Stefan von Holtzbrinck und Burda Wie Epstein Verleger im Südwesten in sein Netzwerk locken wollte

Stefan von Holtzbrinck und Hubert Burda (links und rechts) – die Verleger zählen zu den reichsten Baden-Württembergern. Jeffrey Epstein (Mitte) suchte die Nähe zu ihnen. Aber die Milliardäre blieben auf Abstand. (Archivbilder) Foto: IMAGO/Avalon.red/Wolfgang Maria Weber/dpa/Collage: StZN

Aus den Epstein-Files geht hervor, dass Jeffrey Epstein die Nähe zu Stefan von Holtzbrinck und Hubert Burda suchte. Die milliardenschweren Verleger ließen sich aber auf nichts ein.

Digital Desk: Sascha Maier (sma)

Der Name eines der reichsten Stuttgarter taucht in den Epstein-Akten auf: Stefan von Holtzbrinck hat demnach im Jahr 2014 einem „exklusiven“ Milliardärstreffen zugestimmt, das von Boris Nikolic, einem Vertrauten Jeffrey Epsteins, eingefädelt wurde.

 

Der 62-Jährige ist der Verleger und Erbe der Verlagsgruppe Holtzbrinck; laut „Manager Magazin“ beläuft sich sein Vermögen gemeinsam mit dem seiner Schwester Christiane Schoeller auf mehr als drei Milliarden Euro.

Von Holtzbrinck ist nicht der einzige Verleger-Milliardär in Baden-Württemberg, auf den das Epstein-Netzwerk ein Auge geworfen hatte. Auch die Familie Burda weckte das Interesse der Milliardeninvestoren, wie die Epstein-Files belegen.

Stefan von Holtzbrinck: „Weder privat noch geschäftlich“ Beziehungen geknüpft

Problematisch an der Zusage Stefan von Holtzbrincks erscheint zunächst, dass Epstein bereits 2008 wegen Anstiftung zur Prostitution zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden war. Der Verleger hatte den eigenen Angaben nach jedoch keine Ahnung, dass Epstein in irgendeiner Weise in dem aus seiner Sicht nie als „exklusive Angelegenheit“ behandelten „Kennenlern-Treffen“ involviert gewesen sei – auch sei Epstein selbst dort nicht in Erscheinung getreten.

Von Holtzbrinck habe grundsätzlich zu „keinem Zeitpunkt Bekanntschaft mit Jeffrey Epstein oder Ghislain Maxwell gemacht“. Weder „privat noch geschäftlich“ seien Beziehungen geknüpft worden. Das ließ die nach seinem Vater benannte Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck mit Sitz in Stuttgart, zu der unter anderem die Wochenzeitung „Die Zeit“ gehört, auf Nachfrage unserer Zeitung ausrichten. Ghislaine Maxwell war Epsteins damalige Partnerin und später verurteilte Komplizin bei dessen Verstrickungen in den Menschenhandel. Wenn Epstein in irgendein Treffen involviert gewesen sei, an dem von Holtzbrinck teilgenommen habe, dann „war und ist ihm das nicht bewusst“, wie es heißt.

Epstein-Vertrauter: „Die Zusagen trudeln ein!“

Dennoch liefern die Mail von Nikolic und andere Epstein-Akten Einblicke, wie Epstein Interesse an den großen Verlegern in Baden-Württemberg zeigte. Nikolic wurde von dem Sexualstraftäter Epstein vor seinem Tod 2019 als Ersatz-Testamentsvollstrecker eingesetzt. Sein Name taucht 15.000 Mal in den Epstein-Files auf.

