Stuttgarter Architekten alarmiert „Weder zeitgemäß noch verantwortungsvoll“ – Architekten über Wittwer-Abriss

Das Herz des schwäbischen Brutalismus in Stuttgart. Wie ein Tanker aus Beton, der in die Stadt hineinragt – das Buchhaus Wittwer am Schlossplatz. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Initiative #SOS Brutalism will das Wittwer-Gebäude unter Denkmalschutz stellen. Abreißen oder Erhalten? Was sagen Stuttgarter Architekten und der Baubürgermeister dazu?

Kaum ein Stuttgarter, der noch nie einen Roman oder ein Reisebuch „beim Wittwer“ gekauft hat. Das Geschäftshaus am Kleinen Schlossplatz, im Volksmund das Wittwer-Haus genannt, wurde 1970 von Kammerer + Belz und Partner zusammen mit Max Bächer errichtet. Die Dinkelacker AG, Eigentümerin des Baus im Herzen Stuttgarts, hat jüngst verkündet, dass er das Gebäude abreißen lassen will.

 

Die Nachricht, dass für 2030/2032 der Abriss des markanten Gebäudes am Schlossplatz geplant ist und das Buchhaus im Winter 2027/2028 in einen Neubau auf dem früheren Sportarena-Gelände an der Ecke Königstraße/Ecke Schulstraße umzieht, beschäftigt viele Bürgerinnen und Bürger, aber auch Leute vom Fach. Die Initiative #SOS Brutalism – die sich für den Erhalt von Betonbauten einsetzt – fordert jetzt, das Gebäude solle unter Denkmalschutz gestellt und erhalten werden.

Stuttgarter Architekturbüros äußern sich zum geplanten Abriss

Abgesehen vom baukulturellen Wert eines solchen Gebäudes stellt sich die Frage, ob in Zeiten des Klimawandels der Abbruch des Gebäudes tatsächlich alternativlos ist. Wir haben bei bekannten Architekturbüros, Lehrenden und dem Baubürgermeister nachgefragt, wie Sie zu diesen Abrissplänen stehen: Was wäre eine gute Lösung? Sollte der wichtige Stadtbaustein weichen für etwas Neues oder erhalten bleiben?

Stefan Behnisch, Architekt von Behnisch Architekten: „Verschiedenste Aspekte sprechen für einen Erhalt des Wittwerbaus. Zum einen ist es ein Beispiel der Architektur seiner Entstehungszeit, zum anderen eine städtebaulich hervorragende Lösung der dortigen Situation. Auch wenn der Bau zu einer Zeit entstand, als die Königstraße noch eine Verkehrsader war und das daneben gelegene Bauwerk, der Kleine Schlossplatz, ein reiner Verkehrsknotenpunkt war.

Der Stuttgarter Architekt Stefan Behnisch spricht sich für einen Erhalt aus – auch aus ökologischen Gründen. Foto: David Matthiessen

Jedoch ist ein weiterer Aspekt zu betrachten: Wir können es uns als Gesellschaft nicht weiterhin leisten, Betonstrukturen abzubrechen und in gleicher Situation ähnliche, neue Strukturen wieder zu errichten, selbst wenn diese dann, wie so oft, Holzkonstruktionen wären.

Zum einen lassen die städtebaulichen Situationen kaum eine andere Geometrie zu, zum anderen führt die wirtschaftlich maximal mittelfristige Betrachtung zu kaum besseren und nachhaltigeren Lösungen. Wir müssen als Gesellschaft intensiver das „Weiterbauen“, das Umnutzen und das Reparieren in den Fokus nehmen und nicht einfach „Wegwerfen und Neu“ als Lösung postulieren. Und hier muss sich die Gesellschaft mit ihren gewählten VertreterInnen auch einmal als standhaft erweisen.“

Florian Kaiser , Architekt, Professor für Kreislaufgerechten Holzbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und Gründer des Stuttgarter Architekturbüros Atelier Kaiser Shen: „Vor einigen Jahren hatte mich bereits der Abriss von Teilen des Quartiers Calwerpassagen schockiert. Nun bin ich absolut fassungslos, dass mit dem Wittwer-Gebäude das nächste Haus von Kammerer + Belz zur Disposition steht. Mich bewegt nicht nur die im Gebäude gebundene graue Energie, sondern insbesondere die architektonische Qualität dieses herausragenden Stadtbausteins.“

