Die Stadt, die sich jahrzehntelang auf den Glanz des Sterns und den Sound der Motoren verlassen konnte, steht vor einer Zeitenwende. Die Hiobsbotschaften aus den Konzernzentralen reißen nicht ab: Sparprogramme, Werksschließungen, Stellenabbau, Abfindungsprogramme. Was früher als Garant für Wohlstand galt, wird nun zur Achillesferse der ganzen Region.
Und die Krise trifft nicht nur die Unternehmen. In der Region Stuttgart mit dem Epizentrum Landeshauptstadt sind die grundstürzenden Erschütterungen der Wirtschaft 2025 mit Macht spürbar geworden. 2023 jubelte Stuttgart über 1,6 Milliarden Euro Gewerbesteuer, 2024 waren es noch 1,3 Milliarden. 2025 werden es vielleicht noch 850 Millionen sein, gleichzeitig müssen 120 Millionen Vorauszahlungen zurücküberwiesen werden. Quasi über Nacht hat sich die wichtigste Einnahmequelle halbiert.
Stuttgart kämpft mit Milliarden-Defizit und steigenden Schulden
Dazu wälzen Bund und Land Aufgaben ab, ohne eine ausreichende Finanzierung zu liefern. Die reiche Stadt Stuttgart hat jetzt ein Liquiditätsproblem, sie wird bereits in diesem Haushaltsjahr ein Defizit von 785 Millionen Euro ausweisen. Jeden Tag gibt sie 2,15 Millionen mehr aus, als sie einnimmt, und der Doppeletat 2026/2027 zeigt weiter tiefrote Zahlen. Den Städten in der Region Stuttgart ergeht es nicht anders: In Esslingen soll sich der Schuldenstand bis 2027 verdoppeln, in Göppingen verfünffachen.
Mercedes, Porsche und Bosch reagieren auf die Krise, wie man es von ihnen erwarten darf
Innerhalb eines Jahres hat die deutsche Autoindustrie rund 51 500 Arbeitsplätze verloren – fast sieben Prozent des Sektors. Branchenbeobachter sprechen von einem „perfekten Sturm“ aus schwacher Nachfrage, insbesondere bei der E-Mobilität, Zöllen und schärferem Wettbewerb, vor allem befeuert von der Konkurrenz aus China. Mercedes-Benz, Porsche und Bosch – die großen Arbeitgeber in der Region Stuttgart – trifft diese Krise ins Mark.
Die Reaktion? „So, wie man es von wirtschaftlichen denkenden Unternehmen erwarten darf“, sagt Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Center Automotive Research in Bochum. Bosch kündigte an, mehr als 13 000 Stellen in Deutschland zu streichen, die meisten davon wohl in der Region Stuttgart. Mercedes will bis 2027 jährlich fünf Milliarden Euro einsparen, unter anderem gibt es ein Abfindungsprogramm, und die Produktion wandert teilweise ins Ausland ab – in Länder wie beispielsweise Ungarn, in denen günstiger produziert wird. Porsche hat bereits 1000 befristete Verträge auslaufen lassen und will 1900 Stellen bis 2029 streichen. Über weitere Sparmaßnahmen ringen derzeit Betriebsrat mit Geschäftsführung. Jede vierte Stelle soll demnach auf dem Spiel stehen. „2025 ist ein Jahr zum Vergessen“, konstatiert Dudenhöffer.
Autoexperte hält 20.000 Autoindustrie-Jobs in Baden-Würrtemberg für gefährdet
Die Frage lautet: Wie geht es weiter? Für das neue Jahr rechnet Dudenhöffer mit rund 20 000 Arbeitsplatzverlusten in Baden‑Württemberg – als Effekt der bereits angekündigter Programme, die zeitverzögert durchschlagen. Ältere Semester erinnern sich an die Mitte der 1990er-Jahre, als man in Stuttgart rund 35 000 Stellen im produzierenden Gewerbe und 8900 im Dienstleistungsbereich verlor, während die Region rundum sogar mehr Beschäftigung im Dienstleistungssektor generierte. 1997 erreichte die Arbeitslosenquote in Stuttgart 10,2 Prozent. Heute steht sie, gedämpft durch Vorruhestandsprogramme, bei 6,8 Prozent.
