Stille als Therapie Wie wir zur Ruhe kommen können

Ohne Kopfhörer im Wald – daran müsste man sich erst mal wieder gewöhnen. Foto: IMAGO//Dmitrii Marchenko

Wird alles immer lauter – oder meinen wir das bloß? Stille kann heilsam sein. Doch man muss sie erst einmal finden. Der Freiburger Psychotherapeut Eric Pfeifer erklärt, was gute Stille ausmacht und wo wir sie finden.

Familie, Zusammenleben und Bildung: Eva-Maria Manz (ema)

Wenn das Jahr sich dem Ende zu neigt, die Bäume nur noch skizzenhaft von der vollen Pracht ihrer Sommertage erzählen, ziehen wir uns zurück in die beheizten Zimmer. Dann soll Stille einkehren. Das Feuer knistert im Ofen, die Kerzen des Adventskranzes flackern in der Dämmerung des winterlichen Nachmittages, und das Jahr ist vollgelaufen wie die ganze Stunde, kurz bevor es zwölf schlägt.

 

Diese Art der Stille ist es, die viele jetzt suchen. Doch finden wir sie? Wenn der Dauerlauf eines regulären Arbeitsjahres in einem mit letzten Kräften vollführten, grotesken Jahresendsprint kulminiert, wir beim Einkauf oder im Büro aneinander vorbeirennen, Gedudel, Lärm und Stimmengewirr sich allerorten überschlagen, steht oft über all dem das Gefühl, es werde jedes Jahr schlimmer, alles immer lauter, schneller, anstrengender. Der Stadt und ihrem Trubel möchte man am liebsten nur noch entfliehen.

Stille hat eine Wirkung auf unsere psychische Gesundheit

Ist es wirklich lauter geworden in unserer Welt – oder sind wir einfach empfindlicher? Der Psychotherapeut Eric Pfeifer, Professor für Ästhetik und Kommunikation an der Katholischen Hochschule Freiburg, untersucht die Wirkung von Stille auf die psychische Gesundheit. Pfeifer sagt, es gebe Studien, die belegen, dass unsere Welt wohl lauter werde. Aber: „Es gibt auch gegensätzliche Untersuchungen, die sagen, im Durchschnitt ist es eben nicht so.“ In der Zeit der Industrialisierung beispielsweise war alles viel lauter, technische Geräte heute sind ausgereifter. „Autos oder Züge fahren leiser als noch vor einigen Jahren. Auch die Medizintechnik investiert Milliarden an Forschungsgeldern, um die Geräte in den Krankenhäusern leiser zu machen.“

Vor hundert Jahren nahmen die Menschen vor allem das fortschrittliche Stadtleben mit elektrischen Bahnen, Menschenmassen und Fabriken als hektisch und belastend wahr. Ende der 1920er Jahre erschien im pulsierenden Trubel der Großstadt Berlin Erich Kästners Gedicht „Die Wälder schweigen“, Ausdruck einer tiefen Sehnsucht nach der heilenden Stille der Natur: „Dort, wo die Gräser wie Bekannte nicken und wo die Spinnen seidne Strümpfe stricken, wird man gesund. Die Seele wird vom Pflastertreten krumm. Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden und tauscht bei ihnen seine Seele um. Die Wälder schweigen. Doch sie sind nicht stumm. Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden.“

Lärm wird als gesundheitsgefährdend eingestuft

Untersuchungen zeigen, dass Menschen auf dem Land tatsächlich weniger Anfälligkeit zeigen, psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen zu entwickeln, erklärt Psychologe Pfeifer: „Ein Faktor ist dabei wohl Lärm.“ Die Weltgesundheitsorganisation sieht Lärm als einen stark gesundheitsgefährdenden Umwelteinfluss. Lärm könne zu Bluthochdruck und Nervosität führen, erhöhe das Herzinfarkt-Risiko.

