Günther Ahner dokumentierte 2002 den Abriss des Kleinen Schlossplatzes, der ein tiefer Einschnitt für die Stadt war. Seine Fotos wecken Erinnerungen an ein verlorenes Stück Stuttgart.
Als Günther Ahner kürzlich sein Fotoarchiv durchsuchte, stieß er auf Dokumente einer stadthistorischen Zäsur, auf ein zutiefst emotionales Ereignis. Im Jahr 2002 ist der Kleine Schlossplatz im Herzen von Stuttgart nach einer wechselvollen Geschichte abgerissen worden, um Platz zu machen für das geplante Kunstmuseum. Mehr als 20 Jahre danach konnte er jetzt spüren, wie ihn das Verschwinden dieses Ortes damals berührte.
Zwar habe er gewusst, dass der Platz abgerissen werden sollte, sagt der Fotodesigner, doch als er das Geschehen miterlebte, „da wurde es mir doch etwas eng ums Herz“. Günther Ahner hat unserem Stuttgart-Album die Aufnahmen vom Abriss anvertraut, auf dass noch mehr Menschen eine Zeitreise erleben können.
„Chillen“ auf der Freitreppe mitten in Stuttgart: Ein Ort voller Erinnerungen
Er sei immer gern die Freitreppe hinaufgegangen, erinnert sich Ahner, „auf der meistens viele Menschen saßen“, um dann ins Mövenpick zu gehen oder im Kartenhäusle ein Ticket für ein Konzert zu kaufen. Manchmal sei man auch einfach dort gewesen, ohne konkretes Ziel. „Etwa nur, um dort zu chillen“, sagt er. Das Wort habe es damals zwar noch nicht gegeben, „aber meine damalige Freundin und ich konnten das trotzdem hervorragend“.
Ein Foto aus seinem Archiv zeigt ihn selbst auf dem Kleinen Schlossplatz, aufgenommen wohl Ende der 1970er Jahre: roter Overall, auf Ibiza gekauft. Für Günther Ahner steht dieses Bild stellvertretend für eine unbeschwerte Zeit – und für einen Ort, der rein optisch vielleicht kein Schmuckstück war, aber ein Stück Heimat. Mit dem Abriss sei für ihn ein Stück vertrautes Stuttgart verloren gegangen, sagt Ahner rückblickend, auch wenn er einräumt, dass der heutige Kunstwürfel „ganz gut gelungen“ sei.
„Ein Stück Stuttgarter Stadtkultur unwiederbringlich zerstört“
Die Fotos aus Ahners Archiv treffen einen Nerv und haben auf der Facebook-Seite des Stuttgart-Albums eine lebhafte Debatte ausgelöst. Der User Stefan etwa schreibt, der Abriss sei ein schwerwiegender Einschnitt für das Stadtzentrum gewesen. Die Treppen seien ein zentraler Treffpunkt gewesen, ein Ort zum Verweilen. „Ein Stück Stuttgarter Stadtkultur wurde hier unwiederbringlich zerstört“, meint er.
Kohn Neuberth erinnert sich an die Leichtigkeit der Zeit: Brunch im Mövenpick, Skaten am Kartenhäusle – „MEGA!“, schreibt er. Marco Prinz dagegen kritisiert den Abriss als Paradebeispiel für städtische Verschandelung. Daniela Schmidt meint, der Platz sei zwar nicht schön gewesen, aber voller Geschichte und Begegnungen.
Debatten um Geschichte und Moderne am Kleinen Schlossplatz
Der Kleine Schlossplatz war immer auch Projektionsfläche für Hoffnungen, Enttäuschungen und immer neue Zukunftsentwürfe. Lange bevor Stuttgart 21 die Stadt polarisierte, entzündeten sich hier Debatten über den richtigen Umgang mit Geschichte und Moderne – mitten im Herzen der Stadt, zwischen Königstraße und Schlossplatz.
Am 2. Dezember 1854 zog Kronprinz Karl mit seiner Frau Olga in das neue Stadtpalais ein, das König Wilhelm I. unweit seines Schlosses hatte errichten lassen. Das fast 80 Meter breite Gebäude beherbergte im Erdgeschoss sieben Zimmer für den Thronfolger, darüber Speise- und Tanzsaal, im dritten Stock die Räume für Hofdamen und Gesinde. Nach dem Ende der Monarchie 1919 wurde das Palais für Ausstellungen genutzt, ehe es im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt wurde.
Stuttgart opfert Kronprinzenpalais für autogerechte Stadt
Obwohl ein Wiederaufbau möglich gewesen wäre, folgte die Stadt dem Zeitgeist der „autogerechten Stadt“. 1963 fiel das Kronprinzenpalais dem Planie-Durchbruch zum Opfer – eine Entscheidung, die Stuttgart eine jahrzehntelang sichtbare Wunde zufügte.
Wandel in Stuttgart: Vom Betonbalkon zur Freitreppe
Über den Verkehrsknotenpunkt legten die Architekten einen Betondeckel, den sie „Stadtbalkon“ nannten. Als der neu gestaltete Kleine Schlossplatz 1968 eröffnet wurde, feierte man ihn als urbanes Zukunftsmodell. Doch die Euphorie hielt nicht lange. Der Platz wurde zum Pflegefall, zum Symbol für Drogen, Schmutz und Tristesse. Begrünungsversuche scheiterten, selbst Efeu wollte auf dem Beton nicht gedeihen.
Mövenpick und Freundschaftsbecher: Erinnerungen an bessere Zeiten
Lichtblicke gab es dennoch: das Mövenpick, der legendäre Freundschaftsbecher, Treffpunkte für Generationen. Mit der Umwandlung der Königstraße in eine Fußgängerzone 1977 verlor der Betondeckel endgültig seinen Sinn.
Erst 1993 brachte die 30 Meter breite Freitreppe neuen Schwung. Sie wurde zum Treffpunkt, zur Bühne für Subkultur, zum Ort des Dazwischenseins. Bars wie Paul’s Boutique im ehemaligen Kartenhäusle prägten eine Zeit, die viele bis heute vermissen.
Kunstmuseum Stuttgart ersetzt Kleinen Schlossplatz: Für viele ein Happy End?
2002 war Schluss. Der Kleine Schlossplatz wurde abgerissen, um Platz für das Kunstmuseum Stuttgart zu schaffen. Für manche bedeutete das ein Happy End nach Jahrzehnten der Provisorien, für andere den endgültigen Verlust eines vertrauten Ortes.
Heute steht dort der gläserne Kunstwürfel, der 2005 eröffnet wurde – hoch gelobt, weithin sichtbar, mehrfach preisgekrönt, kulturell etabliert. Doch die Fotos von Günther Ahner zeigen: Unter dem Museum liegen Erinnerungen, die sich nicht einfach abreißen lassen.
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