Stuttgart im Zweiten Weltkrieg Ausgebombt – und dann?

Retten, was zu retten ist: Helfer und Transportwagen vor einem zerstörten Stuttgarter Wohnhaus 1944. Foto: Stadtarchiv/Screenshot

Die Zerstörungen des Luftkriegs sind gut dokumentiert. Was nach Luftangriffen passierte, ist weit weniger bekannt. In der Stuttgarter „Kriegsfilmchronik“ finden sich seltene Einblicke. Experten und Zeitzeugen ordnen sie ein.

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Der Film aus der im Stadtarchiv verwahrten Kriegsfilmchronik zeigt eine Wohnstraße 1944 irgendwo in der Innenstadt, es schneit. Ein Möbelwagen und viele Helfer stehen vor einem von einer Bombe getroffenen Eckgebäude, eine Außenwand fehlt. Aus der Ruine und den auf der Straße herumliegenden Trümmern wird gerettet, was noch zu retten ist. Doch mindestens fünf Familien haben allein in diesem Haus nach dem alliierten Luftangriff auf Stuttgart ihre Bleibe verloren.

 

Es ist einer der letzten Filme des Bestands vor Einstellung der Dreharbeiten. Er zeigt nicht nur die mannigfach dokumentierten Bombenschäden, sondern auch das, was nach dem Angriff eigentlich passierte.

Alles folgte einem festen Plan. Erst löschten die Feuerwehr, die Anwohner sowie Zwangsarbeiter die Brände oder wurden zum Einsammeln der Leichen eingeteilt, wie etwa die Zeitzeugin Margarete Dörr in ihrem Werk „Wer die Zeit nicht miterlebt hat . . .“ schildert. Reparaturtrupps setzten Strom-, Gas- und Wasserversorgung, soweit möglich, instand und machten Hauptstraßen und Schienen für die Straßenbahnen frei. Die Hitlerjugend dokumentierte die Bombentreffer. Leichen wurden gesammelt und zum Hauptfriedhof gebracht, wenn auch zumindest in Stuttgart nicht in Sammelgräbern bestattet.

Seltene Einblicke in die Stunden nach dem Angriff

Wie aber erging es denen, die nach dem Angriff weiterleben mussten? Das ist weit weniger oft zu sehen. In diesem Film schon: Die nächste Szene zeigt die Bevölkerung – im Wesentlichen Frauen und Kinder – bei der Essensausgabe. Es gibt Butterbrot und Heißgetränke. Zumindest für die, die es noch auf eigenen Beinen dorthin geschafft haben.

Erst die Bomben, dann die Bürokratie – Szene aus einer Notdienststelle Foto: Stadtarchiv/Screenshot

Schnitt, anderer Raum: Die „Fliegergeschädigten“ melden sich in einer von 46 auf ganz Stuttgart verteilten Notdienststellen. Im besagten Video ist die Altenburgschule in Bad Cannstatt zu sehen. Am Tor hängt ein Schild, das zur Essensausgabe („zum Gleich essen“) oder in die improvisierte Amtsstube führt, wo freundliche Mitarbeiterinnen an Schreibmaschinen Abreisebescheinigungen ausstellen – bloß raus aus der Stadt.

Erst Bomben, dann Bürokratie

Erst Bomben, dann Bürokratie – dieses Bild will der Film vermitteln. Alles geht seinen scheinbar gewohnten Gang. Womöglich wurden die Anwesenden angewiesen, Haltung zu bewahren, schließlich sollte nach dem Krieg aus dem Rohmaterial etwas Herzeigbares entstehen. Vielleicht haben sie einfach nur reichlich Erfahrung, schließlich gab es 53 Luftangriffe auf Stuttgart.

Stapelweise Vordrucke liegen auf den Tischen – etwa um Schäden zu erfassen. „Totalgeschädigte“ erhielten einen grünen Ausweis, „Teilgeschädigte“ einen weißen. Und allerlei Bezugs- und Berechtigungsscheine – für Lebensmittel und Kleidung oder eine neue Bleibe, sei es bei einer anderen Familie, in einer Sammelunterkunft oder in einem Zelt. Das Räumungsamt holte noch brauchbaren Hausrat ab, und das eigens eingerichtete Kriegsschädenamt sollte Reparaturen regeln. Auch Sonderrationen von Zigaretten und Schnaps wurden zugeteilt.

Heute ist das unvorstellbar

Im Film sieht man die sehr kleinteilige, für die Menschen lebensnotwendige Art von Bürokratie. Heute ist so etwas im Grunde unvorstellbar. „Das ist, wie wenn plötzlich 500 Menschen vor einem Bürgerbüro stehen und mit Wohnraum und Nahrung versorgt werden wollen“, sagt Rolf Zielfleisch vom Verein Schutzbauten Stuttgart und somit Kenner der Materie.

