Bis 2030 soll der Anteil des Radverkehrs in Stuttgart bei 25 Prozent liegen. Den Erwartungen hinken die aktuellen Zahlen deutlich hinterher. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko
30 Millionen Euro wurden in den vergangenen zwei Jahren in den Ausbau des Radverkehrs investiert. Trotzdem sind nicht mehr Stuttgarter aufs Zweirad umgestiegen – woran liegt das?
„Der Radverkehr in Stuttgart ist weiter im Aufwind“ – mit dieser Überschrift ist die Pressemitteilung der Stadt zum aktuellen Fuß- und Radverkehrsbericht 2025 überschrieben. Alles also in bester Ordnung auf dem Weg zur angepeilten Klimaneutralität bis 2035, könnte man meinen. Doch wer das 83 Seiten starke Dokument etwas genauer betrachtet, erkennt, dass die Stadt ihre Ziele trotz großer Anstrengungen deutlich verfehlt hat – wieder einmal.
Allein zwischen Oktober 2023 und Ende 2025 stieg die Gesamtlänge der für den Radverkehr nutzbaren Strecken in Stuttgart auf rund 366 Kilometer. Im Doppelhaushalt 2024/2025 wurden 87 Maßnahmen für den Radverkehr fertiggestellt. Knapp zwölf Millionen Euro investierte die Stadt in den Ausbau. Weitere 17,3 Millionen Euro flossen aus Fördermitteln des Landes und des Bundes. Ziel ist es, laut den Vorgaben des Verkehrsentwicklungskonzepts 2030, des Aktionsplans „Nachhaltig und innovativ mobil“ sowie des Klimamobilitätsplans, den Anteil des Radverkehrs in Stuttgart bis zum Jahr 2030 auf 25 Prozent zu steigern.
Radfahren in Stuttgart ist an einigen Stellen kein Spaß – wie etwa hier am Schwabtunnel. Foto: Lichtgut
Bis 2030 soll der Anteil des Radverkehrs in Stuttgart bei 25 Prozent liegen
Jedoch stieg dieser zwischen 2017 und 2025 gerade einmal von acht auf neun Prozent des städtischen Gesamtverkehrs. Im vergangenen Jahr stagnierte die Entwicklung sogar gänzlich. „Wir liegen weiter bei neun Prozent“, bestätigt Stephan Oehler, der Leiter der Abteilung Verkehrsplanung und Stadtgestaltung. Man habe sich auf jeden Fall mehr erwartet. Allerdings dürfe man sich – wenngleich diese wichtig seien – nicht immer nur an politisch formulierten Zielen messen lassen.
Gefühlt hat der Radverkehr deutlich zugenommen. Wieso sich das nicht in den Zahlen niederschlägt, ist nicht zu erklären.
Peter Pätzold Umweltbürgermeister
Denn „gefühlt hat der Radverkehr deutlich zugenommen“, betont Peter Pätzold, der Bürgermeister für Städtebau, Wohnen und Umwelt. Wieso sich das nicht in den Zahlen ausdrückt, sei nicht zu erklären. Seit 30 Jahren ist der Grünen-Politiker selbst mit dem Fahrrad in Stuttgart unterwegs und hat dabei festgestellt, dass vor allem die E-Bikes, aber auch Lastenräder, die urbane Mobilität komplett verändert haben. „Die Stuttgarter Topografie mit ihren vielen Steigungen ist heute kein Thema mehr.“ Zahlen seien das eine, „es geht aber auch darum, wie attraktiv es ist in Stuttgart zu fahren, ob es Spaß macht und wie sicher man sich auf den vorhandenen Radwegen fühlt“, ergänzt der neue Fahrradbotschafter der Stadt, Jonas Marwein.
Stadt und Linke einig: Es gibt noch viel zu tun bei Thema Radverkehr
Das sehen nicht alle in Stuttgart so. Bereits im vergangenen Jahr gab es vor allem von der Fraktion SÖS Linke Plus dafür im Gemeinderat harsche Kritik. Denn sollte das bisherige Tempo beim Ausbau des Radverkehrs beibehalten werden, würden die selbst gesteckten Ziele nicht 2030, sondern erst 123 Jahre später erreicht – nämlich 2153 –, rechneten die Stadträte vor. Viel zu langsam aus ihrer Sicht mit Blick auf den Radentscheid aus dem Jahr 2019. Ein Wunsch auch aus der Bevölkerung, wie die damals gesammelten mehr als 34.000 Unterschriften belegen.
Auch die Stadt weiß, dass „der weitere Ausbau von Infrastruktur, Planungskapazitäten und Finanzierung entscheidend ist, um die gesetzten Ziele zu erreichen“, heißt es in der Pressemitteilung. Oder wie es Stephan Oehler formuliert: „Wir müssen weiter an dem Thema arbeiten.“ Das Hauptaugenmerk liegt dabei weiter auf dem Ausbau des Hauptradroutennetzes, zusätzliche Fahrradstraßen, bessere Verknüpfungen mit dem öffentlichen Nahverkehr sowie mehr Angebote für das Fahrradparken. Allerdings bleibe die Weiterentwicklung eine langfristige Aufgabe – ob bis 2030 oder bis 2153 bleibt offen.