Wenn sich Streit zwischen Nachbarn hochschaukelt, können Mediatoren eine Hilfe sein. Foto: KI/Midjourney/Sebastian Ruckaberle
Hinter Nachbarschaftskonflikten verbergen sich oft tiefere Ursachen. Eine Mediatorin deckt diese auf – und gibt Einblick in ihre Arbeit in der Region Stuttgart.
Lärmbelästigung, Grenzstreitigkeiten oder Missverständnisse können das Zusammenleben mit Nachbarn zur Zerreißprobe machen. Mediatorin Ingeborg Weiß erläutert die Dynamiken hinter solchen Konflikten und erzählt von Streit, den sie in der Region Stuttgart geschlichtet hat.
Frau Weiß, was sind klassische Streitpunkte in Nachbarschaftskonflikten?
Ganz oben steht die Lärmbelästigung, sei es durch laute Musik, spielende Kinder, bellende Hunde oder Gartenarbeiten zu unpassenden Zeiten. Ein Beispiel hierfür wäre der Nachbar, der regelmäßig am Sonntagvormittag den Rasen mäht oder laute Partys bis spät in die Nacht feiert. Dann gibt es oft Grenzstreitigkeiten. Ich hatte Fälle, in denen es um einen Baum ging, dessen Wurzeln angeblich die Terrasse des Nachbarn beschädigten, oder um eine Hecke, die dem einen Nachbarn zu hoch war und dem anderen als Sichtschutz diente.
Welche Themen tauchen sonst noch auf?
Müll und Unordnung sind ebenfalls ein häufiges Thema. Wenn zum Beispiel der Müllcontainer störend platziert ist oder der eine sehr gut trennt und der andere nicht. Und natürlich Parkplatzprobleme, besonders in dicht besiedelten Gebieten, wo knappe Parkplätze immer wieder zu Ärger führen.
Können Sie ein Beispiel aus der Region Stuttgart nennen?
Ein Fall betraf einen Mann, der seinen Caravan dauerhaft in seiner Garagenzufahrt parkte, was die Sicht seines Nachbarn beim Ausfahren beeinträchtigte und die Verkehrssicherheit gefährdete. Zusätzlich gab es Lärmbelästigung durch laute Treffen mit Gästen im Garten. In der Mediation haben wir drei Lösungsoptionen erarbeitet. Man hat sich für den dritten Ansatz entschieden: Der Caravan-Besitzer bot an, den Caravan extern abzustellen, und der betroffene Nachbar beteiligte sich an den Stellplatzkosten. Der Caravan-Besitzer hat aber auch noch versprochen, dass er den Lärm reduziert. So konnten sich beide entgegenkommen.
Mediatorin Ingeborg Weiß vermittelt bei Konflikten persönlich oder virtuell. Foto: privat
Einmal haben sie, ebenfalls in der Region Stuttgart, einen Fall rund um einen Tennisverein betreut. Was war da los?
Die Anwohner um den Tennisplatz herum fühlten sich durch den ständigen Lärm und unangenehmes Geschrei belästigt. Trotz mehrfacher Beschwerden beim Vereinsvorstand besserte sich die Situation nicht. In der Mediation, an der der Vereinsvorstand und Anwohnervertreter teilnahmen, kam es zu einem „Outing“.
Inwiefern?
Es stellte sich heraus, dass die Spieler sich oft verbal attackierten und unangenehme Ausdrücke fielen. Die Nachbarn konnten dies mit konkreten Zitaten belegen. Der Wendepunkt war, dass im Vereinsvorstand eine gewisse Scham aufkam, als klar wurde, wie peinlich dieses Verhalten für den Verein war. Diese Erkenntnis führte dazu, dass der Vorstand die Anliegen der Anwohner ernst nahm und auf die Spieler einwirkte.
Hier in Stuttgart ist die Kehrwoche berühmt-berüchtigt. Haben Sie damit als Mediatorin schon Erfahrungen gemacht?
Direkte Berührungspunkte hatte ich bisher keine. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass solche klar definierten, aber potenziell rigiden Regeln ein fruchtbarer Boden für Konflikte sein können, besonders wenn sie nicht von allen Beteiligten gleichermaßen respektiert oder interpretiert werden. Es geht dann weniger um die Regel selbst, sondern um die dahinterliegende Erwartungshaltung und das Gefühl der Ungleichbehandlung oder mangelnden Rücksichtnahme.
