Stuttgart in den 60ern Als auf dem Marktplatz noch die Autos parkten

Stuttgart 1962: Auf dem Marktplatz parken die Autos dicht an dicht. Im Hintergrund: die Stiftskirche und der Spielwarenladen Kurtz. Foto: Gottfried Oertel

Als Jugendlicher war Gottfried Oertel vernarrt in seine Kamera. Auf seinen Streifzügen durch die Stadt hielt er ein Stuttgart fest, das heute ganz anders aussieht.

Freizeit und Unterhaltung: Theresa Schäfer (the)

Gottfried Oertel war 14, als er zum Geburtstag eine Kodak Retina geschenkt bekam. Klar, dass er die ausprobieren musste. Er ging auf Streifzug durch seine Heimatstadt, fotografierte den Stuttgarter Marktplatz – auf dem damals noch Autos parkten –, die Schillerstraße mit dem Wagenburgtunnel, den Hauptbahnhof, die Stiftskirche. Das war 1962.

 

Die Negative hat Gottfried Oertel inzwischen digitalisiert. Seit über 50 Jahren lebt er nicht mehr im Südwesten, sondern ganz im Norden Deutschlands: In Wardenburg, einem kleinen Ort westlich von Bremen. Dorthin hat es ihn nach dem Studium in Tübingen der Liebe wegen verschlagen. Ungefähr einmal im Jahr ist er in der alten Heimat, um seine Familie zu besuchen. „Stuttgart hat sich sehr verändert“, sagt der 78-jährige Zahnarzt im Ruhestand. „Die Königstraße zum Beispiel ist ganz anders geworden.“ Er erinnert sich noch daran, als Autos und Straßenbahnen über den Schlossplatz fuhren. 1978 verschwand die „Strampe“ in den Untergrund.

„Man konnte dem Monte Scherbelino beim Wachsen zusehen“

Oertel ist ein Kind des Westens: Die ersten Lebensjahre verbrachte er in der oberen Rotebühlstraße, dann zog die Familie in die Vogelsangstraße um, schließlich an den Rosenbergplatz. Als Kind sah er die Lastwagen, die in den 1950er Jahren Schutt und Trümmer vom im Krieg zerstörten Stuttgart über die Rotenwaldstraße zum Birkenkopf brachten. „Man konnte dem Monte Scherbelino beim Wachsen zusehen.“ In fast jeder Straße klafften Lücken, wo Häuser von Bomben getroffen worden waren. „Für uns waren das herrliche Spielplätze“, erinnert sich Oertel.

Gut kann er sich an den Bau des Fernsehturms in den Jahren 1954 und 1955 erinnern. „Unser Vater ist praktisch jeden Sonntag mit uns dort hingegangen, um zu sehen, wie weit die Arbeiter gekommen waren.“

Gottfried Oertel lebt seit über 50 Jahren im Norden von Deutschland. Foto: privat

Auch in den 1960er Jahren war Stuttgart die Stadt der Baustellen: Die Straßenbahnen kamen unter die Erde, für die autogerechte Stadt wurden brachial mehrspurige Schneisen durch die Innenstadt geschlagen. „So richtig gestört hat das damals offenbar nur wenige - man hat das eher als Zeichen des Aufbruchs und des Wiederaufbaus gesehen“, sagt Gottfried Oertel. Anstatt das alte Rathaus, das im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde, wiederaufzubauen, habe man gesagt „Weg mit dem alten Kruscht“, es abgerissen und ein Neues gebaut. „Das bedauert man heute natürlich.“

Gottfried Oertels Großmutter schaut aus dem Fenster - die alte Dame lebte in einem Seniorenheim im Stuttgarter Süden. Foto: Gottfried Oertel

Besonders gerne besuchte der Bub Gottfried Oertel übrigens seine Großeltern. Diese lebten im Stuttgarter Süden in einem Altersheim. Die alten Leute seien hochherrschaftlich untergebracht gewesen: Im ehemaligen Stadthaus der Textilfabrikanten-Familie Benger. Benger Ribana produzierte Wäsche und Bademode - noch immer steht der Name für eine längst vergangene Blütezeit der Textilindustrie im Südwesten. „Diese Villa hatte einen komplett verwilderten Garten, der ganz bis zur Karlshöhe hochging“ erzählt Oertel. „Ich habe es geliebt, da herumzustreifen.“ In den 1970ern wurde das Haus schließlich abgerissen - es musste dem Eduard-Mörike-Pflegeheim Platz machen.

Gottfried Oertel aber hat noch ein Bild der schmucken historistischen Villa. Da schaut seine Großmutter aus dem Fenster im ersten Stock - um sie herum blühen die Glyzinien.

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