Architekt Florian Kaiser hat jüngst mit dem Umbau eines Gebäudes für Furore gesorgt. Foto: Atelier Kaiser Shen

Martina Baum, Architektin bei Studio Urbane Strategien sowie Direktorin des Städtebauinstituts und Professorin für Stadtplanung und Entwerfen an der Uni Stuttgart: „Das Gebäude erzählt die Geschichte der Stadt, insbesondere jene des kleinen Schlossplatzes. Es artikuliert eine klare städtebauliche Haltung und zeigt Präsenz. Trotz dieser Prägnanz ist es porös und offen. Es verwebt sich auf den verschiedenen Niveaus mit dem Kontext und lädt ein, hineinzugehen.

Architekin Martina Baum hat eine klare Haltung zum Abriss von Gebäuden. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Der Argumentation, das Gebäude erfülle die neuesten Standards nicht, setze ich eine Autoanalogie entgegen: Ein Oldtimer hat auch nicht die neueste Technik. Er ist ein Kind seiner Zeit, hat seine Eigenheiten und seine Geschichte. Wenn wir ihn pflegen und wertschätzen, dann macht er noch lange Freude, auch wenn nicht jeder ihn fahren möchte. Suchen wir doch lieber nach neuen Nutzungen, die die Qualitäten des Gebäudes wertschätzen, anstatt es abzureißen. Ich hatte dazu bereits einen Vorschlag gemacht: ein Ort der Bildung und Forschung im Herzen der Stadt. Das wäre innovativ.“

Tobias Wulf , Architekt und Mitbegründer des Stuttgarter Büros Wulf Architekten: „Als Grundsatz muss immer gelten: Das Neue muss besser sein als das bisher Bestehende! Was heißt dies im Fall Wittwer?

Der Stuttgarter Architekt Tobias Wulf hält die Bausubstanz des Gebäudes für solide. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Es geht um das vertraute Stadtbild. Es geht um die Architekturqualität. Es geht um die Nutzungsqualität. Es geht um die Nachhaltigkeit. Es geht um das Klima in der Stadt. Erhalt ist grundsätzlich nachhaltiger als Abriss und Neubau. Die Bausubstanz ist solide und weiterbenutzbar. Die Fassade ist ein gutes und solides Zeichen ihrer Zeit. Wenn in Zukunft eine Verbesserung erfolgen soll, geht das nur mit einer Qualitätssicherung. Diese ist nur über einen Architektenwettbewerb möglich – und dies am besten unter der Möglichkeit der Substanzerhaltung.“

Martin Haas, Architekt und Mitbegründer des Stuttgarter Büros haascookzemmrich STUDIO2050 sowie Gastprofessor an der University of Pennsylvania, USA: „Als Büro, das sich konsequent einer nachhaltigen und ressourcenschonenden Architektur verpflichtet fühlt, betrachten wir den geplanten Abriss des Wittwer-Gebäudes, das Teil des kollektiven Gedächtnisses der Stadt ist, mit großem Bedauern.

Martin Haas ist Architekt in Stuttgart und Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) Foto: Frederik Laux

Vor dem Hintergrund der aktuellen ökologischen Herausforderungen erscheint der Rückbau eines bestehenden, grundsätzlich nutzbaren Bauwerks weder zeitgemäß noch verantwortungsvoll. Der Erhalt und die Weiterentwicklung von Bestandsstrukturen müssen heute als zentrale Strategie im Umgang mit unserer gebauten Umwelt verstanden werden – nicht als Ausnahme.