Aus dem vom US-Justizministerium veröffentlichten und teilweise geschwärzten Akten gehen einige Details über das geplante Treffen hervor, dem von Holtzbrinck zugesagt hatte. „Gute Neuigkeiten“, steht in der Betreffzeile der Mail vom 27. Januar 2014. „Die Zusagen trudeln ein!“, schrieb Nikolic an Epstein. Darunter: der Alibaba-Gründer Jack Ma, der schwerreiche taiwanesische Investor Terry Gou, Wiktor Pintschuk, der zweitreichste Ukrainer – und eben: „Dr. Stefan von Holtzbrinck – bestätigt von mir (er ist strategisch tätig – ihm gehören Maximilian Press, Scientific American, Nature usw.)“, wie es in der Mail weiter heißt.

Ausschnitt aus der Mail aus dem Jahr 2014 an Jeffrey Epstein, in der von Holtzbrincks Zusage begrüßt wird. Foto: Screenshot/U.S. Department of Justice

Unter den aufgelisteten Namen schrieb Nikolic an Epstein: „Es scheint, dass dies sehr exklusiv wird und wir möglicherweise einigen Interessenten absagen müssen.“ Investitionsunterlagen, deren Natur sich nicht aus der Korrespondenz erschließt, „sollten bis Ende nächster Woche fertig sein“.

Zeit und Ort des Treffen bleiben unklar – und ebenfalls, ob es ein reines Online-Treffen war: Der Holtzbrinck-Verlag bestätigte, dass Stefan von Holtzbrinck den Epstein-Vetrauten Nikolic „auf Internet-Konferenzen zweimal kurz getroffen“ habe.

Laut der Holtzbrinck-Verlagsgruppe sei daraus allerdings nie ein konkretes Projekt entstanden. „Es könnte sein, dass Boris Nikolic eine Unterlage zu einer seiner Internetbeteiligungen im Wissenschaftsbereich vorbereiten und zusenden wollte“, heißt es aus dem Firmensitz an der Gänsheide dazu.

Multimilliardäre und die „Dritte Kultur“

Der Name des Verlegers taucht in den Epstein-Files auch in einem anderen pikanten Mailverteiler auf – einem von John Brockman, dem Begründer der Edge Foundation. „Edge“-Hauptfinanzier war für lange Zeit laut einer Recherche des Online-Magazins „BuzzFeed“ aus dem Jahr 2019 Jeffrey Epstein. In dem Schreiben werden 35 Menschen zur „The Edge Annual Question 2012“ informiert, was „vertraulich“ zu behandeln sei. Stefan von Holtzbrinck befindet sich hier in Gesellschaft von Elon Musk, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, Bill Gates, Larry Page und anderen Superreichen.

Die Plattform „Edge“ und deren Gründer, der Literaturagent John Brockman, wurden in Medien kritisch rezipiert, manche betrachten die „Dritte Kultur“, Brockmans Lehre, die Elemente aus klassischen Geisteswissenschaften mit Technologiekonzernwesen vermengt, als Spinnerei. Nichtsdestotrotz gelang es ihm immer wieder, die reichsten Menschen der Erde für seine exklusiven Meetings zu interessieren.

Bei den „Edge“-Milliardärs-Dinnern war schon das Gros aus dem Mailverteiler persönlich zusammengekommen. Dass Brockman und Epstein zumindest enge Kontakte pflegten, zeigt auch der in den Epstein-Akten festgehaltene Mailverkehr zwischen den beiden. Im Plauderton berichtet Brockman etwa, wie er mit Erkältung im Bett liegt, in einer anderen Mail fragt Epstein, wie noch mal dieser Mathematiker heißt, der dieses eine Buch geschrieben hat.

Stefan von Holtzbrinck: Einladungen zum Klub der Milliardäre ausgeschlagen

Stefan von Holtzbrinck hat nach Angaben seines Verlags nie an diesen „Billionaire’s Dinners“ der „Edge“-Stiftung teilgenommen, obwohl er mehrfach zu Konferenzen von Brockmans Organisation eingeladen worden sei. Auch auf den Fotos, auf denen die Treffen der Superreichen dokumentiert sind, ist Stefan von Holtzbrinck nirgendwo zu finden.

