Stuttgart im Zweiten Weltkrieg Warum der Killesberg kein Zoo wurde
1942 wurde Stuttgarts Zoo aufgelöst – es war nicht die Wilhelma. Der letzte Film unseres Projekts erzählt vom Abtransport dreier Bären und ihrem Schicksal in Hamburg.
1942 wurde Stuttgarts Zoo aufgelöst – es war nicht die Wilhelma. Der letzte Film unseres Projekts erzählt vom Abtransport dreier Bären und ihrem Schicksal in Hamburg.
Im Jahr 1942 hat es in der Wilhelma noch keine Tiere gegeben. Womöglich wären sie dort niemals eingezogen. Die Stuttgarter Stadtverwaltung plante nämlich noch Anfang der 1940er Jahre, den städtischen Zoo auf dem Killesberggelände zu errichten. Sogar einen Direktor gab es schon. Allein zur lange geplanten und auch öffentlich diskutierten Eröffnung des Zoos auf dem Gelände der 1939 abgehaltenen Reichsgartenschau kam es nie, weil wegen des Kriegsgeschehens andere Dinge wichtiger wurden. Und weil nach dem Krieg auch kaum mehr Tiere übrig waren, die man hätte zeigen können.
Diesen Teil der Stadtgeschichte erzählt der letzte Film unseres Gemeinschaftsprojekts „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ mit dem Stadtarchiv. Er dokumentiert den Abtransport dreier Stuttgarter Braunbären nach Hamburg im Februar 1942: Hänsel und Gretel sowie ihr damals gut zwei Jahre altes Junges. Der Film zeigt die Tiere in ihrem Gehege und in Käfigen auf Lastwagen auf dem Weg in ihre neue Hamburger Heimat in Hagenbecks Tierpark.
Abfahrt war beim damaligen Stuttgarter Zoo an der Doggenburg – wenn man die Anlage denn so bezeichnen konnte. Bei dem 1907 eröffneten Tiergarten handelte es sich eher um die Erweiterung eines damals bereits bestehenden Ausflugslokals. Im daneben gelegenen früheren Obstgarten errichtete der Schirmfabrikant und Tierliebhaber Theodor Widmann einige Tiergehege und bot Besuchern ein unter Tierschutzaspekten fragwürdiges Unterhaltungsprogramm.
In privaten Fotoalben finden sich beispielsweise Bilder von der dressierten indischen Elefantendame Vilja, die sich wie ein Mensch hinsetzt oder von einem Bär, der aus einer Flasche trinkt. Zudem galten die Gehege schon damaligen Betrachtern als ziemlich beengt.
Der Tiergarten Doggenburg befand sich im heute mit Wohnhäusern überbauten Block zwischen dem Kräherwald, dem Herdweg und der Doggenburgstraße. Er war sozusagen der Nachfolger des ebenfalls privat betriebenen und 1906 aufgelösten Tiergartens Nill am Azenberg. Schon zwei Jahre nach der Eröffnung ging dem Betreiber Theodor Widmann das Geld aus. Für einige Jahre übernahm der vom Azenberg bekannte Tiergartenbetreiber Adolf Nill, der aber seinerseits bereits 1911 an den neuen Betreiber Gustav Bücheler übergeben musste. Auch er musste ohne öffentliche Zuschüsse auskommen, konnte den Tiergartenbetrieb aber immerhin bis 1938 durchhalten. Schließlich übernahm die Stadtverwaltung die Reste des Tierbestands von der Doggenburg und zeigte sie bei der Reichsgartenschau ein Jahr später.