Wir sind überzeugt, dass gerade in der Transformation des Bestands ein erhebliches architektonisches, ökologisches und kulturelles Potenzial liegt, das es zu nutzen gilt. Ein Abriss an dieser Stelle sendet aus unserer Sicht ein falsches Signal im Hinblick auf die dringend notwendige Bauwende.“

Stefanie Weidner, Architektin, Vorständin und Director Sustainability Strategies bei der Werner Sobek AG in Stuttgart:

Die Architektin Stefanie Weidner ist im Stuttgarter Büro von Werner Sobek unter anderem verantwortlich für Nachhaltigkeitsstrategien. Foto: JANINE KYOFSKY

„Nachhaltiger Städtebau braucht einen sensiblen Umgang mit Baukultur und Stadtgeschichte. Gleichzeitig müssen wir die Anforderungen und Bedürfnisse von heute berücksichtigen. Nur so können wir unsere Innenstädte attraktiv und lebendig halten. Es liegt an uns Planenden, hierfür die Voraussetzungen zu schaffen. Wichtig ist hierbei ein integrativer Ansatz, der die ökologischen, ökonomischen und funktionalen Interessen aller Beteiligten bestmöglich berücksichtigt.“

Sascha Bauer, Gründer des Stuttgarter Büros Studio Cross Scale: „Der Wettbewerb Mitte der 1960er war ein Versprechen: ein offenes Haus, mit frei zugänglichen Ebenen, mit direktem Zugang zum kleinen Schlossplatz, mit öffentlichem Programm für alle. Dieses großmaßstäbliche Versprechen und seine über die Jahre adaptierten räumlichen Erfahrungen sind heute nur noch in Fragmenten lesbar. Die später ergänzte Freitreppe ist wieder verschwunden. Der kleine Schlossplatz ist eingekapselt. Der offene Stadtraum, der das Gebäude einst einbettete, hat sich verändert.

Aber das Haus selbst bleibt ein Zeitzeuge zwischen zahlreichen Baustilen um den Schlossplatz. Es steht für den Aufbruch der Stuttgarter Innenstadt nach dem Krieg, für eine Demokratisierung des öffentlichen Raums und für einen Treffpunkt jenseits des digitalisierten Alltags.

Der Stuttgarter Architekt Sascha Bauer setzt sich stark für den Umbau im Bestand ein. Foto: Studio Cross Scale

Wer diesen Bestand abreißt, vernichtet einen Zeitzeugen und eine Ressource, die sich nicht zurückgewinnen lässt. Das ist kein sentimentales Argument. Es ist auch ein ökologisches und ein sozialräumliches, denn insbesondere an diesem Standort erwächst eine stadtgesellschaftliche Verantwortung.

Das Transformationspotenzial dieses materialehrlichen Hauses muss daher erprobt werden – experimentell, offen, mit Beteiligung. Was wäre, wenn die Ebenen zum Ort des Ausprobierens würden?

Wer daher die Königstraße weiterdenkt, braucht diese Orte des Zusammenkommens,des Erlebens, des Gesprächs. Das Haus Wittwer muss genau das bleiben – ein Angebot für die Stadt, das den umliegenden Stadtraum bereichert.“

Jan Theissen und Tobias Bochmann, Architekten und Kreisgruppenvorsitzende Stuttgart & Mittlerer Neckar des Bundes deutscher Architektinnen und Architekten (BDA): „In vielen deutschen Innenstädten lässt sich seit Jahren ein deutlicher Wandel beobachten: Baukultureller Anspruch wird zunehmend durch die rein ökonomische Zwecklogik eines Immobilienwirtschaftsfunktionalismus ersetzt. Trotz Debatten über CO₂‑Bilanz, graue Energie und die Notwendigkeit des Bauens im Bestand werden funktionstüchtige Gebäude abgerissen und durch kurzlebige, renditeoptimierte Neubauten ersetzt, auch in Stuttgart.

Der Architekt Jan Theissen führt mit Sonja Nagel das Stuttgarter Architekturbüro Amunt. Das Team unterhält noch einen Standort mit Kollege Björn Martenson in Aachen. Foto: Lea Girard

In und um die Königstraße verschwinden Häuser, die einst mit architektonischer Haltung entworfen wurden. An ihre Stelle treten Bauten, deren austauschbare Fassaden und pragmatische Innenräume kaum zur Identität der Stadt beitragen. Die Gestaltung von Eingängen, Übergängen und Stadträumen wird zur Nebensache.