Gab es Streitigkeiten, die Sie nicht lösen konnten?
Ja, aber nicht, weil ich sie nicht lösen konnte, sondern weil die Mediation vorzeitig abgebrochen wurde. Das passiert oft, wenn Beteiligte merken, dass sie ihren Ansatz nicht hundertprozentig durchbekommen. Besonders narzisstische Personen tun sich damit schwer, da die Mediation auf Konsens abzielt und nicht auf Durchsetzung der eigenen Position. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich eine Mediation beenden musste, weil eine Person so extrem und überdreht war, dass sie eine konstruktive Lösung unmöglich machte.
Welche psychologischen Aspekte stecken hinter Nachbarschaftsstreitigkeiten?
Es geht selten nur um den zu hohen Zaun oder den bellenden Hund. Dahinter stecken Aspekte wie verletzte Privatsphäre oder Autonomie. Auch mangelnde Kommunikation und Missverständnisse sind häufig. Manchmal werden eigene Unzufriedenheiten auf den Nachbarn projiziert. Manchmal geht es um Machtkämpfe und Statusfragen oder schlicht um unterschiedliche Lebensstile und Werte: Was für den einen normal ist, kann für den anderen eine Zumutung sein. Gelegentlich gibt es auch Menschen mit psychischen Problemen, deren Verhalten vom Gegenüber missverstanden wird, zum Beispiel als Faulheit.
Gibt es heutzutage weniger Kommunikation und Interaktion zwischen Nachbarn als noch vor ein paar Jahrzehnten?
Das ist eine Entwicklung, die ich sehr stark beobachte und die schon lange anhält. Man grüßt sich noch im eigenen Garten, aber ein paar Meter weiter auf der Straße schon nicht mehr. Ich habe erlebt, dass Nachbarn, die in unserem Acht-Parteien-Haus wohnten, beim Auszug nur zu uns ins Erdgeschoss kamen, um sich zu verabschieden, weil wir die Einzigen waren, mit denen sie überhaupt interagiert hatten.
Ich glaube, ein großer Faktor ist, dass man Angst hat, andere in die Privatsphäre zu lassen, weil sie schlecht über einen reden oder Kritik üben könnten. Man möchte anonym leben und zum Beispiel beim Mülltrennen nicht auffallen. Fernsehen und Online-Medien tragen extrem dazu bei. Man muss nicht mehr physisch zusammenkommen; man kann jederzeit jede Sendung nachgucken und sich beschallen lassen. Früher hat man sich in Familien viel mehr besucht. Ich habe selbst ein Cousin- und Cousinen-Treffen eingeführt, damit wir uns wenigstens einmal im Jahr sehen.
Haben Sie Tipps für eine harmonische Nachbarschaft?
Kommunikation, Respekt und gegenseitige Rücksichtnahme sind entscheidend. Kennen Sie die Regeln. Seien Sie rücksichtsvoll. Seien Sie offen für Kompromisse. Wertschätzung ist wichtig: Ein freundliches Wort, ein Gruß oder eine kleine Geste der Hilfsbereitschaft können viel bewirken. Und: Respektieren Sie Grenzen. Nicht jeder möchte eine enge Freundschaft mit den Nachbarn – und das ist in Ordnung.
Von der IT zur Mediation
Werdegang Ingeborg Weiß ist Mediatorin und systemische Familienberaterin. Sie studierte zunächst Betriebswirtschaft, war jahrelang in der IT tätig und gründete ein Unternehmen zur Vermietung von Büroräumen, bevor sie sich von 2006 an auf die Mediation konzentrierte. Ihr Schwerpunkt liegt auf Wirtschafts- und Familienmediationen. Seit 14 Jahren vermittelt sie bei Nachbarschaftsstreitigkeiten.
Außenstelle Von ihrem Hauptsitz in Ratingen (Regierungsbezirk Düsseldorf) aus bietet Ingeborg Weiß Online-Mediationen weltweit an. In Stuttgart, Berlin und Hamburg berät sie in Präsenz, in Stuttgart etwa in der Königstraße. (lis)
Weitere Artikel zum Thema Architektur und Wohnen finden Sie hier.