Die Gewerkschaft Verdi macht früh Druck in der Lohntarifrunde des Einzelhandels – auch im Großraum Stuttgart. Andernorts legen die Arbeitgeber schon ihre Angebote vor.
Eine der großen Tarifrunden des Jahres, die Verhandlungen im Einzelhandel, nimmt rasch Fahrt auf. Die Gewerkschaft Verdi ruft – noch vor der zweiten Verhandlungsrunde – für diesen Freitag in etlichen Städten des Landes zu ganztägigen Warnstreiks im Einzel- und Versandhandel auf.
Beteiligen können sich Beschäftigte aus Stuttgart und Umgebung, Heilbronn, Schwäbisch Hall sowie im Bereich Neckar-Fils Angestellte in Esslingen, Göppingen, Reutlingen und Tübingen. Die Arbeitsniederlegungen sollen unter anderem die Unternehmen Kaufland, H&M, Ikea, OBI, Primark und Zara treffen. Dort ist die Gewerkschaft – anders als sonst im Einzelhandel – noch relativ gut organisiert. In Stuttgart ist am Vormittag eine Demonstration mit anschließender Kundgebung auf dem Schlossplatz geplant.
9,3 Prozent mehr im Verkäuferstandardlohn gefordert
Die Tarifrunde für fast 500 000 Beschäftigte im Einzel- und Versandhandel hatte am 24. April begonnen. Verdi begründet die ersten Aktionen mit dem Verhalten der Arbeitgeber im Land, die ein Angebot bisher schuldig geblieben seien. „Die Beschäftigten erwarten eine baldige Entgelterhöhung“, drängt Verhandlungsführer Wolfgang Krüger. „Jede weitere Verzögerung durch die Arbeitgeber erhöht den Unmut in den Betrieben.“ Auch in den nächsten Tagen und Wochen sei mit Warnstreiks zu rechnen. Die zweite Verhandlungsrunde folgt am 8. Juni.
Verdi verhandelt bundesweit in den Landesbezirken über höhere Gehälter; vielerorts kommt es nun zu Warnstreiks – auch in Frankfurt, Hamburg und Dortmund. Im Südwesten werden 300 Euro höhere Monatsgehälter gefordert. Dieser Festbetrag würde die tarifgebundenen Lohnkosten um ca. zehn Prozent nach oben treiben, kontert der Handelsverband. Damit liege die Forderung im Bundesvergleich deutlich über anderen Tarifgebieten – sie entspräche 9,3 Prozent mehr im Verkäufereckgehalt und fast 14 Prozent mehr im Einstiegsgehalt. Verdi verweist zur Begründung auf gestiegene Lebenshaltungskosten, speziell nach dem Energiepreisschock. Dieser Faktor belaste aber auch die Unternehmen sehr, erwidert die Gegenseite – viele Betriebe kämpften schon jetzt mit erheblich gestiegenen Kosten.
„Verdi gefährdet Unternehmen und Arbeitsplätze“
Philip Merten, Vorsitzender der Arbeitgeber-Tarifkommission im Land, dringt auf einen Kompromiss, der von allen Handelsunternehmen erwirtschaftet werden könne. „Die Forderungen erscheinen uns abgehoben und so weit von der Realität im Handel entfernt, dass sie nicht als Basis für den Einstieg in konstruktive Gespräche taugen“, betonte er nach dem Auftakt. „In der aktuellen wirtschaftlichen Lage und angesichts trüber Aussichten gefährdet Verdi Unternehmen und Arbeitsplätze“, ergänzte die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands, Sabine Hagmann. Viele Wirtschaftszweige bauten massiv Stellen ab, was weitere negative Folgen für den Konsum und die Umsätze der Handelsunternehmen haben werde.
In Hamburg und NRW gibt es erste Angebote der Arbeitgeber
In Hamburg und Nordrhein-Westfalen haben die Arbeitgeber schon Angebote vorgelegt – „Unverschämtheiten“, wie Verdi-Bundesvorstandsmitglied Silke Zimmer kritisiert. „3,5 Prozent bei einer Laufzeit von 24 Monaten, das gleicht nicht einmal die Inflation aus und hilft bei den akuten Preissteigerungen nicht.“ Konkret stellen die Arbeitgeber eine sechsmonatige Nullrunde und ein Entgeltplus von 2,0 Prozent zum 1. November 2026 plus eine zweite Stufe von 1,5 Prozent zum 1. August 2027 in Aussicht.
Vor fast genau zwei Jahren hatten Verdi und der Handelsverband nach mehr als 14 Monaten Dauer eine der längsten und härtesten Tarifrunden in der Branche beigelegt – mit Tarifsteigerungen von bis zu 15,6 Prozent in den unteren Entgeltgruppen.