Stuttgart im Zweiten Weltkrieg Als Siebenjähriger im zerstörten Stuttgart
Heinz Rittberger (Seifen Lenz) erlebte den Zweiten Weltkrieg in Stuttgart mit. Eindrücklich schildert der Zeitzeuge Erinnerungen an die Angriffe und an das Ende.
Heinz Rittberger (Seifen Lenz) erlebte den Zweiten Weltkrieg in Stuttgart mit. Eindrücklich schildert der Zeitzeuge Erinnerungen an die Angriffe und an das Ende.
Es sind Worte, die sich bei Heinz Rittberger tief eingeprägt haben. Bis heute. „Ich weiß noch, wie Mutti gesagt hat: Der Krieg ist vorbei, aber trotzdem kommt Vati nicht mehr“, erinnert sich der 87-Jährige. Er sitzt in seinem Geburtshaus an der Rosenstraße in der Stuttgarter Innenstadt und beginnt zu erzählen.
Heinz Rittberger ist einer der Zeitzeugen, die den Zweiten Weltkrieg als Kind in Stuttgart erlebt haben. Die grausamen Erfahrungen haben sich bei ihm eingebrannt. Das Ausmaß der Zerstörung, die Albträume vom Fliegeralarm.
Am 8. Mai lag das Kriegsende 80 Jahre zurück. Heinz Rittberger spricht offen und detailliert über das, was er in ganz jungen Jahren erlebt hat. Will man ihn in seiner Heimatstadt antreffen, steuert man zunächst den Seifen Lenz an der Esslinger Straße gleich beim Charlottenplatz an.
Seit 1969 führt er das Drogeriegeschäft im Bohnenviertel, dessen Gründung schon vor bald 240 Jahren – am 2. Juli 1785 – in das Zunftbuch eingetragen wurde. Es wahrt – so will es der Inhaber – den Charme früherer Jahrzehnte. Drogist Heinz Rittberger brennt auch noch im hohen Alter für die Tätigkeit im Laden. Dieser hat einen gewissen Museumscharakter – auch wegen Relikten aus dem Zweiten Weltkrieg, darunter eine kleine Waschmittel-Packung.
Lässt man Kerzen, Seifen und Museumsstücke hinter sich, dann folgt man dem Chef durch den Hinterausgang in die Straßen des Bohnenviertels. Heinz Rittberger – die Brille in der rechten, einen Aktenordner in der linken Hand – fängt mit der Geschichtsstunde an.
Er spricht etwa über den Wagenbauer Wilhelm Wimpff, die einstige Stadtmauer – und die Zerstörung vor mehr als acht Jahrzehnten. „Das ganze Elend hat hier ein Ende genommen. Die ganzen Häuser sind stehengeblieben“, sagt der 87-Jährige und blickt die Rosenstraße hinauf. Er bezieht sich auf die Folgen der Fliegerangriffe im September 1944, die den unteren Teil der Straße getroffen haben. Danach sei dort nur noch ein Trümmerfeld samt Trampelpfad übrig geblieben.
Bereits im Juli 1944 wurde die Leonhardskirche, mit der er bis heute eng verbunden ist, bei einem Luftangriff massiv zerstört. Bis 2019 engagierte sich der Stuttgarter 30 Jahre lang als Kirchengemeinderat, zudem war er ein Initiator des Stadttauben-Projekts. Er war in der Leonhardskirche getauft worden, erlebte sie unzerstört und sah sie später brennen. Überall waren die Trümmer. Die noch immer erkennbaren Einkerbungen an der Fassade seien damals entstanden.
Bei seinem Spaziergang macht Heinz Rittberger unweigerlich auch vor seinem Geburtshaus Halt. In dem Gebäude, das 1858 erbaut worden war und die Angriffe überstand, hat Heinz Rittberger – unter anderem mit seiner Mutter und Oma – nicht nur gelebt, sondern überlebt.
Weil die Großmutter herzkrank war und nicht mehr in den Bunker konnte, blieb die Familie im Gewölbekeller. Wenn, dann sollte es sie alle treffen. „Wir haben die Juli-Angriffe überlebt, schlimmer kann es nicht werden“, erinnert sich Heinz Rittberger, dessen Vater 1942 in Norwegen gefallen ist, an die Gedanken von damals zurück. „Aber es wurde schlimmer.“
Wegen des schweren September-Angriffs 1944 hat er vom Fliegeralarm geträumt: „Man geht in den Keller, Bomben fallen, das Haus stürzt über einem zusammen – und dann bin ich schweißgebadet aufgewacht.“ Bis in die 70er-Jahre habe ihn das „immer wieder verfolgt“.
Seit mehr als 15 Jahren hat der zweifache Vater, der mit seiner Frau Ilse seit 1971 in Ostfildern-Ruit lebt, in seinem Geburtshaus seine Stadtwohnung. Um nicht zu sagen sein Stadtarchiv. Er holt Bilder und Bücher hervor, zitiert alte Textpassagen. Und berichtet von den Wochen im April und Mai 1945, die für den damals Siebenjährigen schwer zu greifen waren.
Am 20. April seien die Franzosen auf den Fildern gewesen und hätten ins Tal geschossen. „Und dann die Ruhe, die Nacht im Keller, weil man sich nicht hochgetraut hat.“ Am nächsten Tag marschierten die Truppen in Stuttgart ein, ehe Oberbürgermeister Karl Strölin, ein Nationalsozialist, die Stadt am 22. April an die französische Armee übergab.
Mit deren Einmarsch und der Besetzung war der Krieg für ihn noch nicht beendet, erinnert sich Heinz Rittberger. Der Stuttgarter denkt auch an die von den einmarschierten Soldaten ausgegangenen Vergewaltigungen sowie an Plünderungen zurück. Und an die Stille, die trügerisch auf ihn gewirkt haben muss. Gefangen in der Unklarheit, was nun folgt. „Man war noch nicht entspannt, man ist noch in den Kleidern ins Bett“, sagt der 87-Jährige. Schließlich wäre man so zügig wieder im Keller gewesen.
Denn es gab ja auch noch den Nachbarn von gegenüber, der ihn verunsichert hat. „Der Führer hat eine Wunderwaffe, der lässt uns nicht im Stich“, habe der Mann gesagt – im verbohrten Glauben an die Nazis.
Der Einsatz einer Wunderwaffe blieb aus, stattdessen kapitulierte die Wehrmacht am 8. Mai 1945 bedingungslos. „Dass wir jetzt 80 Jahre Ruhe vor der Haustür haben, das ist doch ein Geschenk“, sagt Heinz Rittberger, der am 3. Juni 88 wird. Was ihn in der heutigen Zeit beschäftige, seien der Rechtsruck – nicht nur in Deutschland – und Kriege.
Dass die geschenkte Zeit damals angebrochen ist, habe er im Alter von sieben Jahren noch nicht recht verstehen können, als seine Mutter vom Kriegsende sprach. Für ihn sei das erst eingetreten, als er „nicht mehr in den Kleidern, sondern dann im Schlafanzug schlafen durfte“.