Dennoch interessierte sich Epstein laut den Dokumenten für die Geschäfte des Verlegers. Sein Netzwerk informierte ihn etwa darüber, dass von Holtzbrincks Name in Zusammenhang mit dem populärwissenschaftlichen Portals ScienceBlogs gefallen war, wie aus einer Mail aus dem Jahr 2009 hervorgeht. Zur Übernahme durch die Holtzbrinck-Mediengruppe kam es aber nie. ScienceBlogs befand sich damals im Besitz von: Burda.

Hubert Burda pflegte zumindest oberflächliche Kontakte zu Jeffrey Epstein

Die Annäherungsversuche Epsteins und dessen Umfeld folgten einem Muster, das in Baden-Württemberg nicht nur bei dem Verleger und Milliardär Stefan von Holtzbrinck zu beobachten ist. Sein badischer Verlegerkollege Hubert Burda taucht ebenfalls in den Epstein-Files auf – in ganz ähnlichen Zusammenhängen.

Im Gegensatz zu von Holtzbrinck, der jede Verbindung zu Jeffrey Epstein verneint, pflegte Hubert Burda in der Vergangenheit zumindest oberflächliche Kontakte zu ihm. So existiert etwa ein Foto, das Burda und Epstein gemeinsam auf einer New Yorker Dachterrasse zeigt.

Eine Sprecherin des Badener Verlegers, zu dessen Gruppe unter anderem Magazine wie „Bunte“ oder „Focus“ gehören, erklärte dazu auf Nachfrage unserer Zeitung: „2001 gab es eine Begegnung zwischen Hubert Burda und Epstein im Rahmen einer Veranstaltung der Heritage Foundation von John Brockman in New York, darüber hinaus aber nie ein privates Treffen zwischen Hubert Burda und Epstein (oder Maxwell).“ Geschäftliche Beziehungen zwischen dem Unternehmen Burda und Epstein habe es niemals gegeben.

Problematische Treffen mit Burda-Verlagsangestellten?

Auch Hubert Burda befand sich in Brockmans exklusivem „Edge“-Mailverteiler. Anders als von Holtzbrinck sagte das Verlagshaus aus Offenburg die Einladungen zu den Milliardärstreffen aber zu. Hubert Burda nahm nach eigenen Angaben allerdings nie persönlich daran teil. Stattdessen vertraten ihn 2001 Stephanie Czerny und ein anderer Burda-Digitalverantwortlicher. Dass Epstein wichtigster Finanzier der Stiftung gewesen sein soll, war damals noch nicht bekannt.

Für Hubert Burda persönlich mag zutreffen, einen Bogen um Epstein gemacht zu haben. Eine Mail aus dem Jahr 2014, also Jahre nach dem Bekanntwerden der ersten schweren Vorwürfe gegen den Sexualstraftäter, zeigt, dass zumindest Stephanie Czerny Epsteins Komplizin Ghislaine Maxwell wohl mindestens noch ein Mal getroffen hat. In dieser schreibt der einstige Burda-Digitalmanager vom „Billionaire’s Dinner“, der damals nicht mehr bei Burda beschäftigt war, an einen geschwärzten Empfänger, wobei Czerny in Kopie ist: „Es war sehr schön, mit dir zu sprechen, und zu hören, dass du und Ghislaine sich (wieder) in Davos getroffen haben.“

Dies hat eine interne Prüfung bei Burda ausgelöst. Nach dieser habe es laut der Sprecherin „keine persönlichen Kontakte von führenden Mitarbeitern Burdas zu Epstein und Maxwell, die über zufällige Begegnungen im Rahmen größerer Veranstaltungen hinausgingen“, gegeben.