Der Stuttgarter Architekt Tobias Bochmann kann sich neue Nutzungen des alten Hauses vorstellen. Foto: Uwe Ditz

Vor diesem Hintergrund wirkt der geplante Abriss des Wittwer-Gebäudes besonders bedauerlich. Denn dieses Haus besitzt Qualitäten, die heute selten geworden sind. Sein Innenraumkonzept mit Split‑Level‑Struktur schafft durch Nischen und Übergänge eine räumliche Vielfalt, die nicht nur der etablierten Buchhandlung zugutekommen, sondern auch für zukünftige Nutzungen attraktiv wären.

Auch städtebaulich zeigt das Gebäude eine Sensibilität, die man heute vermisst: Der Eingang zur Königstraße ist selbstverständlich in die Fußgängerzone eingebunden, während das kleine Café zum höher gelegenen Schlossplatz einen feinen, fast beiläufig eleganten Raumbezug herstellt. Es sind solche Details, die urbane Räume prägen – und die im aktuellen Neubaugeschehen kaum noch vorkommen.

Der Abriss des Wittwer‑Gebäudes wäre daher ein weiteres, sehr prominentes Beispiel für eine Entwicklung, in der Gestaltungsqualität zunehmend als verzichtbar gilt. Dabei wäre gerade jetzt ein bewussterer Umgang mit dem Bestand notwendig: aus ökologischen Gründen, aber auch im Interesse einer Stadt, die ihren Charakter nicht verlieren sollte.“

Peter Pätzold, Architekt und seit 2015 Bürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart, Leiter des Referats Städtebau, Wohnen und Umwelt: „Wir haben im Vorfeld mit dem Eigentümer ausführlich das Thema Erhalt diskutiert. Auch wurde vom Landesamt für Denkmalschutz die Denkmaleigenschaft des Gebäudes geprüft, aber dann am Ende negativ beschieden. Der Eigentümer hat im Ausschuss auch die Gründe vorgestellt, warum das Gebäude nicht erhalten und ertüchtigt werden kann. Dies fand eine große Mehrheit im Ausschuss nachvollziehbar und wir als Verwaltung auch.

Stuttgarter Bürgermeister Peter Pätzold fordert eine hohe gestalterische Qualität eines Neubaus. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Es ist aber noch offen, wie weit ein Rückbau erfolgen soll. Zumindest die Untergeschosse sollen erhalten bleiben. Die Lage des Grundstücks direkt am Schlossplatz, neben dem Kunstmuseum, erfordert hier eine hohe gestalterische Qualität, die ein Wettbewerbsverfahren sichern soll.

Das bestehende Gebäude wurde damals in einer anderen Umgebung geplant (Tunnel, Straße, etc.). Daher gibt es heute bei den Anschlüssen städtebaulich mangelhafte Bereiche, wie der Anschluss an die Freitreppe des Kunstmuseums. Unser Ziel ist es bei diesem Projekt auch diese Bereiche gestalterisch zu lösen und zu verbessern. Der Anschluss des öffentlichen Raums an ein neues Gebäude auf diesem Grundstück ist deshalb aus unserer Sicht ein wichtiges Ziel.“

Info

SOS Brutalismus
Die Initiative begann vor elf Jahren als architektonisches Projekt, heute ist es eine bekannte Initiative: #SOS Brutalism. Die Bewegung kämpft vor allem mit Hilfe der Sozialen Medien für den Erhalt eines umstrittenen wie gefeierten Baustils, der vor allem unsere urbanen Zentren seit den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts prägt.

Brutalismus
Unverputzter Beton, sichtbare Konstruktionen und freiliegende Grundrisse: Das sind die typischen Attribute, die man mit dem Brutalismus verbindet. Der Begriff leitet sich aus dem Französischen „béton brut“ ab und bedeutet so viel wie „roher Beton“ – das charakteristische Material dieser Bauweise. Nun hat die Initiative #SOS Brutalism Stellung bezogen zu den Abrissplänen für einen wichtigen Stadtbaustein am Schlossplatz: dem Wittwer-Gebäude.

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