Streit im Leonhardsviertel „Es war eine Frechheit“ – Gastronomin enttäuscht vom Runden Tisch im Rathaus

Am Donnerstagabend kamen Vertreter aus Politik, Polizei und Gastronomie bei einem Runden Tisch zum Thema „Nachtleben“ im Rathaus zusammen – das Leonhardsviertel war nur am Rande Thema. Foto: Scheffel/StZN/Lichtgut/Julian Rettig

Im Leonhardsviertel stehen Gastronomen und Anwohner im Streit. Bei dem angekündigten Runden Tisch im Rathaus war der Konflikt nur am Rande Thema – sehr zum Ärger einer Gastronomin.

Digital Desk: Nina Scheffel (nse)

Der Konflikt im Leonhardsviertel hat es am Donnerstagabend nur in kleinen Teilen ins Stuttgarter Rathaus geschafft – nicht in der Ausführlichkeit und Fokussierung, die von manchen erwartet worden war.

 

Im Rahmen des zuvor angekündigten Runden Tisches „Nachtleben“ nahmen neben Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle (Grüne) Vertreter der Polizei sowie der Gastronomie in Stuttgart teil – darunter auch Gastronominnen und Gastronomen aus dem Leonhardsviertel. Auch die Betreiberin der Feinkostbar L’Hommage, Deniz Sever, folgte der Einladung mit der Hoffnung auf ein klärendes Gespräch. Doch im Anschluss an den Runden Tisch zeigt sie sich enttäuscht.

Gastronomen fürchten um Existenzen

Zum Hintergrund: Anwohnerschaft und Gastronomen im Leonhardsviertel befinden sich schon seit Längerem im Streit. Es geht um Lärmbelästigung durch abendliche Veranstaltungen. Im Mittelpunkt des Konflikts: Die Uhu-Bar in der Leonhardstraße, bei der es immer wieder zu großem Gästeandrang – und entsprechend zu einem hohen Geräuschpegel und einer häufig blockierten Straße rund um das Lokal komme.

Die Betreiberin der Feinkostbar L’Hommage, die sich direkt nebenan befindet, sowie andere Gastronomen im Viertel fühlen sich dadurch bedroht, fürchten zum Teil Konsequenzen, etwa behördliche Lärmmessungen infolge von Anwohnerbeschwerden, die auch ihre Betriebe treffen und deren Existenz gefährden könnten. Gleichzeitig werfen sie Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle vor, sich nur einseitig für die Uhu-Bar einzusetzen und andere Gastronomien vor Ort zu übergehen.

Diesen Befürchtungen hatte zuletzt L’Hommage-Betreiberin Deniz Sever in einem offenen Brief an die Bezirksvorsteherin Luft gemacht. Kienzle hatte daraufhin reagiert und zu dem Runden Tisch ins Rathaus eingeladen.

Bezirksvorsteherin Kienzle: „Das ist keine Staatsaffäre“

Bereits am Donnerstag vor dem Treffen war jedoch klar: Die Diskussion rund um das Leonhardsviertel steht keinesfalls im Mittelpunkt des Runden Tischs. Dagegen standen vier andere Punkte auf der Tagesordnung. Man könne zwar anschließend in den Austausch treten, eine große Diskussion zu dem Konflikt im Viertel sei aber nicht geplant, hieß es seitens der Wirtschaftsförderung Stuttgart, die den Runden Tisch betreut, auf Anfrage. Vertreter des Amts für öffentliche Ordnung hatten sich aufgrund ihres Umzugs für den Termin am Donnerstagabend zudem entschuldigen lassen.

Auch Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle dämpfte vorab die Erwartungen. „Das ist keine Staatsaffäre“, sagte sie. Der Runde Tisch solle dazu genutzt werden, um sich über aktuelle Themen und Probleme im Nachtleben zu unterhalten, nicht aber um einen Streit zwischen zwei Gastronomen aufzubauschen, die ihrerseits von jeweils anderen Wirten unterstützt würden.

Konflikt im Leonhardsviertel nur am Rande Thema

Nach der Runde am Donnerstagabend ist klar: Das Thema Leonhardsviertel wurde nur in dem zweistündigen Treffen nur am Rande angesprochen. Gekommen waren Gastronomen aus dem Leonhardsviertel sowie aus anderen Stadtvierteln. Im Vordergrund standen Themen wie die Zukunft der Nachtboje, Silvesterpartys zum Jahreswechsel und mögliche Maßnahmen, um künftig den Missbrauch von K.O.-Tropfen im Nachtleben zu erkennen und zu vermeiden. Kurz diskutiert wurde, auf eine Frage von L’Hommage-Betreiberin Sever hin, lediglich, wieso im Leonhardsviertel keine Weihnachtsbeleuchtung vorhanden ist.