Auch Hubert Burdas Sohn Jacob Burda hatte indirekt mit Epstein zu tun – nach eigener Auskunft allerdings, ohne davon Kenntnis gehabt zu haben. In seine gemeinsam mit dem Netzwerker Ian Osborne gegründeten Tech-Investmentfirma Hedosophia war Epstein im Hintergrund in beratender Funktion tätig, wovon aber nur Osborne Kenntnis gehabt habe. Die Osborne-Epstein-Verbindung in Sachen Hedosophia geht aus einem Schriftwechsel aus dem Jahr 2012 hervor. Jacob Burda sagte in einer Erklärung dazu, er bedaure die Ereignisse zutiefst: „Die verabscheuungswürdigen Verbrechen Epsteins waren mir zudem in dieser Zeit in keiner Weise bewusst.“ In das Unternehmen investiert habe Epstein nie.

Jacob Burda: Von Epstein-Einfluss auf Unternehmen keine Kenntnis gehabt

Die Akten zeigten außerdem, dass Jacob Burda auf die „wiederholten Kontaktversuche Epsteins nicht reagiert“ habe. Wie der damals 21 Jahre alte Burda-Spross erst jetzt aus den Epstein-Files erfahren habe, soll Ian Osborne sich ohne Burdas Wissen und Einverständnis direkt mit Epstein über die Investmentstruktur Hedosophia ausgetauscht und vertrauliche Dokumente übermittelt haben. „Mir war zu keinem Zeitpunkt bewusst, welchen Einfluss Epstein in der Gründungszeit im Hintergrund darauf nehmen wollte.“

Jacob Burda (links) mit Schwester Elisabeth Furtwängler und Vater Hubert Burda (rechts) Foto: dpa

Unsere Redaktion hat die Dokumente mit Burda-Bezug in den Epstein-Files ausgewertet. Dass sich Jeffrey Epstein und dessen Umfeld um Stefan von Holtzbrincks Aufmerksam bemüht hatten, ohne dass dies von dem Verleger erwidert wurde, war bislang unbekannt.

Epstein wurde 2008 wegen Anstiftung zur Prostitution verurteilt

Von Holtzbrinck gilt als engagiert in der Landeshauptstadt, ist Vorstandsmitglied der Bürgerstiftung Stuttgart. Er ist wohl der reichste wirklich in Stuttgart lebende Stuttgarter. Das „Manager Magazin“ listet zwar die Familien Piech und Porsche im Reichsten-Ranking 2025 noch vor ihm. Diese sind aber nicht mehr in der Landeshauptstadt zuhause.

Jeffrey Epstein wurde 2008 erstmals wegen der Anstiftung zur Prostitution, in einem Fall einer Minderjähriger, verurteilt. Seine Anwälte hatten zuvor über Jahre nach Bekanntwerden der Vorwürfe an einem Deal gearbeitet, um eine milde Strafe zu erwirken. Epstein verbüßte die meiste Zeit seiner Haftstrafe als Freigänger.

Millionen Dokumente sorgen aktuell wieder für Zündstoff

Viele aus seinem Netzwerk aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft pflegten auch nach der Verurteilung noch enge Kontakte zu ihm. Das ganze Ausmaß der Epstein-Verstrickungen wurde erst später klar: Es wurden Vorwürfe erhoben, wonach er gemeinsam mit seiner Gefährtin Ghislaine Maxwell ein Mädchenhandel-Netzwerk betrieben haben soll, das Reiche und Mächtige in Anspruch genommen haben. Epstein, erneut in Haft, nahm sich in seiner Gefängniszelle im Jahr 2019 das Leben. Maxwell wurde wegen Menschenhandels zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Die Veröffentlichung der Millionen an Dokumenten aus den Epstein-Akten durch das Justizministerium sorgt aktuell wieder für politischen Zündstoff – vor allem in den USA, wo Donald Trump, der als jahrelanger Freund Epsteins galt, die Veröffentlichung verhindern wollte. Aber auch anderswo, bis nach Baden-Württemberg und Stuttgart reichten die Aktivitäten des Jeffrey Epstein – und auch hier werden nun Fragen aufgeworfen.

Weitere Themen