Stuttgart im Zweiten Weltkrieg Diese Filme triggern Erinnerungen

Bei Fliegerangriffen flüchtete man in Schutzräume. Doch auch dort starben Menschen. „Die Frau und der Mann mit den Gasmasken waren meine Großeltern“, erklärt Rolf Nagel. Weitere Leserfotos finden Sie in der Bildergalerie. Foto: privat/Nagel

Unser Filmprojekt zeigt bislang weitgehend unbekannte Bewegtbilder aus Stuttgart im Zweiten Weltkrieg. Unsere Leserinnen und Leser erzählen dazu ihre eigenen Geschichten.

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Die Bilder aus dem Filmprojekt Stuttgart im Zweiten Weltkrieg lösen bei unseren Leserinnen und Lesern viele Erinnerungen aus. In den Filmen aus dem Stadtarchiv geht es um das Stuttgart der Jahre 1941 bis 1944, als unter der Naziherrschaft Alltag und Terror in einer seltsamen Gleichzeitigkeit auftraten.

 

Diese Bilder triggern bei den Betrachtern etwas: Gedanken an die selbst erlebte Geschichte oder die der Eltern und Großeltern. Der Krieg und der Holocaust sind in zahllose Biografien eingeschrieben: etwa in die des Lesers, der lieber anonym bleiben möchte, dafür aber offen erzählt, wie er als Kind die depressiven Schübe seiner Mutter erlebte. „Was ich damals nicht ahnte, waren die Gründe für den zeitweisen Verlust ihrer Lebensenergie“, schreibt er.

Nur ein Zufall rettet die Mutter

Seine Mutter, die einer angesehenen jüdischen Kaufmannsfamilie aus Heilbronn entstammte, hatte ein schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter. Im Dezember 1941 wurde diese auf dem Killesberg interniert, mit Hunderten anderen württembergischen Juden – unseren Film dazu finden Sie online und im E-Paper. Vom Killesberg aus musste sie ihre letztlich todbringende Fahrt in den Osten antreten, nach Riga. Die Tochter wollte sich von ihrer Mutter verabschieden. „Man ließ sie aber nicht in den bewachten Bereich“, schreibt der Leser. „Daraufhin kletterte sie über den Zaun und konnte sich doch noch verabschieden. Beim Rückweg über den Zaun wurde sie von den Wachen ertappt und sollte ebenfalls zum Nordbahnhof gebracht werden.“

Gerettet habe seine Mutter der Umstand, dass sie noch ihre Lebensmittelmarken bei sich trug und somit nachweisen konnte, dass sie wirklich nur zur Verabschiedung eines Familienmitglieds illegal anwesend war. Den Deportierten waren die Marken vorher schon abgenommen worden. „Wegen der Ehe mit meinem nichtjüdischen Vater wurde meine Mutter erst Anfang 1945 ins KZ Theresienstadt deportiert“, schreibt der Leser weiter. Sie überlebte und gehörte zu den Deportierten, die nach Kriegsende mit dem Bus von dort abgeholt und zurück nach Stuttgart gebracht wurden. Der amerikanische Militärrabbiner Herbert S. Eskin hatte den Anstoß dazu gegeben. Er regte beim Stuttgarter Oberbürgermeister Arnulf Klett die Rückführung der noch in Theresienstadt ausharrenden württembergischen Juden an.

Der Leser, der über das Schicksal seiner Mutter und Großmutter berichtet, kam 1946 zur Welt, zwei Jahre später starb sein Vater. Seiner verwitweten Mutter „brachte das Ende der Nazizeit nicht den ersehnten Frieden. Es begann ein jahrelanger Kampf mit Behörden, Versicherungen, Institutionen und Personen, welche die Not der vom Regime verfolgten Menschen instrumentalisiert hatten“, so unser Leser. Er erfuhr erst später die ganze Geschichte seiner Familie.

„Wir schliefen im Wäschekorb, schnell transportbereit“

Neben dem Holocaust sind es vor allem die Fliegerangriffe, an die sich viele Menschen erinnern: „Noch heute sehe ich in aller Deutlichkeit Bilder aus dieser Zeit“, schreibt Hans-Jörg Schellmann, damals ein Kindergartenkind: „Ich erinnere mich dass wir in Kleidern zum Schlafen gelegt wurden, oft in einem Wäschekorb liegend, schnell transportbereit.“ Unvergessen seien die Bilder der alliierten Zielmarkierungen, Tannenbäume genannt. Und natürlich das Geheul der Sirenen.