Die im Film zu sehenden Bären nahm der damalige Oberbürgermeister Karl Strölin ausdrücklich als Geschenk eines damals existenten Tiergartenvereins an. Neben der Elefantin Vilja seien sie „die Lieblinge der großen und kleinen Stuttgarter“, hieß es 1939 in einer im Stuttgarter Tagblatt veröffentlichten Mitteilung des Vereins. Eine im Stadtarchiv verwahrte Liste dokumentiert die weiteren Tierbestände unter Obhut der Stadtverwaltung: neben den Bären unter anderem ein Lama, Kleingetier, etliche Vögel und 300 Kaninchen, die tatsächlich am Killesberg untergebracht waren. Fünf Tierwärter, drei Kaninchenpfleger und ein Aufseher für einen im Rahmen der Reichsgartenschau eingerichteten kleinen Kinderzoo kümmerten sich 1941 um die Tiere.
Doch selbst dieser bescheidene Bestand war im Krieg noch zu viel für die Stadtverwaltung. „Mit Rücksicht auf die Schwierigkeiten der Fütterung wurden die drei der Stadt gehörenden Bären im Februar 1942 an den Tierpark Hagenbeck abgegeben“, heißt es auf der Schrifttafel zum Beginn des Films. Es mangelte nicht nur an Fleisch, wie das zuständige Amt für Tierpflege dem Oberbürgermeister Strölin mitteilte – sondern auch an Brot- und den bis dato von Bäckereien zugelieferten Mehlresten. Zumal ohnehin auch die meisten Bäcker nicht in der Backstube, sondern an der Front standen und nicht länger Brot für die Stuttgarter Bären backen konnten.
Strölin entschied sich daraufhin, die Tiere nach Hamburg zu verkaufen. Dass sie dort ankamen, darf zumindest angenommen werden. Wie es ihnen im Norden erging, ist dagegen unklar. Hamburger Zeitungen berichten für das Jahr 1942 von Dressurvorführungen in Hagenbecks Tierpark, an denen auch mehrere Bären teilgenommen haben – darunter womöglich Hänsel und Gretel aus Stuttgart.
Anderthalb Jahre nach ihrer Reise nach Hamburg, im Juli 1943, lösten die Bombenangriffe der alliierten „Operation Gomorrha“ in Hamburg einen verheerenden Feuersturm aus und zerstörten auch weite Teile von Hagenbecks Tierpark. Eine Inventur vom August 1943 führt dort keine Braunbären mehr auf.
Allerdings enthält eine „Not-Statistik“ die Information, dass „vier Braunbären an die Pächterfirma des Hagenbeck’schen Hauptrestaurants abgegeben wurden, da es für sie im Tierpark keine Unterbringungsmöglichkeiten mehr gab“, so die Pressesprecherin Ann-Christin Rath. Was der Restaurantpächter mit den Bären vorhatte, ob er auch die Stuttgarter Tiere übernahm oder ob die schon bei den Luftangriffen, die auch den Tierpark trafen, getötet wurden, „geht aus unseren Unterlagen nicht hervor“.
Das Schicksal der kleinen Stuttgarter Bärenfamilie bleibt also im Unklaren. Bekannt ist dagegen der Ausgang der vom langjährigen Wilhelma-Direktor Wilbert Neugebauer so bezeichneten „hindernisreichen Stuttgarter Zoogeschichte“, die er in seinem 1993 bei Theiss erschienenen Buch zur Entwicklung der Wilhelma aufbereitet hat. Dass nach dem Krieg die Tiere dort einzogen, ist demnach dem damaligen Direktor Albert Schöchle zu verdanken. Ihm war schon bald nach der Wiedereröffnung im Frühjahr 1949 klar, dass ein rein Botanischer Garten dauerhaft nicht die nötige Zugkraft entwickeln könnte.
An Pfingsten 1949 gab es in der Wilhelma eine Aquarien- und im April 1950 eine Vogelschau, im Sommer 1950 waren „Tiere des deutschen Märchens“ zu sehen, im Jahr darauf Schlangen und Krokodile. Und so weiter. Bereits zum hundertjährigen Jubiläum im Juli 1953 „konnte man durchaus vom Bestand eines mittleren zoologischen Gartens sprechen“, schreibt Wilbert Neugebauer. An der Doggenburg erinnert dagegen nichts mehr an die im Winter 1942 abtransportierten Bären oder die anderen Tiere, die hier einst lebten.