Die Stuttgarterin Stella Wecker hat vier Semester Medizin in Budapest studiert. Jetzt will sie an eine staatliche Uni in Deutschland wechseln – aber das gestaltet sich schwierig. Foto: dpa/privat
Trotz immens hoher Kosten beginnen etwa 2500 junge Menschen jährlich ein Medizinstudium im Ausland. Viele wollen später an eine deutsche Uni wechseln. Doch die Chancen sind gering.
In der Oberstufe nahm in Stella Wecker der Wunsch Gestalt an, Medizin zu studieren. Gründe dafür kann die 23-Jährige viele nennen. „Das Studium ist vielfältig und verbindet Theorie und Praxis. Nach dem Abschluss stehen einem viele Wege offen, man kann sich in alle möglichen Richtungen spezialisieren“, nennt die Stuttgarterin zwei Faktoren. Vor allem aber reize es sie, Menschen auf aller Welt helfen und sie medizinisch versorgen zu können – insbesondere in Ländern, wo der Zugang zur Bildung fehlt.
Doch die Hürden, um ein Medizinstudium an einer staatlichen Universität in Deutschland beginnen zu können, sind extrem hoch. In vielen Fällen braucht man dafür ein sehr gutes Abitur, am besten mit der Traumnote 1,0.
In Deutschland kann man an 39 staatlichen Hochschulen Medizin studieren. Hinzu kommt eine Handvoll privater Unis. Die Humanmedizin ist bundesweit einer der begehrtesten Studiengänge. Auf die insgesamt 12.100 staatlichen Studienplätze jährlich bewerben sich zum Wintersemester etwa 32.000, zum Sommersemester 12.000 junge Menschen. Darunter seien auch Doppelbewerbungen, aber im Grunde könne man von drei- bis viermal so vielen Bewerbenden wie Plätzen ausgehen, sagt Frank Wissing. Er ist der Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentags.
Hartes Auswahlverfahren für Humanmedizin-Studium
Die Folge ist ein hartes Auswahlverfahren. Etwa 20 Prozent der Erstsemester-Plätze werden über Vorabquoten vergeben, zum Beispiel an ausländische Bewerber oder solche, die sich verpflichten, nach dem Abschluss für eine bestimmte Zeit auf dem Land als Hausarzt tätig zu sein. Die dann verbleibenden Studienplätze werden wieder auf 100 Prozent gesetzt. Dabei gilt:
30 Prozent werden allein über die Abiturnote vergeben.
10 Prozent werden über die zusätzliche Eignungsquote vergeben. Dabei zählen vor allem Berufserfahrung und der Medizinertest.
60 Prozent werden über Auswahlverfahren der Hochschule vergeben. Bei diesen spielen neben Auswahlgesprächen oft auch der Abischnitt, der Medizinertest und Berufserfahrung eine wesentliche Rolle.
Stella Wecker machte mit einem Schnitt von 2,0 einen soliden Abschluss. Aber für ein Medizinstudium in Deutschland war er nicht gut genug. Im Medizinertest habe sie zwar sehr gut abgeschnitten, gereicht habe es trotzdem nicht. Um ihren Traum weiter leben zu können, ging sie an die private Semmelweis-Universität in Budapest. Das Studium dort sei hart, härter als an vielen anderen Unis, sagt Stella Wecker. In jedem Fall ist es teuer. Pro Jahr werden mehr als 18.000 Euro allein an Studiengebühren fällig.
Das ist ein Grund, warum sie nun an eine deutsche Universität wechseln möchte. Vier Semester lang studierte sie in Ungarn und schloss die sogenannte Vorklinik mit dem ersten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung, dem Physikum, ab. In den nachfolgenden Semestern, der sogenannten Klinik, geht es um die praktische Ausbildung in Vorlesungen, Kursen und Praktika. Dafür sind gute Grundkenntnisse in der Landessprache notwendig. Stella Wecker spricht ein paar Brocken Ungarisch, aber die reichen nicht aus.
