Aus unserem Archiv - Bei der theoretischen Führerscheinprüfung kommt es immer wieder zu Betrugsversuchen – und die Täuschungen werden raffinierter. So ist die Lage in Stuttgart und Baden-Württemberg.

Digital Desk: Nina Scheffel (nse)

Teilnahme unter falschem Namen, Knopf im Ohr oder Minikameras – die Betrugsversuche bei der theoretischen Fahrschulprüfung werden immer raffinierter. Laut TÜV-Verband ist die Zahl der Fälle von Täuschungsversuchen bei der Theorieprüfung seit 2024 bundesweit um 12 Prozent gestiegen. Für das erste Halbjahr 2025 seien bereits 2.193 Fälle festgestellt worden, heißt es seitens des TÜV-Verbands. Fast 4.200 unerlaubte Tricks wurden demnach im Jahr 2024 registriert. Doch wie sieht es in Baden-Württemberg und der Region Stuttgart aus?

 

„Wir haben auch die Info, dass die Zahlen angestiegen sind“, bestätigt Jochen Klima, Vorsitzender des Fahrlehrerverbands (FLVBW) Baden-Württemberg. Landesweit komme es immer wieder zu Täuschungsversuchen in der theoretischen Fahrprüfung.

Auch Stuttgarter Fahrschulen machen laut eigenen Angaben Erfahrungen mit Betrügereien oder bekommen von Fällen in der Branche mit. Ümit Yalcin von der Fahrschule am Ostendplatz im Stuttgarter Osten nennt zwar keine konkreten Betrugsfälle, doch er beobachtet, dass häufig Fahrschüler nach scheinbar erfolgreicher Theorieprüfung an seine Fahrschule wechseln, um dort die praktische Ausbildung zu absolvieren.

Fahrlehrer Ümit Yalcin in seiner Fahrschule am Ostendplatz Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

„In der weiteren Fahrausbildung wird dann deutlich, dass diesen Schülern zum Teil die komplette theoretische Grundlage fehlt“, erzählt der Fahrlehrer. „Da merkt man, dass es bei der Theorieprüfung nicht ganz mit rechten Dingen zugegangen sein kann.“ Von Beobachtungen wie diesen sprechen auf Nachfrage unserer Redaktion auch andere Stuttgarter Fahrschulen, die jedoch anonym bleiben möchten.

Lieber viel Geld bezahlen, als für die Führerscheinprüfung zu büffeln

Laut Fahrlehrer Ümit Yalcin kommen dazu Fälle, in denen sich Prüflinge explizit bei kleineren Prüfstellen für ihre theoretische Prüfung anmeldeten, um eine strenge Überwachung, wie sie bei den stark frequentierten Prüfstellen gewährleistet ist, zu umgehen. In einem Fall habe eine Schülerin ihre Prüfung bei einer Prüfstelle in Reutlingen ablegen wollen, obwohl sie in Stuttgart wohnte, erzählt Yalcin. „Die Fahrschule gab dem TÜV daraufhin einen Hinweis und tatsächlich, die Schülerin wurde auf frischer Tat beim Schummeln ertappt“, so der Fahrlehrer.

Viele Schülerinnen und Schüler seien heute zudem eher bereit, „eine riesige Summe hinzulegen, um sich die Theorieprüfung zu kaufen, als sich hinzusetzen und zu lernen“, sagt er. „Betrügereien gab es schon immer, aber ich beobachte, dass mittlerweile eine viel kriminellere Energie herrscht und es zum Teil um viel Geld geht.“ Der Fahrlehrer versucht dies an seiner Fahrschule vorzubeugen, indem er seine Schüler bei Lernproblemen individuell unterstützt und die Angst vor der Theorieprüfung gar nicht erst aufkommt.

Führerscheinprüfung: Betrug mit falscher Identität, Minikameras und Knopf im Ohr

Doch wie gehen Betrüger vor, die sich der Theorieprüfung bei einer Prüfstelle zwar stellen, dann aber schummeln? „Es gibt zwei Varianten“, erklärt Jochen Klima vom FLVBW. „Es gibt die sogenannte Stellvertreterprüfung, bei der eine Person, die dem eigentlichen Prüfling ähnlich sieht, unter Vorlage dessen Personalausweises die Prüfung ablegt.“ In einer zweiten Variante kommen technische Hilfsmittel ins Spiel. „Prüflinge sind hierbei mit gut getarnten Minikameras, etwa im Brillenbügel oder im Knopfloch, sowie tief im Ohr verborgenen Funkempfängern verkabelt.“

Fahrschulen in Baden-Württemberg: 225 Betrugsfälle im ersten Halbjahr 2025

„Was Täuschungsversuche angeht, ist uns alles bekannt“, sagt Vincenzo Lucà, Sprecher des TÜV Süd. Die Prüfstelle, die in Deutschland neben Dekra, TÜV Nord und TÜV Rheinland die Prüfung abnehmen darf, vermeldet für das erste Halbjahr 2025 in Baden-Württemberg insgesamt 225 Prüfungen mit erkannten Täuschungsversuchen – darunter 45 Fälle von Stellvertreter-Betrug, 86 Fälle von Betrug mit unerlaubten Hilfsmitteln wie beispielsweise Spickzetteln, 89 Fälle von Technikbetrug mit Kameras oder Kopfhörern sowie fünf sonstige Fälle. Für Stuttgart kann der TÜV Süd aktuell keine detaillierten Zahlen vorlegen.

