Stück von Dead Centre am Schauspiel Stuttgart Und aus dem Kind spricht ein sehr alter Mann – Rudolf Steiner

Samuel Santangelo in der Doppelrolle Kind/Rudolf Steiner, Philipp Hauß als Vater. Bei der Uraufführung war Flinn Naunheim in der Doppelrolle zu sehen. Foto: Thomas Aurin

Warum fasziniert die Waldorfpädagogik bis heute? Das versucht das Theaterduo Dead Centre in der bildgewaltigen Uraufführung „Die Erziehung des Rudolf Steiner“ am Schauspiel Stuttgart zu ergründen.

Anthroposophie ist ein schwieriges Wort. Zumindest für ein achtjähriges Kind. „Antho . . . ! An-so-pho-tro . . . ! An-thro-po-so-phie!“, sagt Flinn und zieht an seiner Zigarette, während er in die vor ihm versammelte Menge schaut. Hinter Flinn hängt ein riesiger Spiegel; die Menge, in die Flinn von der Bühne im Stuttgarter Schauspielhaus blickt, starrt aus dem Spiegel auf sich selbst zurück.

 

Später wird der Spiegel durchsichtig und gibt den Blick frei auf Flinns Eltern, die im Wohnzimmer Freunde empfangen, im Schlafzimmer Sex haben und sich streiten. Der Spiegel zeigt aber auch eine Vergangenheit, in der Flinn noch nicht geboren war, in der aber ein Kind namens Rudolf Steiner dem Geist seiner toten Tante begegnete.

Das Kind ist auch ein sehr alter Mann – nämlich Rudolf Steiner

Dem Spiegel kommt eine zentrale Bedeutung zu in der Uraufführung „Die Erziehung des Rudolf Steiner“ vom irischen Regieduo Ben Kidd und Bush Moukarzel, das sich hinter dem Pseudonym Dead Centre verbirgt. Er fungiert als mal opake, mal lichtdurchlässige Schranke zwischen der physischen Welt und der Sphäre der Geister, die Rudolf Steiner gern beschwor. Er dient sowohl als Folie für Projektionen des Videokünstlers Sébastien Dupouey als auch als Tor zwischen Flinns Gegenwart und Rudolf Steiners Vergangenheit.

Der Kinderdarsteller Flinn Naunheim wird an diesem Abend zum Sprachrohr des umstrittenen Schriftstellers und Theosophen, der in Stuttgart die weltweit erste Waldorf-Schule errichtete und damit den Grundstein zu einem bis heute gefragten Erziehungsmodell legte. Die Zigarette, die sich Flinn ansteckt, ist natürlich falsch, aber sie ist ein Symbol für Steiners eigenen Nikotinkonsum und für die Kooperation mit dem Stuttgarter Tabakfabrikanten Emil Molt, dessen Zigarettenmarke „Waldorf-Astoria“ Steiners Schule auf der Uhlandshöhe den Namen gab.

Er will über Erziehung sprechen

In der Fiktion von Ben Kidd und Bush Moukarzel ist Flinn, Sohn eines Mediziners (Philipp Hauß) und einer frustrierten Hausfrau (Therese Dörr), auf Sinnsuche, ein Waldorfschüler. Doch Flinn ist nicht nur ein kleiner Junge, der zuhause ihm unverständliche Verse aus Goethes „Faust“ fürs Klassenspiel paukt, er sei auch ein „sehr alter Mann“, aber „jung im Herzen“, wie er beteuert. Dieser sehr alte Mann ist Rudolf Steiner selbst, der aus dem Kind spricht, es über die gut 90 Minuten Spielzeit wie eine Marionette lenkt und mit ihm Zwiesprache hält.

Philipp Hauß (Vater), Therese Dörr (Mutter), Reinhard Mahlberg (Kind / Rudolf Steiner, re.)