So etwas kann nur mit vorab geschriebenen Plänen gelingen. Die gab es in Stuttgart, wie etwa ein Verwaltungsbericht zum Angriff vom 22. November 1942 schildert. In dieser Nacht wurden der Hauptbahnhof sowie die südlichen Stadtteile getroffen, etwas mehr als 1000 Menschen obdachlos. Der Bericht erwähnt, dass in den Tagen danach rund 25 000 Mahlzeiten abgegeben wurden – und die sofort einsetzenden Reparaturarbeiten mit Dutzenden Glasern und Schreinern sowie aus dem Schwarzwald herbeigeschafftem Holz. Noch im Oktober 1943, als auf einen Schlag achtmal mehr Menschen ohne Dach über dem Kopf dastanden, „hat die Stadtverwaltung für zwei Wochen alle Bauarbeiter für die dringendsten Reparaturen abgezogen“, weiß Rolf Zielfleisch.

1944, nach den nochmals verheerenderen Angriffen, war das nicht mehr möglich. Handwerker hatten sich dennoch für dringende Reparaturen bereitzuhalten. In der Schlussphase des Kriegs handelte die Stuttgarter Verwaltung nur noch im Notfallmodus: Entvölkerung der Stadt, kein Wiederaufbau von Gebäuden in der Innenstadt, nach Luftangriffen Versorgung von auswärts und so viel Selbsthilfe wie möglich. Wozu auch zählte, das Benzin aus nicht explodierten Brandbomben abzupumpen, denn es mangelte an Treibstoff.

Nicht zuletzt die Stuttgarter Schulen dienten nach Angriffen als Notküchen, Unterkünfte und Dienststellen der Verwaltung. Der Bunkerexperte Rolf Zielfleisch hat in seinen Unterlagen einen Erfahrungsbericht der Hausmeisterin Lydia Wandel aus der Mörike-Oberschule: „In jedem, auch dem kleinsten Zimmerle saßen Beamte. Dann kam noch die Nachbarschaft als Fliegergeschädigte und wollte ihre Sachen unterstellen.“ Und weiter: „4000 bis 5000 Menschen mussten manchmal verköstigt werden. Das Essen kam vom Land.“

Großküche im Remstal

Norbert Prothmann von der „Forschungsgruppe Untertage“ hat in den Erinnerungen von Annetraut Hammer einen Hinweis auf eine solche Großküche in Rommelshausen entdeckt, die dort 1944 vom Reichsarbeitsdienst eingerichtet wurde. Dort wurde „kurz nach oder fast noch während eines Angriffs auf Stuttgart und Umgebung Tee, Kaffee und Suppe gekocht“. Die Rede ist von Tausenden Litern Kaffee und Gulasch. „Das Fleisch wurde in riesengroßen Pfannen angebraten und dann in Kesseln mit Soße fertiggemacht, zum Schluss kamen die Teigwaren dazu.“ In 50-Liter-Thermophoren wurde die Nahrung per Lkw nach Stuttgart gebracht. Auch anderswo, etwa in Weilimdorf, gab es solche Großküchen, Fahrdienst hatten örtliche Gärtnereien oder Bauern.

Waren die Luftangriffe ein kollektives Trauma? „Man hat halt auf die Hilfe durch den Staat gehofft“, sagt Rolf Zielfleisch – und hatte stets das Luftschutzgepäck griffbereit. Zielfleisch hat vor Jahren eine entsprechende Mappe für Unterlagen wie Sparbücher oder Ausweise erworben, außerdem kamen Medikamente, Trinkwasser, Kleidung und eine Decke ins stets bereitstehende Luftschutzgepäck.

Raus aus der Stadt

Je weiter der Krieg voranschritt, desto häufiger führte der Weg vom Bunker raus aus der Stadt. „Wer sein Haus brennend oder in Schutt und Asche wieder sah, versuchte aus den Trümmern noch zu retten, was zu retten war. Die meisten Bombengeschädigten mussten Stuttgart verlassen, um bei Verwandten oder Freunden unterzukommen“, schreibt Jörg Kurz in seinem Buch „Wie liegt die Stadt so wüste“.

Wer bleiben musste, half nach den Angriffen ausweislich interner und vermutlich nicht beschönigter Stimmungsberichte vom Frühjahr 1944 zusammen. „Kaum sind große Läden völlig vernichtet, liest man bereits einige Tage später ‚Unser Laden befindet sich da und da‘“, heißt es aus Feuerbach. „Schwer ertragen“ würden dagegen „die endlosen Gänge, die damit verbunden sind, wenn man sein Hab und Gut verloren hat und versucht, für sein Geld wieder etwas zu erwerben“.

Der Birkacher Ortsgruppenleiter schreibt, „beim Ernstfall selbst war die Haltung der Bevölkerung besser und stärker als beim Warten am Radio“, wo jede Nacht Warnmeldungen zu hören waren, auch für Stuttgart irrelevante. Wichtig sei vor allem, „dass die Bevölkerung etwas zu essen und trinken hatte und dass für die Ausgebombten für Unterkunft und Wohngelegenheit gesorgt wurde“.

Essen und Bürokratie – das war es, was die Stuttgarterinnen und Stuttgarter nach einem Bombenangriff bekamen oder zu erledigen hatten. Neben der Trauer um Tote, Verletzte oder das kaputtgegangene Heim.

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