Hinter diesem ungewöhnlichen Vorgang verbirgt sich wohl auch der erbitterte Konkurrenzkampf von zwei Männern: Fritz Berner, Vorstand und Geschäftsführer des VSSW – ein jovial auftretender Schwabe, im Hauptberuf Professor für Baubetriebslehre an der Uni Stuttgart. Ein Mann, der stolz ist auf das, was sein gemeinnütziger Verein leistet. Sein Kontrahent ist Tobias Burchard, Geschäftsführer des Studierendenwerks, ein Hanseat. Sein Job ist es, Dienstleistungen für 62 000 Studierende zu organisieren. Dazu gehören auch der Bau und die Bewirtschaftung von Wohnheimen. Burchard versteht sich als Sozialunternehmer.
Wohnbauverein lehnt Studierende als Mitglieder ab
Das Studierendenparlament der Uni Stuttgart verfolgt die Entwicklung mit Sorge. „Beim VSSW ist keinerlei Transparenz und Mitspracherecht der Studierenden gegeben“, erklärt die Studierendenvertretung im Blick auf den VSSW als neuen Verwalter. „Diese Tatsache wird dadurch verschärft, dass unser Beitrittsantrag seitens des Vereins bereits zweimal abgelehnt wurde.“ Das Studierendengremium hat daraufhin beschlossen, die Bewirtschaftung durch den VSSW abzulehnen, da die künftigen Wohnkonditionen unklar und ein angemessenes Mitspracherecht „nicht absehbar“ seien.
Doch das Studierendenparlament hat sein Auge auch auf die Aktivitäten des VSSW gerichtet. Dem Verein gehören sechs Wohnanlagen mit insgesamt 2552 Plätzen. Am Donnerstag feierte er Richtfest für eine weitere Wohnanlage auf dem Vaihinger Campus: Im Allmandring, zwischen Sportplätzen und See, entstehen 387 neue Wohnplätze. Für 20,8 Millionen Euro hat der Verein sieben Gebäude errichten lassen, zum Wintersemester sollen die ersten Studis einziehen. Die Häuser darf das Studierendenwerk zwar bewirtschaften, hätte sie aber gern selber gebaut: „Wir haben uns zwei Jahre um das Grundstück Allmandring IV bemüht – den Zuschlag hat der VSSW bekommen,“ so Burchard. Für VSSW-Vorstand Berner ist das logisch: „Wir können billiger bauen“, sagte er und prostete den Richtfestgästen zu.
Studierendenparlament kritisiert die Vergabe von Bauaufträgen
Doch den Studierenden ist nicht nach Feiern zumute. Sie kritisieren, dass der Vereinsvorstand Bauaufträge an eine GmbH vergebe, in der Berner als Mehrheitsgesellschafter eingetragen sei. Dabei geht es um das Institut für wirtschaftliches und technisches Immobilienmanagement GmbH (IWTI). Berner hatte das IWTI 2007 mitgegründet und ist bis heute im Handelsregister als Mehrheitsgesellschafter eingetragen. Die Studenten kritisieren den „erheblichen Interessenkonflikt mit Professor Berner als 80-prozentigem Anteilseigner des IWTI und Vorstandsvorsitzenden des VSSW“. Und weiter: „Sollte sich daran nichts ändern, fordern wir den Vorstandsvorsitzenden Professor Berner zum Rücktritt auf.“
Ein Filetgrundstück auf dem Vaihinger Unicampus für 51 Euro
Berner allerdings sagt: „Ohne das IWTI könnten wir gar nicht so billig bauen.“ Und wohl auch nicht ohne den günstigen Erbbaupachtzins vom Land: 51 Euro kostet das Grundstück am Allmandring im Jahr – nicht pro Quadratmeter, sondern für die gesamte Anlage. Das ist laut Finanzministerium „per Ermächtigung im Staatshaushaltsplan geregelt“. Die Vergabe von Erbbaurechten für Studierendenwohnheime in Stuttgart erfolge seit den 1970er Jahren sowohl an das Studierendenwerk Stuttgart als auch an den VSSW „in enger Abstimmung zwischen den Beteiligten“. Für das Studierendenwerk, das als öffentlicher Auftraggeber größere Bauaufträge ausschreiben muss, ist das IWTI jedoch „nicht die erste Wahl“, sagt Burchard. Denn es erfülle die Vergabekriterien nicht. Einen Beweis für ein preiswertes und nachhaltiges Bauvorhaben habe die Gesellschaft bisher nicht erbracht, sagt Burchard. Berner sieht das anders.
Unterdessen ist bei den Bewohnern vom „Straussi 1“ und der anderen Wohnheime die Verunsicherung groß. Wie es heißt, will sich das Studierendenwerk für gute Übernahmekonditionen einsetzen. Der VSSW habe zugesagt, die Mietpreis-Konditionen nicht zu ändern – aber nur mündlich. „Ich hoffe nicht, dass sie die Miete erhöhen“, sagt Stefanie Raimann. Die Technologiemanagement-Studentin zahlt in ihrer Sechser-WG im „Straussi 1“ 280 Euro warm für ihre Zwölf-Quadratmeter-Bude. „In Stuttgart ist alles teuer“, sagt sie – „nicht jeder kann sich eine WG für 400 oder 500 Euro leisten“. Und: „Es wäre schön gewesen, wenn auch vom Verein ein Statement käme.“
Studierendenwerk will Kündigungen möglichst einvernehmlich abwickeln
Burchard bedauert die Kündigungswelle „ganz außerordentlich“ und will diese „im Interesse der Studierenden so einvernehmlich wie möglich“ abwickeln. „Wir stehen dafür: Keiner der von den Kündigungen betroffenen Studierenden steht ohne Wohnplatz da.“ Entweder übernehme der VSSW das Mietverhältnis, oder das Studierendenwerk biete ein anderes Zimmer an. Dafür halte man zum Wintersemester extra Plätze frei, so Burchard. „Wir berücksichtigen Ihre Wünsche, soweit möglich“, ließ das Studierendenwerk die Bewohner wissen – gemeint sei der Standort des Wohnheims. Berner versicherte: „Es ändert sich für die Studierenden nichts.“ Allerdings kenne er die Adressen der Wohnheimbewohner nicht. „Man lässt uns auflaufen und gibt uns nicht die Namen“, sagt Berner. Und meint damit Burchard und das Studierendenwerk. Dieses wiederum gibt dafür Datenschutzgründe an.
Und wie steht es um die Notwendigkeit von Sanierungen – den Auslöser des Streits? „Es gibt deutliche Sanierungsstaus“, sagt Burchard. Die Anlagen seien vor 50 Jahren gebaut und zuletzt vor 30 Jahren renoviert worden. Dazu Berner: „Nein, das müssen wir in Grenzen halten, um weiterhin sozialverträgliche Mieten anbieten zu können. Wenn wir die Forderungen des Studierendenwerks erfüllen würden, ginge der Verein bankrott.“ Dieser sei gemeinnützig, mit nur elf Mitgliedern schlank und zudem kompetent, sagt Berner. Er räumt ein, dass er als Vorstand vom Verein eine Vergütung erhalte. Diese darf offenbar bis zu 50 000 Euro pro Jahr betragen. Das hatte Berner eingeführt, als er 2013 Vorstand wurde. Er erhalte aber „bedeutend weniger“, so Berner. Wie viel, sagte er nicht.
Vom Stuttgarter Unirektor Wolfram Ressel als Verwaltungsratsvorsitzender des Studierendenwerks war keine Stellungnahme zu erhalten. Er weilt im Ausland.