Stuttgart im Zweiten Weltkrieg Wie stark wurde Stuttgart zerstört?
Auf einer Gedenktafel am Monte Scherbelino heißt es, im Zweiten Weltkrieg seien 45 Prozent Stuttgarts zerstört worden. Der Historiker Ulrich Gohl will das so nicht stehen lassen.
Auf einer Gedenktafel am Monte Scherbelino heißt es, im Zweiten Weltkrieg seien 45 Prozent Stuttgarts zerstört worden. Der Historiker Ulrich Gohl will das so nicht stehen lassen.
Kein anderer Film unserer 14-teiligen Serie zur Stuttgarter Kriegsfilmchronik hat so viele Reaktionen ausgelöst wie der Film über die Zerstörungen in der Stadt nach alliierten Bombenangriffen. Etwa 4590 Menschen kamen bei den insgesamt 53 Luftangriffen ums Leben. Unter den Toten waren auch etwa 770 Ausländer – Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter oder sogenannte Fremdarbeiter. Mehr als 8900 Menschen wurden verletzt.
Während diese Zahlen unbestritten sind, ist der Zerstörungsgrad Stuttgarts immer wieder Anlass für Diskussionen. Eine Steintafel am Fuß des Monte Scherbelino, des Stuttgarter Trümmerbergs, auf dem rund rund 1,5 Millionen Kubikmeter Trümmer aus dem Zweiten Weltkrieg lagern, behauptet, Stuttgart sei zu 45 Prozent zerstört worden. Diese Zahl hat sich im kollektiven Bewusstsein festgesetzt. Der Historiker Ulrich Gohl, Kurator des Museumsverein Ost (Muse-O), sieht diese Zahl kritisch. Sie erscheint ihm deutlich zu hoch. Und er stellt die Frage, worauf sich diese Angaben denn beziehen? „Auf die Innenstadt, die Kernstadt, oder den Talgrund oder die Gesamtstadt, wie mehrere Publikationen vorgeben?“
In seinem Buch „Stuttgart im Luftkrieg 1939–1945“, einem anerkannten Standardwerk, rechnet Heinz Bardua, ehemals Mitarbeiter im Hauptstaatsarchiv Stuttgart, vor, dass 60 Prozent der Gebäude in Stuttgart durch die Angriffe beschädigt waren.
Stuttgart bestand damals aus rund 67 800 Gebäuden; etwa 39 000 davon hatten Beschädigungen erlitten. Nach den Recherchen von Ulrich Gohl im Statistischen Jahrbuch der Stadt waren 21 000 davon jedoch nur leicht beschädigt. Die Zahl der schwer beschädigten oder völlig zerstörten Gebäude betrug 8700. Gohl rechnet vor: „Das entspricht 12,8 Prozent – und nicht 45 Prozent.“ Dieser Sachverhalt ist seiner Ansicht nach oft unterbelichtet.
Der Historiker, der über diese Zahlen mit dem Stadtarchiv im Austausch steht, will das Leid durch die Luftangriffe nicht relativieren. Die Zerstörungen seien fraglos groß gewesen. Die Menschen hätten Schlimmes durchgemacht, viele hätten Angehörige verloren und seien traumatisiert worden. Zur Wahrheit gehört für Gohl jedoch auch der Hinweis, dass etliche Stadtteile von den Angriffen weitgehend verschont geblieben seien. Tatsache ist: Durch die alliierten Angriffe kam in Stuttgart rund ein Prozent der Einwohner ums Leben – jedes verlorene Leben ist eines zu viel. In Heilbronn und Pforzheim fielen die Opferzahlen Gohl zufolge allerdings deutlich höher aus.
In Heilbronn starben 8,4 Prozent der Einwohner, in Pforzheim sogar 22,3 Prozent. Ihm gehe es nicht um Relativierung, betont Gohl, „sondern um Wahrhaftigkeit“. Dazu gehört für ihn auch ein kritischer Umgang mit dem von den Nazis benutzten Wort „Terrorangriff“. Bilder der zerstörten Innenstadt sollten diesen Eindruck untermalen „und das erlittene Leid möglichst groß erscheinen lassen, um dahinter die eigenen Verbrechen quasi verschwinden zu lassen oder sie zumindest zu relativieren“.
Die Schrecken des Krieges sind schlimm genug; es braucht keine Übertreibung, sagt Gohl. Er wünscht sich, dass bei der von der Stadt geplanten Neugestaltung des Monte Scherbelino die Geschichte angemessen dargestellt wird. Problematisch findet er in dem Zusammenhang auch, dass auf dem Trümmerberg bisher „besonders schöne Ruinenstücke“ zur Schau gestellt werden. Damit setze man sich der Gefahr aus, „Nachkriegspropaganda“ zu betreiben.
Gemeinschaftsprojekt
Für unsere Geschichtsserie zeigen wir zusammen mit dem Stadtarchiv Filme aus der „Kriegsfilmchronik“. Abonnenten der gedruckten Zeitung finden die Texte und das zugehörige Video im E-Paper (Freischalten: www.stuttgarter-nachrichten.de/premiumabo). Die Beiträge stehen auch im Onlinedossier: www.stuttgarter-nachrichten.de/stuttgart-im-krieg