialverträglich umsetzen.

Es fällt auf, dass die Programme zum Stellenabbau fast ausschließlich deutsche Standorte betreffen. Kann die Belegschaft in Deutschland im internationalen Wettbewerb nicht mehr mithalten?

Die Wahrnehmung ist so nicht richtig. Wir nehmen Strukturanpassungen dort vor, wo sie erforderlich sind – das schließt auch internationale Standorte mit ein, wie etwa in Asien oder Europa. Gleichzeitig ist und bleibt Deutschland für Bosch ein wichtiger Standort, wir haben hierzulande hochqualifizierte und engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Allein in unsere von Restrukturierungsmaßnahmen besonders betroffenen deutschen Mobility-Standorte investieren wir 2024 und 2025 knapp vier Milliarden Euro. Weitere 700 Millionen Euro fließen bis 2027 in Ausbildung und Qualifikation der Beschäftigten, aber wir müssen in der Tat die Wettbewerbsfähigkeit insgesamt im Auge behalten.

Lassen sich die vergleichsweise hohen Personalkosten in Deutschland noch mit überlegener Produktivität und Innovationskraft begründen?

Länder wie China und Indien kommen bei der Produktivität deutlich schneller voran. An diesen Standorten sind wir auch hoch innovativ, ebenso in den USA. Da müssen wir uns in Deutschland insgesamt ins Zeug legen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Denn hohe Produktivität und Innovationskraft sind der Schlüssel, um als Standort im Weltmarkt bestehen zu können.

Welche Stärken hat der Standort Deutschland?

Bosch in Deutschland zeichnet sich unter anderem durch technisch anspruchsvolle Komponenten aus, die zuverlässig in großer Stückzahl und hoher Qualität geliefert werden. Diese Stärken sind wichtig und bleiben es auch.

Wie wird sich der Wandel hin zur Elektromobilität auf die Beschäftigung auswirken?

Wir gehen davon aus, dass sich die Elektromobilität als führende Technologie für die Mobilität durchsetzen wird, bleiben jedoch technologieoffen. Wir werden das liefern, was unsere Kunden in aller Welt brauchen und investieren weiter auch in die Entwicklung von klassischen Verbrennertechnologien sowie in E-Antriebe, Brennstoffzellen und Wasserstoffmotoren.

Ist die Schwäche der E-Mobilität gut für die Beschäftigung bei Bosch?

Es gilt die Faustregel: Wenn wir für den Bau eines Dieselantriebs zehn Mitarbeitende benötigen, brauchen wir für einen Benziner drei und für einen batterieelektrischen Antrieb nur eine Person. Derzeit steigt wegen der schwachen Nachfrage nach E-Autos der Anteil der Verbrenner im Automobilmarkt, was an sich für die Beschäftigung hilfreich wäre. Diese Entwicklung wird aber überlagert durch die Schwäche des Marktes insgesamt. Deshalb haben wir selbst beim Verbrenner teilweise Überkapazitäten. Insgesamt gehen wir davon aus, dass der Verbrenneranteil langfristig weiter sinken wird.

Was wird aus der Beschäftigung in Deutschland, wenn die E-Mobilität den von Ihnen erwarteten Siegeszug antritt?

Die strukturelle Verschiebung durch die Elektromobilität haben wir früh erkannt; daher arbeiten wir seit Jahren mit den Arbeitnehmervertretern an diesem Thema und setzen auf Qualifizierung und Vermittlung. Der Faktor Zeit spielt dabei eine wichtige Rolle. In Ländern wie Indien wird der Verbrenner noch sehr lange dominieren, und auch bei Nutzfahrzeugen wird der Diesel noch lange eine wichtige Rolle spielen, selbst in Europa. Auch wird sich der Wandel nicht in allen Weltregionen im gleichen Tempo vollziehen. Es ist also nicht alles so schwarz-weiß, wie es manchmal den Anschein hat.

Bosch will mit den Technologien dort präsent sein, wo die Märkte sind. Wo werden Sie Verbrennerantriebe produzieren, wenn die EU 2035 neue Benziner und Diesel verbietet und damit als Absatzmarkt wegfällt?

Wir müssen uns nach dem Markt richten: Wenn in der EU im Pkw-Bereich klassische Verbrenner nicht mehr nachgefragt werden, werden wir die entsprechenden Technologien in Deutschland langfristig auch nicht mehr wirtschaftlich produzieren können. Deshalb stärken wir deutsche Standorte bereits mit neuen Technologien. Die Brennstoffzelle etwa finden Sie in Feuerbach und in Bamberg, die Wasserstofftechnologie in Bamberg und Homburg. Dabei geht es nicht nur um den Antrieb von Fahrzeugen, sondern um ein Feld, das von der Erzeugung des Wasserstoffs durch Elektrolyse über den Transport bis zur Nutzung für unterschiedliche Einsatzbereiche reicht. Wir wollen die Wasserstofftechnologie in ihrer Breite nutzen, um neue Beschäftigungschancen für die deutschen Standorte zu schaffen. Am Ende bleibt auch hier wichtig, dass es eine Marktnachfrage gibt und wir wettbewerbsfähig sind.

Die Person
Stefan Grosch wurde 1966 in Mönchengladbach geboren. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Der Beruf
Grosch ist seit 1. April Geschäftsführer und Arbeitsdirektor der Robert Bosch GmbH und in dieser Funktion zuständig für das Personal- und Sozialwesen. Darüber hinaus verantwortet er die Bereiche Arbeitssicherheit, Umweltschutz und Nachhaltigkeit, Recht, Compliance Management (Einhaltung von Gesetzen und Vorschriften). Regional ist er für das Bosch-Geschäft in Indien verantwortlich. Er ist seit 1992 für Bosch tätig.

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