Studieren in Esslingen Warum die Hochschule weg will vom „Lost Place“
Die Hochschule Esslingen sagt der Flandernstraße Adieu. Der Umzug in die Neue Weststadt wird gerade durchgeplant – und hat seine Tücken.
Die Hochschule Esslingen sagt der Flandernstraße Adieu. Der Umzug in die Neue Weststadt wird gerade durchgeplant – und hat seine Tücken.
Umzugsstress steht auf dem Stundenplan der Hochschule Esslingen. Der bisherige Standort an der Flandernstraße wird aufgegeben, der dortige Studienbetrieb in die neue Weststadt verlagert. „Es ist, als ob eine ganze Dorfgemeinschaft umgesiedelt würde“, findet der frisch wiedergewählte Rektor Christof Wolfmaier einen Vergleich. Zum Wintersemester 2026 soll es in der Weststadt losgehen. Geplant wird der Umzug schon jetzt.
Kompakter Koloss oder cooler Campus? Der neue Standort der Hochschule Esslingen in der Weststadt am Rand der Altstadt in Richtung des Stadtteils Mettingen wirkt mächtig, einschüchternd, gigantisch, hochaufragend. Eine gewisse Opulenz im Erscheinungsbild mag auch Christof Wolfmaier nicht abstreiten. Doch die gut 19 000 Quadratmeter Nutzfläche am neuen Standort entsprechen laut dem Rektor in etwa den Ausmaßen an der Flandernstraße.
Bei näherer Betrachtung sei die Opulenz auch gar nicht mehr so opulent. Aufgelockert werde das kubistisch-sperrige Erscheinungsbild durch Inseln, Aufenthaltszonen und Grünflächen in den Innenhöfen, ergänzt Markus Sontheimer, der Vorsitzende des Hochschulrats, und das Umfeld um die großen Gebäude herum müsse erst noch begrünt, hergerichtet und auf Vordermann gebracht werden. Dann werde sich der neue Campus ganz anders präsentieren. Architektonisch sollten die Neubauten laut Christof Wolfmaier zudem an das vorherige Erscheinungsbild und die frühere Nutzung des Areals als Industriestandort erinnern. Diese bauliche Verbindung zur Vergangenheit schlage sich planerisch im Äußeren der Neubauten nieder.
Parkplätze aber sind nicht gerade im Übermaß vorhanden. In der Neuen Weststadt werden laut Rektor 100 gebührenpflichtige Autostellplätze für die etwa 2 500 Studierenden zur Verfügung stehen. Ursprünglich seien 400 Parkplätze geplant gewesen, doch durch Änderungen in der Bauplanung sei ihre Zahl stark dezimiert worden. Christof Wolfmaier sieht darin aber kein Problem. Die neue Weststadt sei gut an das öffentliche Verkehrsnetz angebunden, der Bahnhof und der S-Bahn-Anschluss seien in unmittelbarer Nähe.
Mit der Stadt Esslingen würde gerade noch beraten, wie der Campus Stadtmitte mit der Hochschule in der Weststadt durch einen Radweg verbunden werden könnte. Zudem sei Esslingen mit seinem Einzugsbereich von 50 bis 70 Kilometern eine Pendel-Hochschule: Ein Großteil der Studierenden würden zu Hause bei den Eltern leben und hauptsächlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen.
Trotz massiger Optik und Parkplatzmangel in der Weststadt sagt die Hochschule Esslingen laut ihrem Rektor der Flandernstraße leichten Herzens „Lebewohl“. Die „Betonromantik“ werde niemand vermissen, meint Christof Wolfmaier: „Das Areal da oben droht, ein ,Lost Place’ zu werden.“ Das Studierenden-Quartier sei stark in die Jahre gekommen. Auch die Mensa am alten Standort war nicht mehr nach dem Geschmack vieler Studierender und zeitweise sogar geschlossen gewesen. Sie sei aktuell und wohl auch bis zum Umzug geöffnet, verspricht Wolfmaier. Am alten Standort werde nichts mehr investiert oder baulich verändert – das würde sich angesichts der Kürze der Zeit nicht mehr lohnen. In der Neuen Weststadt würde es eine nagelneue Mensa mit vielen Extras geben.
Der neue Campus werde die Studierenden für alles entschädigen. Etwa 180 Millionen Euro werden in das Hochschul-Quartier gesteckt. Zehn Millionen Euro muss die Bildungseinrichtung aus eigenen Mitteln aufbringen, die restliche Summe bezahlt das Land Baden-Württemberg. Es sei das größte wissenschaftliche Bauprojekt im Bundesland, freut sich Christof Wolfmaier stolz. An Studiengängen, Lehrstoff oder Fachrichtungen werde sich durch den Umzug nichts ändern: „Der Übergang von der Flandernstraße in die Neue Weststadt erfolgt inhaltlich eins zu eins.“ Auch am Standort Göppingen werde nicht gedreht. Mit konstant etwa 1000 Studierende habe er sich stabilisiert, und die Ausrichtung hin auch zur Erforschung von Wasserstoff habe sich bewährt.
Göppingen bleibt, die Flandernstraße nicht. Der Umzug werde aktuell durchgeplant, sagt der Rektor. Ein Umzugsmanager soll die größten organisatorischen Härten mildern. Die leer werdenden Gebäude an der Flandernstraße sollen laut Plänen von Stadt und Gemeinderat zu einem neuen Quartier mit dem Schwerpunkt Wohnen weiterentwickelt werden. Das Sommersemester 2026 werde dort noch wie gewohnt über die Bühne gehen, dann werde die vorlesungsfreie Zeit im Sommer für den Umzug genutzt.
Zum Wintersemester nächsten Jahres soll der Lehrbetrieb in der Neuen Weststadt starten. Ob Studierende die Neubauten dort als einen kompakten Koloss oder coolen Campus empfinden, müssen sie dann selbst entscheiden.
Person
Professor Christof Wolfmaier wurde 1961 in Schorndorf geboren. Er ist gelernter Karosseriebauer und studierter Diplom-Ingenieur mit der Vertiefungsrichtung Karosserie- und Fahrzeugbau. Nach Tätigkeiten in der freien Wirtschaft kam er 1994 an die Hochschule Esslingen. 2004 wurde er zum Dekan für Fahrzeugtechnik, 2019 als Nachfolger von Christian Maercker zum Rektor gewählt.
Wiederwahl
Hochschulrat und Senat haben Rektor Christof Wolfmaier im Juni für weitere sechs Jahre in seinem Amt bestätigt. Seine zweite Amtszeit beginnt am 1. September. Als eines seiner Projekte gibt Wolfmaier die Sanierung von Gebäude Fünf am Campus Stadtmitte und die dortige Einrichtung eines Studierenden-Service-Centers an. Ein weiteres Ziel ist die Sanierung der Bestandsgebäude am Campus Stadtmitte und in Göppingen.
Bauprojekt Der Bau des neuen Hochschulcampus in der Esslinger Weststadt wurde 2020 mit den Tiefbauarbeiten begonnen. Grundsteinlegung war im Dezember 2021. Die Kosten für das Projekt belaufen sich auf gut 180 Millionen Euro.