Im Bunker nahe des Bad Cannstatter Kursaals wähnte man sich sicher, die Kinder schliefen oftmals während des Fliegeralarms. „Aufgewacht sind wir, wenn Detonationslärm von Sprengbomben ins Bunkerinnere drang, oder wenn die Frauen auf den Bänken standen, schreiend in heller Aufruhr“, erinnert sich Schellmann. Der Grund: Hunderte von Ratten, die unter den Bänken hin und her jagten. „Noch heute sehe ich diese schwarzen Massen und höre die geschriene Angst der Frauen“, so unser Leser.

Dieses Geräusch vergisst man nie

Als man wieder raus durfte, sah man die Zerstörung, den Tod. „Einmal waren verbrannte Menschen am Gehweg nebeneinander gereiht, klein wie Zwerge, Opfer der Brandbomben“, schildert Hans-Jörg Schellmann. Sie waren vielleicht zu spät zum Bunker gekommen.

Auch ihm sei es einmal so ergangen. „Die Eingangstür wurde konsequent und gnadenlos vor dem Fallen der ersten Bomben geschlossen. Mit anderen Zuspätgekommenen lagen wir, in den Armen unserer Mutter, vor der verschlossenen Tür auf dem Boden“, schreibt der Leser, „noch höre ich das pfeifende Geräusch herabsausender Bomben und die Detonationen der Sprengbomben. Wir hatten furchtbare Angst.“

Jahrzehnte später war Hans-Jörg Schellmann wieder im Bad Cannstatter Bunker. Nun dient er als Weinlager. Zumindest dafür seien „die Bedingungen nahezu ideal“, sagte vor Jahren ein Mitarbeiter des Weinguts. Im Folgenden veröffentlichen wir eine Auswahl weiterer Reaktionen.

Dorothee Seibert: „Es muss 1942 gewesen sein, meine Schwester war 18, ich 10 Jahre alt. Wir waren auf dem Heimweg zum Kanonenweg (heute Haußmannstraße), als eine Frau den Urachplatz überquerte und mitten auf der Straße zusammenbrach. Wir spurteten sofort los und kümmerten uns um diese arme, schwache Frau, halfen ihr auf die Füße, bürsteten ihre Kleidung sauber usw. Da kam eine Frau auf uns zu und wies uns laut zurecht mit den mir bis heute ungeheuerlichen Worten: „Wie könnt ihr als deutsche Mädchen einer Jüdin helfen!“ Wir starrten sie sprachlos an, denn auch unsere Erziehung wurde eben mit Füßen getreten.“

Professor Dr. Utz Baitinger: „Meine einschneidendsten Kindheitserlebnisse waren der Bombenkrieg 1944, den ich als Sechsjähriger miterlebte, und dass mein Vater im Februar 1945 mit dem letzten Aufgebot gefallen ist. Wir wohnten in Feuerbach, wenige hundert Meter vom Stammwerk der Firma Bosch entfernt, die ein erklärtes Angriffsziel der Royal Air Force war. Über die Naziherrschaft vermag ich allerdings nichts zu berichten. Der Begriff ,Nazi‘ begegnete mir erstmals kurz nach dem Krieg. Als es wieder Zeitungen gab, hörte ich meinen Großvater, der in Feuerbach eine Küferei und Mosterei betrieb, schlicht sagen: ,I woiß au net, was des mit dene Nazi isch; die könnet se scheint’s nemme leide.‘

Peter Rieger: „Ihre Reihe erinnert mich an die ersten vier Jahre meines Lebens emotional. Im Lehenviertel aufgewachsen, erinnere ich mich immer wieder an die schlimme Zeit bis zum Kriegsende, an die Bombennächte im Keller oder im Luftschutzstollen zwischen Zellerstraße und dem ,Kombe‘“.

Rolf Nagel: „Mein Opa Martin Nagel hatte eine Flaschnerei in der Lerchenstraße 15. Bei Fliegerangriffen begaben sich alle Bewohner in den Keller. 1944 wurde das Haus komplett zerstört. Mein Opa konnte sich retten hatte aber Verbrennungen III. Grades. Meine Oma ist leider im Keller erstickt. Ich besuche immer noch ihre Grabstätte. 1946 wurde ein neues Gebäude erstellt.“

Wenn auch Sie Ihre Geschichte zu unserer Serie erzählen möchten, schreiben Sie uns bitte an stadtgeschichte@stzn.de oder kommen Sie am 11. April zum offenen Austausch ins Stadtarchiv, Beginn ist um 14:30 Uhr. Bei der Auftaktveranstaltung am Mittwoch, 26.3. sind spontane Besuche ebenfalls möglich. Beginn ist um 19 Uhr.

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