Stuttgart bis Leipzig Wie eine Freundschaft auf Distanz funktionieren kann
Judith Pfenning und Lena Schwinger trennen knapp 400 Kilometer. Früher haben sie große Teile ihres Alltags miteinander verbracht. Wie erhalten sie ihre Freundschaft?
Judith Pfenning und Lena Schwinger trennen knapp 400 Kilometer. Früher haben sie große Teile ihres Alltags miteinander verbracht. Wie erhalten sie ihre Freundschaft?
Es gab eine Zeit, da haben Lena Schwinger (24) und Judith Pfenning (27) fast den ganzen Tag miteinander verbracht. Sie frühstücken gemeinsam, sitzen in der Schule nebeneinander, entspannen abends auf derselben grauen Couch im Fernsehraum. Die beiden gehen auf das evangelische Seminar Maulbronn, ein Gymnasium mit integriertem Internat. Dort wohnen sie im selben Zimmer, gehen in dieselbe Klasse, verbringen ihre Freizeit miteinander.
Mittlerweile liegen zwischen den beiden Frauen rund 400 Kilometer Luftlinie. Judith Pfenning wohnt in Leinfelden-Echterdingen, Lena Schwinger in Leipzig. Pfenning arbeitet bei einem Reiseveranstalter, Schwinger studiert in Leipzig Politikwissenschaften und ist Werkstudentin im Bereich Unternehmenskommunikation tätig. Den gemeinsamen Fernsehabenden sind Text- und Sprachnachrichten auf dem Messengerdienst Whatsapp gewichen. Persönlich sehen sich die beiden nur noch ein bis zwei Mal im Jahr. Eine Freundschaft auf Distanz also.
Wie sorgen sie dafür, dass die Beziehung trotzdem eng und vertrauensvoll bleibt? In ihrer Schulzeit ist die Freundschaft zwischen Judith Pfennig und Lena Schwinger vor allem von einem geprägt: Spontanität. Wenn Judith nicht im gemeinsamen Zimmer ist, findet Lena sie bei Klassenkameraden oder in der Küche. Nachdem die Schulzeit vorbei ist, muss sich die Freundschaft zwischen Judith und Lena erst einmal neu justieren. „Ich hatte wirklich Probleme danach, weil wir ja immer miteinander geredet haben“, sagt Lena Schwinger rückblickend. „Es war schwer, die Tiefe, die man durch das Zusammenleben hatte, wieder zu erreichen.“
Auch wenn die Situation von Judith Pfenning und Lena Schwinger durch ihre Zeit im Internat eine besondere ist, sind sie mit ihren Erfahrungen in guter Gesellschaft. „Freundschaften basieren zunächst einmal auf räumlicher Nähe“, sagt der Psychologe Horst Heidbrink von der UI Internationalen Hochschule in Hamburg, der seit Jahrzehnten zu Freundschaftsbeziehungen forscht. „Wir müssen ja, um Freundschaften zu schließen, in der Lage sein, Gemeinsamkeiten zu entdecken.“ In der Schule und im Studium sei das leichter. Ist dieser gemeinsame Abschnitt zu Ende, rückten oft andere Interessen in den Vordergrund. Die bisherige Grundlage der Freundschaft, die gemeinsamen Interessen, ist plötzlich nicht mehr gegeben. Der Nährboden fehlt.
Natürlich heißt das nicht, dass Freundschaften nach der gemeinsamen Zeit im Sande verlaufen müssen – ganz im Gegenteil: Wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass Freunde auch über die Distanz in Kontakt bleiben, hängt laut Heidbrink stark davon ab, wie eng die Beziehung zuvor gewesen ist. „Vertrauen ist eine wichtige Grundlage in Freundschaften“, sagt der Psychologe. „Und das wächst mit den Erfahrungen, die wir gemacht haben.“ Sprich: Je vertrauensvoller die Freundschaft ist, desto größer ist also auch die Chance, dass sie erhalten bleibt.
Und natürlich kann man auch aktiv etwas dafür tun, um sich nicht aus den Augen zu verlieren. Dazu gehört auch, sich öfters beim jeweils anderen zu melden. „Wie häufig das sein muss, kann man aber nicht generell sagen“, erklärt Horst Heidbrink. Da komme es vor allem auf die Bedürfnisse der jeweiligen Personen an – und wie sicher die Beiden sind, dass die Freundschaft auch ohne ständigen Kontakt fortbestehen kann. Oder, in den Worten des Psychologen: Wie sicher die beiden ihre Bindung einschätzen. „Das kommt auch darauf an, ob wir in der Kindheit die Erfahrung gemacht haben, dass unsere Bezugspersonen verlässlich und verfügbar sind.“ Kann man sich hingegen sicher sein, dass man seiner Freundin weiterhin wichtig ist, dann ist es kein Problem, wenn diese sich mehrere Wochen lang nicht meldet.
Sich in Sachen Kontaktpflege gegenseitig unter Druck zu setzen, sei laut Heidbrink hingegen nicht hilfreich. Stattdessen könne man sich überlegen: „Was sind eigentlich unsere Gemeinsamkeiten? Was haben wir bisher vor Ort zusammen gemacht?“ Gerade für Freunde, die ihre Zeit besonders mit gemeinsamen Aktivitäten verbracht haben – wer etwa zusammen Sport getrieben hat – sei das wichtig, sich aktiv darüber auszutauschen, welche gemeinsamen Interessen es sonst noch gibt.
Wenn Lena Schwinger und Judith Pfenning sich heute wieder treffen, dann planen sie nicht im Voraus, was sie machen. „Treffpunkt und Uhrzeit sind oft das Einzige, was geplant ist“, sagt Judith Pfenning. Was aber beiden wichtig ist: „Wir schauen, dass wir einen Raum finden, in dem wir uns in Ruhe unterhalten können, und die Zeit haben, die wir brauchen“, sagt Lena. Weil sich die beiden in ihrer Schulzeit so oft und auch spontan gesehen haben, sei ihre Freundschaft nie stressig gewesen. Das wollen sie auch exakt so beibehalten – und einfach eine gute Zeit gemeinsam verbringen . „Wenn wir jetzt miteinander reden, ist es immer noch wie damals“, sagt Judith und muss lachen. „Wie ein Wasserfall.“