Streit um Kopftuch Erdogan hat mächtige Gegnerinnen

Der Streit ums Kopftuch wird in der Türkei emotional geführt. Foto: Georg Wendt/dpa

Das türkische Religionsamt verlangt, dass Frauen in der Öffentlichkeit das Kopftuch anziehen. Dieser Streit könnte AKP-Chef Erdogan gefährlich werden, meint Susanne Güsten.

Religiöse Toleranz war ein Prinzip der türkischen Regierungspartei AKP bei ihrer Gründung vor fast einem Vierteljahrhundert. Dieser Grundsatz schuf nach dem Regierungsantritt der Partei von Recep Tayyip Erdogan einen gesellschaftlichen Konsens, wonach jeder und jede sich kleiden kann, wie sie möchte – ob Kopftuch oder Minirock. Diesen Konsens sehen viele Türkinnen jetzt gefährdet. Säkularistische Türkinnen misstrauen Erdogan ohnehin, doch nun gehen auch islamische Frauenrechtlerinnen auf die Barrikaden: Nachdem das türkische Religionsamt verlangt hat, dass Frauen in der Öffentlichkeit das Kopftuch anziehen, befürchten sie, dass der Staat bald allein entscheidet, was islamisch ist und was nicht.

 

Frauen könnten sich verraten fühlen

Für eine solche Staatsreligion braucht Erdogan kein Gesetz. Indem das Religionsamt in Predigten vor Millionen Gläubigen in den Moscheen den Ton angibt, wird der Boden bereitet. Bald könnten Bewerberinnen für den Staatsdienst und in der Privatwirtschaft zu hören bekommen, dass ihre Karrierechancen mit Kopftuch besser sind als ohne. Weil Erdogans Regierung nicht nur das Religionsamt kontrolliert, sondern auch die meisten Medien, die Justiz und andere Institutionen, ist eine schleichende Einführung der Kopftuchpflicht möglich.

Aber Erdogan hat mächtige Gegnerinnen, wie sich schon jetzt zeigt: fromm-islamische Frauenrechtlerinnen, die sich nicht vom Staat vorschreiben lassen wollen, was sie zu glauben und wie sie sich zu kleiden haben. Der Präsident könnte es mit Frauen zu tun bekommen, die ihn einst verehrten – und sich jetzt von ihm verraten fühlen.

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