Stuttgarter Airport Vor 20 Jahren: Am Flughafen wird ein Massengrab entdeckt
Der Fund eines Massengrabs auf dem US-Airfield erinnerte jäh an eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte Filderstadts und Leinfelden-Echterdingens.
Der Fund eines Massengrabs auf dem US-Airfield erinnerte jäh an eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte Filderstadts und Leinfelden-Echterdingens.
Im Laufe eines Berufslebens gibt es manchmal diesen einen Tag, den man nicht mehr vergisst: Für Nikolaus Back, Stadtarchivar von Filderstadt, war es der 19. September 2005. „Ich erhielt in der Mittagspause einen Anruf des Ordnungsamts“, erzählt der 65-Jährige am vergangenen Freitagabend seinen Zuhörern in der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Hohenheim. Zwei Tage lang haben dort Wissenschaftler aus ganz Deutschland anlässlich der damaligen Entdeckung der sterblichen Überreste von 34 ehemaligen Häftlingen des KZ-Außenlagers Echterdingen-Bernhausen über die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen der Gedenkstättenarbeit debattiert.
Back sollte an diesem Montag vor 20 Jahren sofort zum US-Airfield am Flughafen kommen. Ein Baggerarbeiter war auf dem Areal an der Gemarkungsgrenze zwischen Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen auf einen außergewöhnlichen Fund gestoßen: menschliche Knochen in großer Zahl.„Mich erwartete nicht nur das Ordnungsamt, sondern auch die Kripo sowie zwei Vertreter der US-Army und der Stuttgarter Staatsanwaltschaft“, erinnert sich der Archivar und profunde Kenner der Filderstädter Geschichte. Backs Einschätzung war gefragt: Konnten die menschlichen Überreste in Zusammenhang mit dem zwischen November 1944 und Januar 1945 an dieser Stelle existierenden KZ-Außenlagers stehen?
„Das war naheliegend“, erzählt Back, „zumal tatsächlich vermutet wurde, dass hier noch Menschen in einem Massengrab ruhen könnten.“ Zu diesem Zeitpunkt konnte der Wissensstand über das Außenlager des elsässischen KZ Natzweiler-Struthof auf 17 Seiten gebündelt werden. Diese übergab Back an die Behörden: 600 jüdische Häftlinge aus 17 Ländern waren demnach hier in einem Hangar untergebracht, um die von Bombenangriffen beschädigte Landebahn instand zu setzen.
Ein Großteil der aus dem KZ Stutthof bei Danzig eingetroffenen Häftlinge hatte zu diesem Zeitpunkt ein langes Martyrium hinter sich, waren bereits in Theresienstadt oder Auschwitz-Birkenau interniert gewesen. Der Lagerkommandant René Romann gibt später zu Protokoll, dass „der größte Teil der Häftlinge krank […] im Lager angekommen“ war. Der erste von ihnen starb schon am ersten Tag, dem 22. November 1944.
Mit bemerkenswerter Akribie wird Thomas Faltin, Redakteur unserer Zeitung, drei Jahre später im Auftrag von Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen und mit Unterstützung einiger Autoren in einem umfangreichen Werk die Geschichte des Außenlagers nachzeichnen. Mit Sicherheit haben von den 600 hier internierten Häftlingen 278 den Holocaust nicht überlebt, 119 davon waren direkt im KZ Echterdingen-Bernhausen verstorben. 64 entkamen der systematischen Vernichtung. Von 258 Männern blieb das Schicksal im Dunkeln.
Bekannt war zum Zeitpunkt der Skelettfunde, dass 66 Tote des KZ ursprünglich in einem Massengrab im Bernhäuser Forst bei Plattenhardt verscharrt worden waren. 19 waren von der Lagerverwaltung in einem Krematorium in Esslingen eingeäschert worden. Sie alle ruhten seit 1945 auf Geheiß der US-Besatzung im jüdischen Teil des Ebershaldenfriedhofs in Esslingen. Der genaue Ort des Massengrabs bei Plattenhardt wurde erst 2006 erneut ermittelt.
Im September vor 20 Jahren rief der Fund, wie Back berichtet, nach kurzer Zeit ein riesiges Medienecho bis in die USA und Israel hervor. Die Stuttgarter Nachrichten hatten trotz anfänglicher Geheimhaltung zuerst berichtet.
Wie mit den 34 auf dem Airfield gefundenen Skeletten umgegangen werden sollte, war in den folgenden Wochen Gegenstand einer Auseinandersetzung zwischen Ermittlungsbehörden, mutmaßlichen Angehörigen und jüdischer Organisationen. Angesiedelt war sie schließlich auch „auf höchster Landesebene, bei Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) und Justizminister Ulrich Goll (FDP)“, schreibt Faltin in der Aufarbeitung der Ereignisse.
Das Problem: Wie bei Leichenfunden vorgeschrieben, musste die Staatsanwaltschaft ermitteln, so Back. Das schloss potenziell eine DNA-Analyse ein. „Die jüdische Religion verbietet jedoch strikt, dass die Knochen angetastet werden“, erklärt der Archivar. Für DNA-Analysen hätten Knochenteile damals noch zermahlen werden müssen. Vor allem Vertreter des jüdisch-orthodoxen „Komitees zum Schutz jüdischer Friedhöfe in Europa“ mit Sitz in Zürich und London bestanden jedoch darauf, dass die Gebeine sofort wieder unbeschädigt an Ort und Stelle beerdigt werden sollten.
Obwohl sich Angehörige der Opfer des KZ für eine Überführung der Knochen nach Israel aussprachen, löste die Landesregierung den Streit mit einem Machtwort zugunsten der orthodoxen Stimmen. Rechtlich gesehen „war das eigentlich ein Tabu“, so Back. Der Eingriff in die geltende Strafprozessordnung war – teils auch aus Unwissenheit über die religiösen jüdischen Vorstellungen – hochumstritten.
Dennoch kam es so: Am 15. Dezember 2005 wurden die Gebeine nach jüdischem Ritus erneut am Fundort beigesetzt. Efraim Kochba, Sohn des im Lager umgekommenen niederländischen Häftlings Siegfried van Coevorden, hielt eine kurze Rede. Unter den 400 Trauergästen befanden sich neben hochrangigen Rabbinern mit Benjamin Gelhorn und Eugen Stern zwei Überlebende des KZ. Heute erinnert an der Echterdinger Straße 15 eine Gedenkstätte an das Konzentrations-Außenlager. Das eigentliche Gräberfeld für die 34 im Jahr 2005 aufgefundenen Opfer befindet sich hinter einem Zaun auf dem Gelände der US-Army und kann in der Regel nicht besucht werden.