Wegen der hohen Zugangsbarrieren weichen viele Studienbeginner aufs Ausland aus. Jährlich seien das etwa 2500 junge Menschen, sagt Frank Wissing. Wer dann, zum Beispiel nach dem Physikum, zurück nach Deutschland möchte, muss sich regulär bewerben. Das Problem aus Sicht der Wechselwilligen ist, dass es nur wenige freie Plätze gibt. Denn die meisten Studierenden, die einen der begehrten Plätze an einer staatlichen Medizinfakultät in Deutschland bekommen, ziehen ihr Studium durch. Es gebe nur wenige Abbrecher, sagt Frank Wissing. Schließlich werde schon vor Beginn des Studiums anhand harter Kriterien sortiert, wer potenziell geeignet ist und wer eher nicht.
An mehr als 30 Unis hat sie sich beworben – ohne Erfolg
Stella Wecker war fest davon ausgegangen, nach dem Physikum an eine staatliche Universität in Deutschland wechseln zu können. Es habe immer geheißen, dass das gar kein Problem sei. Man könne sich dann vielleicht nicht die Stadt aussuchen, aber irgendwo komme man immer unter, erinnert sie sich. Für das Wintersemester 2025/2026 bewarb sich Stella Wecker an mehr als 30 Universitäten – ohne Erfolg. Für das demnächst beginnende Sommersemester reichte sie ihre Unterlagen erneut an allen möglichen Unis ein, doch es sieht schlecht aus.
Was Studienplatzwechsler in höheren Semestern betrifft, entscheiden die Universitäten selbst, wie viele und nach welchen Kriterien sie diese aufnehmen. Einige ziehen dafür wieder den Abischnitt heran. Da hat Stella Wecker mit ihrer Abschlussnote von 2,0 nach wie vor keine Chance. Andere vergeben ihre Plätze nach der erreichten Punktzahl im Physikum. Viele bemühen einfach ein Zufallsverfahren. „Dann ist es reine Glückssache“, sagt Stella Wecker.
Dienstleister unterstützen gegen Geld beim Bewerbungsprozess
Karl-Ferdinand Seehawer hat daraus ein Geschäftsmodell entwickelt. Mit seinem Start-Up „Dein Studienplatz-Wechsel“ bietet er jungen Menschen an, ihre Bewerbungen auf höhere Fachsemester in Medizin oder Zahnmedizin an einer staatlichen Uni in Deutschland zusammenzustellen und einzureichen. Zum ersten Mal übernahm er diesen Prozess für seine Freundin, dann folgten weitere Bewerbungen für Bekannte, bevor ein Unternehmen daraus entstand. Aus dieser persönlichen Erfahrung heraus weiß Karl-Ferdinand Seehawer, wie emotional und auch finanziell belastend es für die jungen Menschen ist, wenn ihr Plan, den Studienplatz zu wechseln, nicht aufgeht – und wie viele Frauen und Männer betroffen sind.
„Wer die Rückbewerbungen nach Deutschland selber machen möchte, muss sich einzeln an den Unis bewerben. Jede hat ihr eigenes Verfahren, es gibt verschiedene Anforderungen und unterschiedliche Regularien“, sagt Karl-Ferdinand Seehawer. Der Prozess dauere und sei nervenaufreibend. „Auch wir können keine Studienplätze vermitteln“, sagt Karl-Ferdinand Seehawer. Aber wer „Dein Studienplatz-Wechsel“ nutze, spare Zeit und erhöhe seine Chancen. „Wir kennen die Bewerbungsverfahren. Somit kennen wir auch die möglichen Fallstricke. Wir wissen, wie wir die Formulare ausfüllen müssen und welche Unterlagen von welcher Universität verlangt werden“, führt Seehawer aus.
