Insgesamt 58 Schwarz-Weiß-Filme bestehend aus 7800 Filmmetern bilden die Stuttgarter Kriegsfilmchronik, über die wir seit dem 15. März regelmäßig und intensiv berichtet haben. Immer wieder fiel dabei der Name Jean Lommen, der Mann, der den Stuttgarter NS-Oberbürgermeister Karl Strölin von der Idee überzeugen konnte, einen „gefilmten Verwaltungsbericht“ zu drehen, in dem die Stadtverwaltung ihre Leistungen während der Kriegsjahre zur Schau stellen konnte. Am Ende sollte daraus ein in NS-Ideologie getränkter großer Stuttgarter Imagefilm entstehen. Die Niederlage Nazideutschlands machte diesen Plan zunichte.
Eine Frage, die in unserer Serie bisher nicht beantwortet wurde, lautet: Wer war eigentlich dieser Jean Lommen, der so viele Filme machte und von dem selbst kein Bild existiert – allenfalls eines, das ihn bei Filmaufnahmen in Heilbronn von der Seite zeigt, das Gesicht von der Kamera verdeckt? Das ist zumindest die Annahme, des Heilbronner Stadtarchivs, das diese Fotografie besitzt und uns zur Verfügung gestellt hat.
Lommen gründete eine eigene Filmproduktionsfirma
Auch wenn Jean Lommens Äußeres verschwommen bleibt, so ist über seine Person doch einiges bekannt. Günter Riederer vom Stuttgarter Stadtarchiv hat sich mit ihm beschäftigt und einiges in Erfahrung bringen können. Gesichert ist, dass Jean, eigentlich Johann Lommen am 31. Januar 1892 in Düsseldorf geboren wurde. Er studierte zunächst Kunstgeschichte, zog dann als Soldat in den Ersten Weltkrieg und arbeitete in den 1920er Jahren für verschiedene Filmzeitschriften.
In dieser Zeit gründete Lommen eine eigene Filmproduktionsfirma, die „Dokument Film“, in der er Drehbuchschreiber, Kameramann, Regisseur und Produzent in einem war. Bis 1945 stellte er 20 Kulturfilme und Städteporträts her über „Das alte Köln“ oder „Das alte Cleve“. Auch Filme über Arzneikräuter und Heilpflanzen finden sich in seiner Filmografie. So weist es ein Werbeprospekt anlässlich des 25-jährigen Bestehens seiner Firma 1945 aus.
Vom Niederrhein, wo er zu Hause war und wirkte, wechselte Lommen Ende der 1930er Jahre an den Neckar. Der Historiker Günther Riederer nimmt an, dass die Reichsgartenschau 1939 dafür ursächlich war, die auf dem Stuttgarter Killesberg stattfand – dort, wo wenige Jahre später Jüdinnen und Juden vor ihrer Deportation in den Osten interniert wurden.
Lommen hatte sich mit einem Film über die Reichsgartenschau in Essen 1938 empfohlen. Im Herbst 1940 betraute die Stadtverwaltung ihn mit der Leitung der Filmstelle des damaligen Deutschen Auslands-Instituts. Die Stadt stellte ihm Arbeitsräume und eine Wohnung. Riederer spricht von einem „Komplettpaket aus Arbeitsräumen, Wohnung und fest zugesicherten Aufträgen“. Ab 1. Januar 1941 war er in Stuttgart gemeldet. Die Stadtverwaltung bekam mit ihm einen linientreuen Filmer. Bereits am 1. Mai 1933 war Lommen der NSDAP beigetreten. Seit 1935 war er Mitglied der Reichsfilmkammer. In einem Brief vom 27. Januar 1941 schlug er der Rathausspitze eine filmische Kriegschronik vor – offenbar in Anlehnung an einen bereits in Essen entwickelten „Kriegsfilm-Plan“, wie Riederer betont. Die Aufnahmen sollten die Kriegsanstrengungen der kommunalen Verwaltung ablichten.
OB Arnulf Klett ließ ihn nach dem Krieg abblitzen
Laut Riederer „überschlugen sich die städtischen Ämter mit Vorschlägen“. Der Historiker sieht darin eine „allfällige Eitelkeit von Amtsvorstehern, die sich gerne im damals noch modernen Medium Film auftreten sahen“. Die Themen der zwischen 1941 und 1944 gedrehten Filme, die die von den Nazis gewünschte Lebenswirklichkeit zeigten, reichen von einer Kriegsferntrauung über die „Benützung städtischer Plätze zur Gemüsepflanzung“ bis zum Kriegsgefangenenlager in Gaisburg und dem Bunkerbau. Auch die Zerstörungen nach den Bombenangriffen hielt Lommen im Film fest. Im November 1944 war Schluss. Es fehlte an allem – auch an Filmmaterial.
Danach tauchte Lommen ab und im August 1945 wieder auf. Erneut trat er mit einem Vorschlag an die Stadtverwaltung heran, jetzt unter OB Arnulf Klett. Lommen schlug ihm eine „Filmische Chronik vom Wiederaufbau der Stadt Stuttgart“ vor. Doch Klett ließ ihn schriftlich abblitzen: „Aus Ihren Lebensdaten geht hervor, dass Sie 1933 bei der NSDAP eingetreten sind. Bevor Sie nicht die Lizenz der Militärregierung zu Filmaufnahmen in Händen halten, sind weitere Verhandlungen nicht möglich“, schrieb er.
Das Entnazifizierungsverfahren ging gut aus für Lommen. Zunächst wurde er noch als „Belasteter“ eingestuft, weil er „propagandistisch tätig war“. Nachdem er Widerspruch eingelegt hatte, kam er schließlich als „Mitläufer“ davon und konnte von da an wieder Filme machen. Laut Riederer drehte Lommen bis in die 1960er Jahre hinein „eine große Zahl von Kultur- und Industriefilmen“, darunter einen Film über das schwer zerstörte Heilbronn, das Winzerfest in Besigheim oder die „Abtei Maulbronn“ – sein letzter Film. Er wohnte weiterhin in Stuttgart, wo er am 26. September 1974 starb.
Wo Sie die Videos sehen können
Gemeinschaftsprojekt
Für unsere Geschichtsserie zeigen wir zusammen mit dem Stadtarchiv Filme aus der „Kriegsfilmchronik“. Abonnenten der gedruckten Zeitung finden die Texte und das zugehörige Video im E-Paper (Freischalten: www.stuttgarter-nachrichten.de/premiumabo). Die Beiträge stehen auch im Online-Dossier: www.stuttgarter-nachrichten.de/stuttgart-im-krieg