Wohlgemerkt: Dieser Stellenabbau wird bei den großen Konzernen in der Regel freiwillig und sozialverträglich vonstatten gehen, weil die Belegschaft bis dahin durch Jobsicherungsprogramme vor betriebsbedingten Kündigungen weitgehend geschützt sind. Dennoch: Arbeitsplätze, die wegfallen, betreffen im besonderen Maße auch junge Menschen, die ins Berufsleben einsteigen wollen. Bereits im Vorjahr ist die Zahl der externen Stellenausschreibungen in der baden-württembergischen Autoindustrie um bis zu 51 Prozent gesunken.
Menschen im Land sind besorgt
Mehr als jeder Zweite im Land macht sich laut einer Umfrage Sorgen um den Automobilstandort Baden-Württemberg. 57 Prozent der Befragten beunruhigt die Lage der hiesigen Automobilindustrie stark oder sehr stark, wie eine Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der baden-württembergischen Zeitungsverlage ergab. Kein Wunder, ist diese Industrie in Stuttgart die tragende Säule des Haushalts.
Rund 43 Prozent aller Gewerbesteuereinnahmen kamen aus diesem Sektor. Banken, Beratung und Dienstleistung sowie Informationstechnologie folgen mit weitem Abstand. Die große Abhängigkeit von der Autoindustrie war viele Jahre kein Problem, an jedem in die USA oder nach China exportierten Luxuswagen verdiente die Stadt mit. Nun leidet sie mit. Das Tafelsilber hat Stuttgart längst verscherbelt. Nun wird gekürzt, verschoben und gestrichen. Gleichzeitig steigt der gesellschaftliche Druck: Kulturschaffende demonstrieren, Wohlfahrtsverbände schreiben Brandbriefe. Keine Institution will, dass an ihr gespart wird.
Stuttgart kürzt und streicht – das gefällt nicht jedem
„Die Unternehmen können Deutschland nicht retten, sie müssen für sich entscheiden, was für das Unternehmen richtig ist – und deshalb gehen sie ins Ausland“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Dudenhöffer. Deutschland habe de facto sehr viel höhere Lohnkosten und schlechtere Wettbewerbsbedingungen als beispielsweise Ungarn, China oder auch die USA. Dudenhöffer fordert darum einen Perspektivwechsel: „Stuttgart muss effizienter werden und Großprojekte managen wie ein Unternehmen.“ Dadurch würden sich seiner Ansicht nach auch Kosten sparen lassen.
Stuttgart hofft auf positive Wende bis 2030
Im Rathaus sieht man im Dunkeln auch Lichtschimmer. Der massive Arbeitsplatzabbau werde rasch zu positiven Bilanzen führen, dann fließe wieder deutlich mehr Gewerbesteuer, und der Bund werde die Kommunen nicht weiter hängenlassen, das ist die Hoffnung. Bis spätestens 2030 will man die Haushaltskrise bewältigt haben.
Auch Dudenhöffer sieht „Sonne am Horizont“, gerade für Mercedes. Etwa durch die teilweise Abkehr der puren Luxusstrategie. Das müsse aber nicht heißen, dass das der Stadt zugute komme, die ihren bisherigen Wohlstand auch dem Unternehmen zu verdanken hat. Die alte Gleichung „Geht es den Konzernen gut, geht es Stuttgart gut“ müsse nicht für die Zukunft gelten. „Wenn eine Fabrik in Ungarn gebaut ist und dort dem Unternehmen Kosten spart, kommt sie nicht mehr nach Stuttgart zurück.“ Zumindest die Arbeitsplätze seien verloren. Und jeder Arbeitsplatz weniger bedeutet einen Verlust an Gewerbesteuer.