Erstaunlich, wie souverän Flinn Naunheim die Textmasse und das komplizierte Bühnenvexierspiel meistert, wobei er die meiste Zeit seine erwachsenen Bühnenkollegen anspielen muss, obwohl er sie nicht sehen kann, weil sie durch den Spiegel von ihm getrennt, in seinem Rücken agieren. Als Rudolf Steiner wirkt Flinn lustig altklug. „Da ihr ins Theater gekommen seid, um etwas zu lernen, wird euch vielleicht nicht überraschen, worüber ich sprechen will: Erziehung. Und es schien mir hilfreich, ein echtes Kind auf die Bühne zu holen, um meine Ideen zu demonstrieren“, sagt Steiner als Flinn. Steiners Ideen zu Kindern sind allerdings nicht wirklich fortschrittlich, weil er sie nicht als Individuen versteht, sondern als reinkarnierte Seelen, verdammt dazu, immer wieder aufs Neue in einen „physischen Leib“ geboren zu werden. Dass Flinn den von Steiner verehrten Goethe auswendig plappert, ohne ihn zu begreifen, mag man drollig finden. Viele Erwachsene könnten ihn auch nicht verstehen, kontert Steiner durch Flinn. Dass die Waldorfpädagogik aber mit ihrem sturen Diktum von den sogenannten Jahrsiebten autoritär über die Bedürfnisse jüngerer Kinder hinweg bügelt und sie zu Automaten degradiert, wollen ihre Anhänger nicht wahrhaben.

In der vor allem ästhetisch reizvollen und anspielungsreichen Inszenierung von Dead Centre sind solche kritischen Perspektiven auf Steiners Erziehungsmodell zwar enthalten, das Publikum muss sie aber sehen und entschlüsseln wollen. Neben dem süffisanten Humor, der besonders in einer längeren Szene zwischen Flinns Eltern und deren von Steiners Ideologie beseelten Gästen (Mina Pecik, Felix Strobel) aufscheint, in der die vier nach dem Genuss von Cannabis ihre Namen tanzen, kommt besonders die Faszination von Steiners düsterer Esoterik zum Vorschein, der die Theatermacher ein Stück weit erliegen.

Anthroposophie als schillerndes Konstrukt

Da erscheinen vor Goethes brennendem Wald aus „Faust II“ die unheimlich vermummten alten Seelen mit bibberndem Gesang; „Death is not the End“, was man durchaus als Drohung verstehen kann. Und Reinhard Mahlberg wünscht sich in Flinns Kinderkleidern verzweifelt, niemals geboren worden zu sein. Die rassistischen Elemente und die Gefahren der Weltabgewandtheit von Steiners Esoterik werden in der Inszenierung nur en passant kritisch gewürdigt. So bleibt die Anthroposophie auch hier ein seltsames, verführerisch schillerndes Konstrukt.

Die Erziehung des Rudolf Steiner: Vorstellungen am 14., 24., 27. Oktober, 9., 7., 23. November sowie am 10., 12. Dezember, Schauspielhaus Stuttgart.

Rudolf Steiner gestern und heute

Pädagogik
1919 eröffnet Rudolf Steiner seine erste Schule auf der Stuttgarter Uhlandshöhe, zunächst als Betriebsschule für die Kinder der Waldorf-Astoria-Fabrikarbeiter. Die Pädagogik fußt auf drei Grundsätzen: Freiheit der Kultur, Gleichheit in der politischen Gemeinschaft und Brüderlichkeit im wirtschaftlichen Leben. Ein Kritikpunkt heute: Waldorfschulen ziehen besonders „bildungsaktive“ Eltern an, die sich eine private Beschulung ihrer Kinder leisten können. Somit tragen sie zur Ausbildung einer elitären Bildungsschicht bei.

Kritik
Auch werden Peter Steiners Vorstellungen von Karma und der Entwicklung des Menschen in Sieben-Jahres-Zyklen kritisiert. Der Erziehungswissenschaftler Thomas Hopman moniert, dass sich Kinder einem irrationalen Konzept unterordnen müssen und Waldorf-Pädagogen als „geliebte Autoritäten“ agieren.

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