Studie zu Aquathermie in Stuttgart Neckar als Riesenquelle fürs Heizen in Stuttgart – Experte erklärt Entdeckung

Der Neckar in Stuttgart ist eine Riesenwärmequelle – theoretisch. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Theoretisch könnte ein Großteil von Stuttgart mit Neckarwärme heizen. Praktisch gibt es Einschränkungen. Damit mehr klappt, hat ein Forscher aus Braunschweig einen Rat für Stuttgart.

Klima & Nachhaltigkeit: Judith A. Sägesser (ana)

Löst der Neckar ein zentrales Problem in Stuttgart? Eine Studie der Technischen Universität Braunschweig zu Flusswasserwärme kommt zu einem Ergebnis, das selbst die Forscher überrascht hat: In den Fließgewässern in Deutschland stecke ein bisher verkanntes Riesenpotenzial.

 

Der Studienautor Christian Seidel hat diese Entdeckung nun bei einer Schwerpunktsitzung des Ausschusses für Klima und Umwelt persönlich in Stuttgart erklärt. Ein Überblick über die zentralen Punkte.

Was haben die Braunschweiger Forscher herausgefunden?

Die Wissenschaftler um Christian Seidel haben für die Fließgewässer in 80 deutschen Großstädten untersucht, welches Wärmepotenzial in ihnen schlummert. Das Ergebnis: Die Forscher haben ausgerechnet, dass die Gewässer in Deutschland 94 Prozent der Raumwärme im Bereich der Niedrigtemperatur decken könnten.

Was bedeutet dieses Ergebnis für Stuttgart?

Auch Stuttgart ist unter den untersuchten Großstädten. Für die schwäbische Landeshauptstadt kommen die Braunschweiger Studienautoren auf das Resultat, dass 82 Prozent des Wärmebedarfs der Haushalte durch Aquathermie aus dem Neckar gedeckt werden könnte.

Die EnBW hat im Kraftwerk in Stuttgart-Münster 2024 eine Großwärmepumpe in Betrieb genommen. Foto: Archiv Lichtgut/Julian Rettig

Was sagen Praktiker aus Stuttgart?

Das theoretische Potenzial bestreitet in Stuttgart niemand – weder die Stadt noch die Stadtwerke noch die EnBW. Sie alle waren bei der Sitzung vertreten. Allerdings gaben sie zu bedenken, dass dieses Potenzial nicht in der angegebenen Größenordnung zu heben sein wird.

Ulf Hummel von den Stadtwerken erklärte dies auch mit einer „kaufmännischen Herausforderung“, dem Mangel an Flächen sowie der fehlenden Strominfrastruktur, die es für den Betrieb solcher Großwärmepumpen brauche.

Marc Jüdes von der EnBW argumentierte, dass sich das bestehende Fernwärmenetz in Stuttgart schwerlich mit der berechneten Aquathermie betreiben ließe. Erstens, weil das vorhandene Netz nicht zwangsläufig zu den möglichen Entnahmestellen passe. Zweitens sei die Infrastruktur zu klein dimensioniert.

Jürgen Görres vom Amt für Umweltschutz wies auch auf die Topografie Stuttgarts hin: Der Neckar liege im Tal, ein großer Teil der Stadt befinde sich auf einer Höhe, auf die man die Wärme aus hydraulischen Gründen nicht transportieren könne.

Links liegen lässt Stuttgart das Thema allerdings nicht. So untersuchen die Stadtwerke Stuttgart aktuell Möglichkeiten im Bereich Untertürkheim/Wangen für drei Quartiere; die EnBW hat außerdem 2024 eine Flusswasser-Wärmepumpe im Kraftwerk Münster in Betrieb genommen.

Würde der Neckar zu stark abkühlen?

Aufgrund des Klimawandels gebe es in deutschen Fließgewässern einen Temperaturanstieg von drei bis vier Grad Celsius, sagte Christian Seidel. Bis 2050 sei mit einem weiteren Grad Celsius zu rechnen, wenn der zu beobachtende Trendverlauf weiter anhält. Zusätzliche Abkühlung sei daher sogar wünschenswert, um das Leben im Fluss auch künftig zu ermöglichen.

Zudem hätten sie herausgefunden, dass sich die Flüsse in ihrem Verlauf rasch wieder aufwärmen, so Seidel. Da würde es dann beispielsweise auch keine Rolle spielen, wenn beispielsweise Esslingen – von Stuttgart aus gesehen flussaufwärts – ebenfalls eine Flusswasser-Wärmepumpe baue. „Es ist für alle genug da“, sagte Seidel.

Sind extrem tiefe Temperaturen ein Problem?

Jürgen Görres vom Amt für Umweltschutz erinnerte an die sehr kalten Tage Mitte Januar dieses Jahres, mit Eisschollen auf dem Neckar. „Es gibt und gab immer wieder Jahre mit tieferen Temperaturen“, sagte er.

„Umweltwärmequellen brauchen immer Redundanzen“, sagte der Wissenschaftler Seidel. Das heißt, Ersatz für sehr kalte Tage im Falle der Flusswärme. „Das ist aber kein Hexenwerk“, so Seidel, und bei Großwärmepumpen technischer Standard. „Als Back-up-Kapazitäten werden hier zum Beispiel Elektroheizkessel, Gaskessel oder Biomasseanlagen vorgehalten und im Erzeugerpark mitintegriert.“

Steht das Potenzial in der Wärmeplanung?

Nein, bisher ist dieses theoretische Potenzial nicht in der Stuttgarter Wärmeplanung abgebildet. Dort findet sich lediglich das aus Sicht der Stadt realistische Potenzial – und das ist um ein Vielfaches kleiner. Sie hatte gemeinsam mit den Stadtwerken Stuttgart dazu eine Studie in Auftrag gegeben.

Einige Stadträte plädierten in der Sitzung dafür, das von den Braunschweigern festgestellte theoretische Potenzial in die kommunale Wärmeplanung aufzunehmen. Ungeachtet der Realisierbarkeit.

Woran sollte Stuttgart nun arbeiten?

„Sie haben eigentlich hervorragende Voraussetzungen“, sagte Christian Seidel im Ausschuss zu Stadträten und Verwaltung. Er nehme aber eine „gewisse Disharmonie“ zwischen Stadt, Stadtwerken und EnBW wahr. Dabei gelte: „Zusammen werden Sie das Problem lösen.“

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