Überblick über bekannte Betrugsvarianten:

  • Stellvertreter-Betrug (Person legt an Stelle des eigentlichen Prüflings Prüfung unter dessen Namen ab)
  • Betrug mit unterlaubten Hilfsmitteln (Spickzettel etc.)
  • Technikbetrug (mithilfe von Minikameras und Kopfhörern)
  • Sonstige

„Wie man auch an den Zahlen sieht, sind diese Täuschungsversuche Gang und Gäbe“, so Lucà. Durch die Verfügbarkeit von modernen technischen Hilfsmitteln würden die Fälle immer raffinierter.

Fahrschulen haben kaum Handhabe

Das Problem: Fahrschulen und Fahrlehrer selbst können nichts gegen den Betrug unternehmen, denn sie melden die Bewerber lediglich beim TÜV zur Prüfung an. „Man hört vom TÜV zwar immer wieder, dass Prüflinge beim Betrügen erwischt wurden, bei der Prüfung vor Ort dabei sein und etwas dagegen unternehmen können wir aber nicht“, sagt eine Stuttgarter Fahrlehrerin, die anonym bleiben möchte.

Im Falle eines Betrugsversuchs teilt die Prüfstelle der Fahrschule diesen zwar mit, denn die Prüfung gilt dann als nicht bestanden – „Der Fall wird dann aber der Fahrerlaubnisbehörde gemeldet. Diese entscheidet wie weiter vorgegangen wird“, erklärt Lucà.

Wird eine Täuschung nicht bemerkt, birgt das ein Risiko, sagt Jochen Klima vom Fahrlehrerverband BW. „So kommen Menschen in den Verkehr, die die erforderlichen Regeln nicht kennen und somit ein hohes Unfallrisiko darstellen.“ Und nicht nur für die Schüler selbst und andere Verkehrsteilnehmer besteht dann ein Risiko: Auch die befragten Stuttgarter Fahrlehrer fühlen sich gefährdet, wenn sie während der Fahrausbildung mit Fahrschülern im Auto unterwegs sind, die mit den theoretischen Grundlagen wie beispielsweise Verkehrszeichen oder Vorfahrtsregelungen nicht zureichend vertraut sind.

Betrug bei Führerscheinprüfung kann nicht immer strafrechtlich verfolgt werden

Problematisch sieht der Vorsitzende des Fahrlehrerverbands BW, Jochen Klima, auch die Ahndung des Betrugs. „Das ist sehr unbefriedigend“, so Klima. „Das Ganze ist leider kein Straftatbestand.“ Denn laut Strafgesetzbuch handelt es sich erst dann um Betrug, wenn „das Vermögen eines anderen dadurch geschädigt wird“.

„Die Fahrerlaubnisbehörde hat lediglich die Möglichkeit den Bewerber erst nach maximal neun Monaten (und nicht wie sonst nach 14 Tagen) zur Wiederholungsprüfung zuzulassen“, erklärt der FLVBW-Vorsitzende. Auch in Stuttgart wird so vorgegangen. „Wie lange die Wiederholungsprüfung ausgesetzt wird, hängt davon ab, wie grob das Vergehen ist“, teilt Harald Knitter, Sprecher der Stadt Stuttgart, auf Nachfrage mit. Darüber hinaus könne der Prüfling zu einer Einzelprüfung verpflichtet werden, um Betrug vorzubeugen.

Eine Stuttgarter Fahrschule, die hier anonym bleiben möchte, bestätigt einen solchen Fall in Stuttgart. Der betroffene Fahrschüler konnte die Prüfung erst nach sechs Monaten Sperrzeit wiederholen und musste diese als Einzelprüfung ablegen.

Betrug beim Führerschein: Ausnahmen führen zur Strafanzeige

Als mögliche Straftaten könnten laut Angaben der Polizei Stuttgart jedoch Urkundenfälschung, Missbrauch von Ausweispapieren oder Fälschung beweiserheblicher Daten in Betracht kommen.

