Rebstöcke reichen bis ins Stadtzentrum hinein: Die Geschichte Stuttgarts ist auch eine Geschichte des Weinbaus. Am Donnerstag startet das 49. Weindorf. Ein Blick zurück.
Stuttgart und der Wein – das ist eine Geschichte, die weit älter ist als die Stadt selbst. Manche Historiker behaupten sogar, der Name „Stuttgart“ stamme nicht von einem Pferdegestüt ab, sondern vom „Stockgarten“, also vom Weinstock. Ein Chronist des Mittelalters notierte: „Wenn man in Stuttgart nicht einsammelte den Wein, würde die Stadt bald in Wein ersäufet sein.“ Tatsächlich war es nicht die Pferdezucht, sondern der Weinbau, der die Stadt reich machte.
Stuttgart – Die Stadt als Weinberg
Noch im Mittelalter waren die Hänge rings um das Stuttgarter Tal fast vollständig mit Reben bedeckt. Wo heute Villen mit Panorama-Aussicht stehen, wuchs einst der Trollinger. Bis ins 19. Jahrhundert waren die Erträge rund zehnmal höher als heute. Dann brachten Industrialisierung, Reblaus und Pilzkrankheiten den Niedergang. Bier und Most verdrängten zunehmend den Wein vom Alltagstisch.
Und doch ist Stuttgart bis heute einzigartig unter den deutschen Großstädten: Die Reben reichen noch immer bis ins Herz der Stadt – vom Hauptbahnhof die Hänge hinauf über die Weinsteige. Und dies kann beim 49. Stuttgarter Weindorf erneut gefeiert werden, das in diesem Jahr 17 Tage dauert.
Stuttgarter Wein-Geschicghte: Vom Römerwein bis zur City-Besenwirtschaft
Die ersten Rebstöcke sollen die Römer ins Neckartal gebracht haben. Mit dem, was sie einschenkten, könnten heutige Weinfreunde allerdings wenig anfangen: gepanscht, verdünnt, gesüßt, gewürzt und mit Olivenöl abgedichtet. Genuss sieht anders aus.
Dennoch blieb der Wein über die Jahrhunderte Stuttgarts Lebensader. 1976 wagte der damalige ADAC-Pressesprecher Erich Brodbeck ein Experiment: Mitten in der City rief er ein neues Fest aus. DIe Zeitungen schrieben von der „Besenwirtschaft auf dem Marktplatz“. Die Gäste beklagten zwar das „Remmidemmi“, aber die Idee war geboren.
Eine direkte Fortsetzung gab es jedoch nicht: 1977 fiel das Weinfest aus. Der ADAC erkannte, dass Weintrinken und Autofahren nicht so zusammenpassen.
Das Stuttgarter Weindorf entsteht
Erst 1978 griff der städtische Verkehrsdirektor Peer-Uli Faerber den Gedanken wieder auf. Gemeinsam mit dem Bürgerverein Pro Stuttgart entstand das Stuttgarter Weindorf – mit eigens entworfenen Holzlauben nach dem Vorbild schwäbischer Wengerterhäuschen. 6000 D-Mark kostete eine Laube, was manchen Winzer zunächst schlucken ließ. Doch der Erfolg gab den Initiatoren recht: Stuttgart hatte ein Fest, das die Innenstadt jedes Spätsommer belebt.
Seitdem gilt: Auf dem Weindorf werden nur schwäbische Spezialitäten serviert, dazu ausschließlich Wein von hier. Französische, italienische oder spanische Tropfen sind tabu. Aperol Spritz allerdings darf sein. Auch beim Thema Musik behielten die Traditionalisten die Oberhand: Verstärker sind nur geduldet, wenn es nicht zu laut wird.
Stuttgarter Weindorf: Im nächsten Jahr wird der 50. Geburtstag gefeiert
Lange stritt man über die richtige Zählweise: Brodbeck wollte sein Fest von 1976 als erste Ausgabe verstanden wissen, Pro Stuttgart begann die Rechnung mit 1978. Heute zählt man nach Brodbecks Methode: 2026 feiert das Weindorf seinen 50. Geburtstag.
Das Fest ist längst generationsübergreifend ein Magnet. Weisheiten wie „Es gibt weder halb volle noch halb leere Gläser – Hauptsache, der Wein hat den vollen Geschmack“ oder „Der beste Wein ist immer der, den man mit Freunden trinkt“ beschreiben, warum es so erfolgreich ist: Es geht nicht nur um den Wein, sondern auch um Geselligkeit.
Stuttgart – ein Weindorf im Herzen der Stadt
So ist Stuttgart, trotz aller Industrialisierung und Urbanität, bis heute ein „Weindorf“. Einmal im Jahr zeigt sich die Stadt von ihrer dörflich-gemütlichen Seite – und ehrt damit eine Tradition, die tiefer reicht als jede Pferdezucht: den Weinbau.
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