Bezirksvorsteherin Kienzle verwies daraufhin – wie bereits vorab als Reaktion auf den offenen Brief der Gastronomin – auf die prekäre Haushaltslage in Stuttgart und laufende Bauprojekte. Die Altstadt sei im Rahmen größerer Innenstadtplanungen berücksichtigt, doch weitere Maßnahmen seien aktuell kaum umsetzbar. „Wir müssen gerade Theater- und Sozialeinrichtungen schließen“, so Kienzle. „Da ist an einen Ausbau der Weihnachtsbeleuchtung gerade einfach nicht zu denken.“ Auch in der Königstraße seien Lichterketten abgehängt und die Beleuchtung reduziert worden.

Gastronomin zeigt sich nach Treffen empört

Gastronomin Deniz Sever zeigt sich im Anschluss an das Treffen enttäuscht. Zwei Stunden hätte die Veranstaltung insgesamt in etwa gedauert, davon habe man sich etwa 15 Minuten Zeit für ihre Fragen zum Leonhardsviertel genommen. Andere Gastronomen, die ebenfalls anwesend waren, bestätigen das, möchten sich aber nicht weiter zum Treffen äußern, da sie „untereinander im Dialog seien“.

Deniz Sever selbst gibt an, sie habe lediglich die Möglichkeit gehabt, zwei Fragen zu stellen. Zum einen habe sie um eine schriftliche Auflistung der Regeln gebeten, die für alle im Leonhardsviertel gelten sollen. Zum anderen habe sich sie über die Kosten erkundigt, die für die Sicherheitsüberwachung eines Gebäudes in der Leonhardstraße anfallen, das der Stadt Stuttgart gehört. Die Gastronomin vermutet eine Unverhältnismäßigkeit, was die Kosten für den Betrieb dieser Überwachungsanlage gegenüber der Kosten für die Weihnachtsbeleuchtung im Viertel angeht. Daraufhin habe sie keine zufriedenstellende Antwort erhalten.

Ein Vertreter der Wirschaftsförderung teilt auf Anfrage mit, das Thema werde an die Verwaltung weitergetragen und geprüft. Gleichzeitig verweist er jedoch darauf, dass die Frage nichts mit dem Thema des Runden Tisches, „Nachtleben“, zu tun gehabt habe.

Auch die Tatsache, dass kein Vertreter des Amts für öffentliche Ordnung anwesend war, empört die Gastronomin Sever. „Da hat kein Mensch Zeit für uns“, sagt sie. „Es war eine Frechheit mich einzuladen, um meine Themen zu besprechen und mir dann über den Mund zu fahren, obwohl sie nicht angesprochen wurden.“

Lärmbelästigung in Leonhardstraße kein Thema am Runden Tisch

Das grundlegende Thema Lärmbelästigung durch Feiernde in der Leonhardstraße wurde bei dem Treffen nicht thematisiert. Auf Anfrage verweist Bezirksvorsteherin Kienzle darauf, dass dies nicht nur im Leonhardsviertel ein Problem sei.

Es betreffe auch andere Standorte in Mitte, etwa den Kleinen Schlossplatz, die Theodor-Heuss-Straße oder den Hans-im-Glück-Brunnen. Auch die Befürchtung, es könne zu behördlichen Lärmmessungen kommen, wiegelt Kienzle erneut ab. „Wenn wir irgendwo anfangen müssen, Lärm zu messen – was bislang niemand vorhat – dann werden wir überall messen müssen, nicht nur im Leonhardsviertel.“

In den Nächten ist in der Leonhardstraße viel los (hier vor der Uhu-Bar). (Archivbild) Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Jeder trage eine Mitverantwortung. Wer sich an die Regeln halte, habe keinen Ärger zu befürchten. Zur Frage, ob die Uhu-Bar als Tanzlokal betrieben werde, verwies die Bezirksvorsteherin bereits in der Vergangenheit auf die zuständige Gaststättenbehörde.

L’Hommage-Betreiberin Deniz Sever reicht das nicht aus. Sie wirft Kienzle vor, ihre Sorgen um das Viertel und die dortige Gastronomie nicht ernst zu nehmen, stattdessen auf anderweitige Zuständigkeiten zu verweisen.

Treffen speziell zum Leonhardsviertel im neuen Jahr geplant

Die Bezirksvorsteherin ihrerseits kündigt für das neue Jahr ein Treffen explizit zum Thema Leonhardsviertel an. Dieses finde dann jedoch nicht im Rahmen des Runden Tisches Nachtleben der Wirtschaftsförderung, sondern separat und mit im Viertel ansässigen Gastronominnen und Gastronomen, statt. Der genaue Termin steht noch nicht fest.

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