Der sogenannte Stellvertreter-Betrug beispielsweise ist ein Fall, der in dieses Raster fällt. „In dem Fall liegt Urkundenfälschung vor und es handelt sich um eine Straftat. Dann ermittelt die Staatsanwaltschaft“, so Vincenzo Lucà vom TÜV Süd. Er ergänzt: „Immer dann, wenn beim Betrug Kameras oder Kopfhörer verwendet werden, ist nicht sichergestellt, dass diese zugelassen sind. Wenn die Geräte keine Zulassung haben, ist da sein Verstoß gegen das Fernmeldegesetz.“

Erst kürzlich sorgte ein Fall von Stellvertreter-Betrug in Heilbronn für Aufsehen. Dabei soll der 52 Jahre alte Inhaber einer Heilbronner Fahrschule selbst ein System mit Stellvertreter-Prüfungen aufgebaut haben.

Strafanzeige gegen Unbekannt nach Flucht in Feuerbach

Fälle wie diese sind den Stuttgarter Behörden für das bisherige Jahr 2025 nicht bekannt, die Polizei weiß jedoch von einem konkreten Fall, der sich im Juni 2024 in Stuttgart-Feuerbach ereignet hat. Dabei soll sich eine Person während der Theorieprüfung für eine andere ausgegeben haben, um für diese die Prüfung zu bestreiten. „Als der Prüfer die Person darauf ansprach, flüchtete die Person, weshalb eine Strafanzeige gegen Unbekannt gefertigt wurde“, erklärt Polizeisprecherin Daniela Treude.

Ein Fall, bei dem die Polizei die Betrügerin dingfest machen konnte, ereignete sich bereits im Jahr 2021, ebenfalls in Feuerbach. Eine 31-Jährige beauftragte beim TÜV in der Krailenshaldenstraße eine Doppelgängerin, die in ihrem Namen die Prüfung absolvieren sollte. Doch der Täuschungsversuch flog auf, die Frau wurde festgenommen. Die polizeilichen Ermittlungen ließen daraufhin auf ein mutmaßliches Netzwerk von Führerschein-Betrügern schließen.

Führerscheinprüfungen: Stecken organisierte Banden hinter dem Betrug?

Auch der TÜV Süd beobachtet, dass Betrugsversuche teils einem Muster folgen. „Wir beobachten, dass diese Art von Betrug meist gehäuft an einer bestimmten Prüfungsstelle in einem bestimmten Zeitraum auftritt und es wenig später an einem anderen Ort wieder ähnliche Fälle gibt“, sagt er. „Das spricht schon dafür, dass organisierte Banden dahinterstecken, die umherziehen und ihre Dienste unter Prüflingen feilbieten.“

Ein ähnlicher Fall wie in Feuerbach wurde bereits im im Dezember 2019 in Leonberg publik. Dem Polizeibericht zufolge wollte ein 42-jähriger Führerscheinanwärter die theoretische Prüfung auf Deutsch ablegen - obwohl er kein Deutsch sprach. Laut Angaben der Polizei war ein 47-Jähriger mit den Ausweispapieren des 42-Jährigen an dessen Stelle zur Prüfung erschienen. Als sich der 47-Jährige während der Prüfung auffällig verhielt, schritten die Beamten ein. Dabei stellten sie fest, dass der 47-Jährige komplett verkabelt und mit einer dritten Person über Funk in Kontakt war. Der Mann musste sich im vergangenen Jahr vor dem Landgericht Stuttgart verantworten.

Hightech-Betrug in Winnenden – „die kriminelle Energie wird da deutlich“

In Winnenden (Rems-Murr-Kreis) musste im Jahr 2020 sogar ein Prüfungsstandort wegen Betrusfällen geschlossen werden. Der TÜV Süd nutzte dort die Räumlichkeiten eines Hotels für die Abnahme der theoretischen Führerscheinprüfung. Geschlossen wurde der Standort schließlich, weil sich dort seit Mitte 2019 Betrugsversuche durch Hackerangriffe häuften.

„Alles was nicht auf unserem eigenen Boden passiert, ist daher schwieriger“, sagt Vincenzo Lucà vom TÜV Süd. „Deshalb versuchen wir nach Möglichkeit, die Prüfungen in unseren eigenen Räumen abzunehmen. Zum Teil wird mit kräftigen Mitteln betrogen, die kriminelle Energie wird da deutlich.“

Was wird gegen die Betrügereien getan?

Eine Arbeitsgemeinschaft der Prüfgesellschaften Dekra, Tüv Nord, Tüv Süd und Tüv Rheinland fragt seit 2019 gezielt bei der Prüfungsdokumentation Betrugsversuche ab, um diese zu erfassen und sich mit den Aufsichtsbehörden abzustimmen.

Seitens der Polizei etwa gibt es jedoch bislang keine Handhabe. „Die Thematik ist bislang noch nicht Teil polizeilicher Präventionsarbeit“, so Polizeisprecherin Daniela Treude. Es ist weiterhin an den Prüfgesellschaften, sinnvolle Gegenmaßnahmen zu finden, um Betrugsversuche einzudämmen.

Dieser Text erschien erstmals am 8. September 2025.