Was wir als belastend und laut empfinden, ist individuell unterschiedlich. Der Schriftsteller Franz Kafka soll unter den Kakofonien des Alltags gelitten haben wie ein Hund, bemerkte jedes Geräusch, das von der Straße hereindrang, konnte nur schreiben, wenn er allein war. Der Physiker Albert Einstein hat die Stille dauerhaft gesucht, um in ihr völlig ungestört nachdenken zu können.

Die Sehnsucht nach Stille ist ein urmenschliches Bedürfnis – das Neugeborene wird an der Mutterbrust ge-stillt, das Stillen hat eine beruhigende und nährende Funktion. Kommt die Ruhe zu kurz, suchen wir Wege, künstlich Stille herbeizuführen. In der Stadt beobachtet Eric Pfeifer immer mehr Pendler, die sich in der Straßenbahn mit Noise-Cancelling-Kopfhörern von Geräuschen abschirmen. „Wir spüren, dass Lärm uns nicht guttut, suchen die Stille.“ Auch Achtsamkeit und Meditation sollen helfen. Sogar bei Kindern hat der Psychologe in seiner Praxis zuletzt eine Sehnsucht nach Stille bemerkt. „Wenn sie von der Schule kommen, wollen sie den Trubel mit allen Anforderungen hinter sich lassen.“ Als Therapeut ist er dann nur da, stellt den Raum zur Verfügung: „Es ist in Ordnung, still zu sein.“

Was gute, wohltuende Stille ist, liege im eigenen Ermessen

Bildschirme hängen im Zug oder an den Wänden der Arztpraxis, wir schauen permanent aufs Handy, hören Podcasts, nehmen Anrufe entgegen. „Das Gehirn verarbeitet das alles. Dann braucht es eine Pause, etwas Ruhe, die Reduktion der Reize“, sagt Pfeifer. Wer in den Wald geht, um Stille zu erfahren, wird aber bald feststellen, dass es dort bei weitem nicht still ist. Das Unterholz knackt, Wind pfeift durch die Baumkronen, Mountainbiker radeln auf Schotterwegen knirschend vorbei, ein Hund bellt. Trotzdem empfinden die meisten den Wald als Ort der Ruhe.

Im Winter in der Natur zu sein, kann ein Gefühl von Ruhe vermitteln. Foto: Imago//Olga Rolencino

Was gute, wohltuende Stille ist, liege im eigenen Ermessen, sagt Pfeifer. „Stille ist gut für mich, wenn ich sie mir aussuche an einem Ort, an dem ich mich wohlfühle, mit Menschen, die mir guttun.“ Ob es an diesem Ort wirklich permanent still ist, spiele gar keine so große Rolle. Pfeifer, der auch Musiktherapeut ist, sagt: „Durch die Musik können wir verstehen, wie mächtig und unterschiedlich Stille sein kann. Sie geht exakt mit der Stille um, notiert sogar die Pausen.“ Eine Musik ohne Stille ist nicht denkbar. Würden alle Musikerinnen bei einem Konzert nonstop spielen, wäre das nicht auszuhalten. Es braucht Pausen, damit Musik zur Musik wird. „Musik ist Klang und Stille, sagte John Cage.“

Stille ist magisch – und zutiefst berührend

In den Freiburger Stille-Studien, an denen Pfeifer mitgewirkt hat, haben sich die Studienteilnehmerinnen nach einer Stille-Erfahrung besser gefühlt als davor, erzählt Pfeifer. Man könne daher überlegen, „ob man so etwas wie professionelle, medizinische Stille-Praktiken etabliert“. Ein Aufenthalt im Schweigekloster ist dann eher etwas für Fortgeschrittene: „Wenn Stille für Sie etwas Ungewohntes ist, dann ist das eine große Herausforderung. In solchen Fällen würde ich erst das Gespräch suchen und klären, woher das Interesse an der Stille kommt.“

Stille ist magisch, findet Eric Pfeifer, zutiefst berührend. Genau diese Magie suchen viele wohl an den Feiertagen, wenn alle am Heiligen Abend dann endlich sitzen und die Lichter glitzern, wenn es leise wird zur Stillen Nacht. Friedrich Nietzsche schrieb: „Die größten Ereignisse – das sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.“

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