Solche Dienstleistungen, die auch von anderen Unternehmen angeboten werden, kosten. Bei „Dein Studienplatz-Wechsel“ zahlen Kundinnen und Kunden durchschnittlich 1400 Euro. In den vergangenen beiden Jahren haben Karl-Ferdinand Seehawer und sein Team 1007 Studierende bei ihrem Studienplatzwechsel unterstützt und insgesamt rund 31.000 Bewerbungen an verschiedenen Unis eingereicht. 572 Kundinnen und Kunden konnten schließlich ihr Studium an einer deutschen Uni fortsetzen.
„Das ist immer ein sehr schöner Moment, wenn wir anrufen um zu sagen, dass es mit dem Studienplatzwechsel geklappt hat. Viele brechen dann in Tränen aus“, sagt Seehawer. Er rät Studierenden dazu, sich möglichst früh um einen Studienplatzwechsel zu kümmern. Denn nach dem Physikum würden das viele versuchen, dann seien die Chancen noch schlechter.
Frank Wissing ist der Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentags. Foto: Medizinischer Fakultätentag/Sablotny
Eine Garantie, dass man an eine deutsche Uni wechseln könne, nachdem man sein Studium im Ausland begonnen habe, gebe es nicht, stellt Frank Wissing klar. Im Zweifel müsse man sein Studium dann im Ausland auch beenden. Wer innerhalb der Europäischen Union seinen Abschluss mache, bekomme diesen in Deutschland anerkannt. Bei Drittstaaten hingegen könne das schwierig werden.
Bis vor rund zehn Jahren sei die Situation noch etwas besser gewesen. Doch dann seien immer mehr private Universitäten gegründet worden – nicht nur im Ausland, sondern auch im Inland. Viele Studierende würden wegen der hohen Kosten nach einer gewissen Zeit an eine staatliche Uni wechseln wollen, was die Nachfrage in den höheren Semestern in die Höhe getrieben habe.
Braucht es nicht mehr junge Mediziner?
Stella Wecker kann nicht verstehen, warum es in Deutschland nicht mehr Studienplätze für Humanmedizin gibt. Schließlich würden Ärzte vielerorts händeringend gesucht. Frank Wissing erklärt dazu: „Der Ärztemangel ist relativ, es gibt ihn nur regional und sektoral. In manchen Städten und in einigen Fachrichtungen haben wir bereits eine spürbare Überversorgung. Insgesamt hatten wir noch nie so viele Ärzte wie heute, aber es besteht ein Verteilungsproblem.“
Es gebe auch Prognosen, dass sich die Karriereaussichten für Mediziner in einigen Jahren verschlechtern, da sich perspektivisch die Nachfrage nach Ärzten verringern werde, während gleichzeitig so viele Studierende wie nie im In- und Ausland ihre insgesamt 12-jährige Ausbildung starten. „Der Arztberuf ist und bleibt attraktiv. Aber man sollte sich schon überlegen, aus welcher Motivation heraus man heute ein Medizinstudium beginnt“, sagt Frank Wissing.
Stella Wecker hat sich das gut überlegt. Doch nun stecke sie seit sechs Monaten in einer Sackgasse. „Das ist eine ultrabelastende Situation für mich“, erzählt die junge Frau. Zwei Jahre lang habe sie alles gegeben, sich reingehängt, „nur um jetzt nicht weiterstudieren zu können“. Die vielen Absagen seien zermürbend.
Die Stuttgarterin wollte die Zeit sinnvoll nutzen. Im Studium vorgeschrieben sind 120 Tage Famulatur, um die ärztliche Tätigkeit kennenzulernen. Also habe sie verschiedene Praktika absolviert. „Ich dachte, dann muss ich es später nicht in den Semesterferien machen“, sagt sie. Aber die Zeiten werden ihr nun wahrscheinlich nicht anerkannt. Denn für die Famulatur muss man an einer Uni immatrikuliert sein, und das war sie nicht.
Allein mit dem Physikum könne sie nichts anfangen, sagt Stella Wecker. Aktuell laufe es darauf hinaus, dass sie zum nächsten Wintersemenster, also im September, ihr Studium fortsetze. Vermutlich an der privaten Universität in Hamburg – aber dann werden weiterhin hohe Studiengebühren fällig.